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28. May 2026
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Sven von Wangenheim

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Geldbrief

Forschung ohne Wachstum

Lesedauer: 6 min
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Sven von Wangenheim, Alexander Marx, Dr. Florian Schuster-Johnson

Deutschland forscht stark, bringt Ergebnisse jedoch schlecht auf den Markt und verliert in Schlüsseltechnologien an Boden. Dabei geben Staat und Unternehmen mehr für Forschung und Entwicklung (FuE) aus als fast jedes andere Land. Wir haben die Unternehmens-FuE-Förderung des Bundes analysiert und gefragt, wer die Mittel eigentlich bekommt. Fast zwei Drittel fließen an Großunternehmen und an etablierte Unternehmen, während junge und kleine Unternehmen kaum etwas erhalten. Deutschland fördert nicht zu wenig – die Förderung erreicht zu Teilen nur die Falschen. Eine gezielte Umgestaltung der FuE-Förderung könnte diese Probleme mindern.

Deutschland hat ein Innovationsproblem. Oder genauer gesagt: ein Innovationsparadox. Die Ausgaben für Forschung und Entwicklung (FuE) steigen, aber viel Innovation kommt dabei nicht heraus. An Geld fehlt es eigentlich nicht: Deutschland investiert mit 3,2 Prozent des BIP so viel in FuE wie kaum ein anderes Land. Allein der Bund gab 2024 etwa 23 Milliarden Euro für Wissenschaft und Forschung aus. Woran liegt es dann?

In unserem neuen Papier zeigen wir: Der Bund fördert vor allem alte, große und teils Midtech-Unternehmen – also eben die, die lieber ihre bestehenden Produkte verbessern als in neue Technologien zu investieren. Die Folge: kleine Verbesserungen beim Verbrenner statt Aufholen in KI, Biotechnologie oder Quantencomputing. Der Bund fördert also nicht zu wenig, sondern zu einseitig.

Für die KI-Feinschmecker: Um die Förderpolitik des Bundes zu analysieren, haben wir den Förderkatalog des Bundes mit Unternehmensdaten aus S&P Capital IQ verschnitten, entsprechend ausgewertet und KI-basiert den Entwicklungsstand der erforschten Technologie klassifizieren lassen.

Die FuE-Förderung fließt zu Marktführern

Unsere Ergebnisse im Detail: Die Innovationsfördermittel des Bundes fließen zumeist an große und alte Unternehmen.

Abbildung 1

Großunternehmen mit mehr als 250 Mitarbeitenden erhalten den Löwenanteil der Förderung. Obwohl sie nur neun Prozent der Empfänger stellen, erhalten sie 65 Prozent der Fördermittel. Kleinstunternehmen unter zehn Mitarbeitenden machen 41 Prozent der Empfänger aus, erhalten aber nur zehn Prozent der Mittel (Abbildung 1).

Abbildung 2

Auch beim Alter dominieren die Etablierten. Unternehmen über 20 Jahre erhalten 64 Prozent der Mittel, junge Unternehmen unter fünf Jahren nur zehn Prozent (Abbildung 2). Dabei bringen kleine und junge Marktteilnehmer überproportional oft große Innovationen hervor.

Die Förderung geht somit überwiegend an starke Marktteilnehmer, die ein nachvollziehbares Interesse an Gewinnen aus bestehenden Produkten haben. Kleine und neue Marktteilnehmer, die neuen Wettbewerb schaffen, werden hingegen benachteiligt. Damit droht die Mitteltechnologie-Falle: Deutschland bleibt in traditionellen Branchen stark, verliert aber in Zukunftstechnologien den Anschluss.

Abbildung 3

Auch wenn etwa die Hälfte der Fördersumme in Hightech-Sektoren fließt, werden nicht zwangsläufig neue Technologien gefördert: ein Elektronikkonzern kann an Halbleitern oder Digitalkameras forschen, ein Automobilkonzern an Verbrennern oder Batterietechnologien. Ohne explizite Technologieziele bleibt offen, ob Schlüsseltechnologien wirklich vorankommen (Abbildung 3).

Hinzukommt: Die Förderpolitik stellt quasi gar keine Mittel für die Frühphase der Technologieentwicklung in Unternehmen bereit. Dahinter steht ein lineares Bild des Innovationsprozesses: Grundlagen an der Uni, Anwendung im Unternehmen. Das ist problematisch, weil gerade in Hightech-Feldern wie KI oder Biotechnologie grundlegende Erkenntnisse zunehmend auch in Unternehmen entstehen. Google DeepMind löste bspw. ein 50 Jahre altes Grundlagenproblem der Biochemie, was mit dem Chemie-Nobelpreis ausgezeichnet wurde. Zudem beruht die Fähigkeit, externes Wissen aufzunehmen und in Produkte zu übersetzen, auf der Forschungsaktivität von Unternehmen. Innovation gelingt somit am besten, wenn Wissenschaft und Wirtschaft in unterschiedlichen Phasen zusammenarbeiten.

Was sich ändern könnte – vier Reformoptionen

Andere Länder gehen bereits vergleichbare Probleme an. Daraus leiten wir vier Reformoptionen ab:

  1. Eine gesetzliche Mindestquote der Bundes-FuE-Mittel für junge und kleine Empfänger nach Vorbild des US-amerikanischen Small Business Innovation Research (SBIR), gekoppelt an Wachstumskriterien. So würden gerade neue Marktteilnehmer erreicht, die in den restlichen Förderprogrammen meist unterrepräsentiert sind.
  2. Eine rechtlich verankerte Technologieprioritätenliste als Verstärkung der Hightech-Agenda. Diese würde Fördermittel programmübergreifend für Schlüsseltechnologien bündeln und an messbare TRL-Fortschritte und Wachstumspotenzial knüpfen.
  3. Mehr Förderung für Frühphasenforschung und bahnbrechende Innovation durch schrittweisen Ausbau der Bundesagentur für Sprunginnovationen (SPRIND) und ein bürokratiearmes Programm nach israelischem Tnufa-Vorbild: schlanker Antrag, schnelle Entscheidung, kleine Zuschüsse. Das würde Forschenden und Unternehmen einen breiten, niedrigschwelligen Zugang zur Forschung an frühen Konzepten bieten und die SPRIND ergänzen, die gezielt ausgewählte Sprunginnovationen fördert.
  4. Eine vereinfachte Wissenschafts-Wirtschafts-Kooperation nach Vorbild der britischen Knowledge Transfer Partnerships. Hochschulabsolvent:innen werden direkt mit Unternehmen zusammengebracht, ohne das zusätzliche Bürokratie für Unternehmen entsteht. So könnte die Innovationstätigkeit und die Fähigkeit zur Wissensverwertung von Unternehmen verbessert werden.

Welche Mischung die richtige ist, ist eine schwierige Frage. Klar ist: Wer aus Wissen Wachstum machen will, muss dafür sorgen, dass Fördermittel da ankommen, wo Wachstum drin ist. Die Geschichte zeigt: Das ist besonders bei neuen Technologien der Fall. Nur zu verbessern, was man schon hat, führt dagegen nicht weit.

Unsere Leseempfehlungen 

  • Wer wissen will, warum Europa strukturell in Mitteltechnologien hängenbleibt und was es dagegen tun kann, findet beim ifo Institut eine ausführliche Analyse mit Daten aus dem gesamten Kontinent. Wer es kompakter mag: hier ein kürzerer Artikel zum Thema.
  • Wer sich einen Überblick verschaffen will, welche Förderprogramme der Bund konkret aufgelegt hat und wie die Förderlandschaft strukturiert ist, wird beim Projektträger Jülich fündig.
  • Wie industrielle Turnarounds gelingen können – und warum ein übermäßiger Fokus auf bestehende Technologien dabei besonders hinderlich sein kann – hat unser Kollege Dr. Maximilian Paleschke in diesem Papier aufgeschrieben.

Medienbericht 28.05.2026

Medienerwähnungen und Auftritte

  • Rückblick
    • Am 15.05.2026 erschien im Newsletter Bildung.Table ein Beitrag zum Bildungshaushalt in Hessen – mit Hanna Merki als Co-Autorin.
    • Am 19.05.2026 erschien in der ZFK ein Gastbeitrag zur Finanzierung der Energieversorgung von Mediha Inan, Max Ostermayer und Frederik Digulla.
    • Am 20.05.2026 erwähnte der Tagesspiegel das Dezernat Zukunft in einem Artikel zum Bundeshaushalt.
    • Am 20.05.2026 wurde Niklas Illenseer im klimareporter° zu sparbedrohten Kleinstprogrammen aus dem Klimafonds zitiert.
    • Am 21.05.2026 empfahl der berlinbubble Newsletter den Vorschlag von Sara Schulte und Dr. Max Krahé zu einer Bundeswohnungsbaugesellschaft.
    • Am 22.05.2026 berief sich Monitor auf Zahlen des Dezernat Zukunft zur Wohnungspolitik.
    • Am 22.05.2026 berichtete der Deutschlandfunk über die deutsche Wohnungspolitik, bezog sich dabei auf eine Studie und einen Geldbrief des Dezernat Zukunft und zitierte Sara Schulte.
    • Am 27.05.2026 erwähnte Merkur.de die Studie des Dezernat Zukunft zu den positiven Effekten von mehr Betreuungsangeboten.
    • Am 28.05.2026 berichtete Table.Media exklusiv über die neue Studie des Dezernat Zukunft zur Innovationsförderung – sowohl im Research.Table als auch im Berlin.Table.

Der Geldbrief ist unser Newsletter zu aktuellen Fragen der Wirtschafts-, Fiskal- und Geldpolitik. Über Feedback und Anregungen freuen wir uns. Zusendung an sven.vonwangenheim[at]dezernatzukunft.org


 

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