
Viel Wissen, wenig Wachstum
Was bei der Innovationsförderung des Bundes schief läuft und wie sie reformiert werden könnte
Sven von Wangenheim, Alexander Marx, Dr. Florian Schuster-Johnson,
Deutschland befindet sich in einem Innovationsparadox. Staat und Unternehmen investieren mehr als fast jedes andere Land der Welt in Forschung und Entwicklung (FuE) – und doch mangelt es an Innovation. Wir untersuchen, ob die Allokation der FuE-Fördermittel des Bundes diesem Paradox entgegenwirkt oder es verstärkt.
Grundlage ist der Förderkatalog des Bundes mit nahezu 40.000 aktiven Fördervorhaben. Für die Unternehmensförderung kombinieren wir ihn mit Unternehmensdaten aus S&P Capital IQ und klassifizierten Technologie-Reifegraden (TRL) mittels Few-Shot-LLM-Klassifikation.
Das Ergebnis: Die Förderpolitik bevorzugt systematisch große und etablierte Unternehmen. Jeweils fast zwei Drittel der Fördersummen fließen an Großunternehmen ab 250 Mitarbeitenden und etablierte Unternehmen, die älter als 20 Jahre sind. Die Fördermittel konzentrieren sich außerdem auf die mittleren Reifestufen TRL 4 bis 6; Frühphasenforschung auf TRL 1 bis 3 erhält bei Unternehmen so gut wie keine Projektförderung. Dieses System fördert nicht disruptive Innovationen, sondern subventioniert die inkrementelle Verbesserung bestehender Produkte. Wir leiten aus dem Vergleich mit anderen Ländern vier Reformoptionen für die Förderpolitik des Bundes ab, die diese Probleme beheben können.
- Ein Förderprogramm für kleine und junge Unternehmen mit gesetzlicher Mindestquote bei der Vergabe von Fördermitteln inkl. Zugang zu öffentlicher Beschaffung.
- Eine gesetzlich verankerte Technologieprioritätenliste mit TRL-Ziel-Vorgaben, durch die die Allokation von Fördermitteln in Schlüsseltechnologien und Hightech-Sektoren geleitet wird.
- Eine Ausweitung der Frühphasenförderung – durch einen schrittweisen Ausbau der SPRIND und ein ergänzendes, breit angelegtes und niedrigschwelliges Programm, das insbesondere auch frühe TRL-Stufen umfasst.
- Stärkere Transferförderung durch neue Anreize und Unterstützung bei der Zusammenarbeit zwischen Universitäten, Forschungsinstituten und Unternehmen sowie direkterem Zugang zu Fördergeldern für Forschende.
Warum haben wir dieses Papier geschrieben?
Deutschland hat ein Wachstumsproblem, das sich zunehmend als Innovationsproblem entpuppt. Bei Schlüsseltechnologien wie KI, Biotechnologie und Halbleitern fällt Deutschland im internationalen Vergleich zurück. An den Ausgaben liegt das nicht: Mit 137 Milliarden Euro pro Jahr investieren Staat und Unternehmen mehr in Forschung und Entwicklung als fast jedes andere Land. Die Frage, die uns interessiert: Wer bekommt die öffentlichen Fördermittel und fördern sie die richtigen Innovationen?
Was haben wir gelernt?
Die deutsche FuE-Förderung subventioniert systematisch den Status quo. Fast zwei Drittel der Bundesmittel fließen an Großunternehmen und Unternehmen, die älter als 20 Jahre sind. Im Schnitt erhält ein Großunternehmen 29-mal so viel wie ein Kleinstunternehmen. Dabei kommen disruptive Innovationen überproportional von jungen und kleinen Unternehmen, die im Fördersystem strukturell benachteiligt sind. Wir leiten vier Reformoptionen ab: eine Mindestquote für junge und kleine Unternehmen, eine gesetzliche Technologieprioritätenliste, mehr Frühphasenförderung und eine vereinfachte Kooperation zwischen Wissenschaft und Wirtschaft. Die Kernempfehlung: nicht mehr Geld, sondern die Förderung gezielter ausrichten.
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