
Wie China Markt für Markt erobert
Dr. Maximilian Paleschke, Philippa Sigl-Glöckner
China baut seit zwei Jahrzehnten systematisch Dominanz beim Export von immer anspruchsvolleren Produkten auf – von Rohstoffen über Kabel, Solarmodule und Werkzeugmaschinen bis hin zu Windturbinen und Fahrzeugen. Die Daten zeigen ein wiederkehrendes Muster: Produkt für Produkt überholt China Deutschland auf dem Weltmarkt. Dieser Geldbrief fragt, was das für deutsche Wachstumsperspektiven bedeutet, und erklärt, warum es deshalb eine technologiespezifische Wirtschaftspolitik braucht.
Eine Technologie nach der anderen
China greift uns an. Nicht militärisch, sondern mit seinen enormen Produktionskapazitäten. Der Angriff passiert nicht zufällig und nicht erst seit gestern. Er erfolgt strategisch und baut sich entlang von Wertschöpfungsketten seit Jahrzehnten auf. Jeder neue Fünfjahresplan beschreibt die nächste Etappe dieses Angriffs. Technologie für Technologie wird so durch China dominiert.
In unserem Turnaround-Papier haben wir beschrieben, wie der China-Schock 2.0 unser Wirtschaftsmodell gefährdet (siehe auch diesen Artikel in der Financial Times). Dieser Schock bezeichnet die zweite Welle chinesischer Exportdominanz, diesmal nicht bei Textilien und Spielzeug wie Anfang der 2000er, sondern bei Solarpanelen, Windturbinen, Industriemaschinen, Leistungselektronik, Autos oder Schiffen. Und zunehmend auch in Zukunftstechnologien wie Biotech, Robotik oder KI.
Immer das gleiche Muster
Handelsdaten zeigen ein sich wiederholendes Muster – unabhängig davon, ob gerade eine Pandemie tobt, der Gaspreis explodiert oder irgendwo Krieg geführt wird. China dominiert nicht aufgrund unserer Energiepreise oder weil unsere Lohnnebenkosten zu hoch sind. China dominiert durch enormes produzierendes Know-how (welches durch ein auf Exzellenz getrimmtes Bildungssystem hervorgebracht wurde), hohe Subventionen, ein Wettbewerbsumfeld, das selbst hartgesottene Mittelständler ins Schwitzen bringen würde, und eine Währung, die schwach gehalten wird.
Abbildung 1 zeigt für neun Produktkategorien, welchen Anteil Deutschland und China am weltweiten Exportwert halten. Wenn Chinas Linie die deutsche von unten überkreuzt, kontrolliert China in dieser Kategorie den größeren Teil des Weltmarkts.
Abbildung 1

In sieben der neun dargestellten Kategorien hat China Deutschland überholt. Bei der Exportmenge ist das bereits in allen Kategorien der Fall. Und es lassen sich zahlreiche weitere Produktgruppen nennen, etwa Fahrräder, Züge, Holzverarbeitungsmaschinen oder chemische Erzeugnisse. Betrachtet man den Zeitpunkt des Überholens, erkennt man, wie China immer komplexere Produkte dominiert. Es startet mit Kabeln, dann folgen Solarmodule, E-Motoren und schließlich Autos. Ein Dominostein nach dem anderen fällt.
Die Überlebensstrategien: Ausweichen, Schützen, Transformieren
Politische Antworten auf diese Lage sollten sich daher mit den spezifischen Technologien und Märkten auseinandersetzen. Hierbei lassen sich drei Archetypen definieren:
Photovoltaik: Hier ist der Zug abgefahren. China überholte Deutschland bereits 2006. Q-Cells aus Bitterfeld war 2008 der weltweit größte Hersteller von Solarzellen und meldete 2012 Insolvenz an. Heute produziert China über 90 Prozent der weltweiten Solarmodule und besitzt Produktionskapazitäten, die das Doppelte des weltweiten Bedarfs befriedigen könnten. Deutschlands einzige Option ist hier das sogenannte Leapfrogging: per Grundlagenforschung technologisch innovativere Solarzellen abseits von Silizium entwickeln, die den Aufbau einer neuen Wertschöpfungskette ermöglichen, und so der Dominanz Chinas ausweichen.
Maschinenbau und Windkraft: Im Bereich Krane und Fördertechnik liegt der Wendepunkt um 2015, bei Metallbearbeitungsmaschinen um 2021 und bei Press- und Biegemaschinen um 2022. Bei Windkraftanlagen liegt Deutschland noch vorne. Aber die Kurven nähern sich an. Siemens Gamesa, Europas größter Windturbinenhersteller schreibt bereits Verluste und muss von der Mutter Siemens Energy stabilisiert werden. Auch Nordex kämpft mit sinkenden Margen. Gleichzeitig baut China Kapazitäten aus. Einige Branchenvertreter meinen, die deutsche Windkraftindustrie kann vielleicht noch ein Jahr weitmachen wie bisher, dann drohen Insolvenzen.
China kann unrentable Preise aufrufen und europäische Produzenten aus dem Markt drängen. Zölle sind daher geeignet, um im europäischen Markt ein ausgeglicheneres Spielfeld zu schaffen und heimische Produktion zu schützen.
Personenkraftwagen: Deutschland führt noch nach Exportwert, nicht aber nach Volumen. 2002 hatte China einen Exportwertanteil bei Pkw von praktisch null, Deutschland exportierte rund sechs Millionen Personenfahrzeuge. Heute sind davon vier Millionen übrig, während China bereits sechs Millionen Einheiten in den Markt gibt – Tendenz steigend. BYD exportiert inzwischen in über 90 Länder. Letzten Monat war der chinesische Jaecoo 7 SUV das meistverkaufte Auto in Großbritannien. Chinesische Hersteller produzieren elektrische Autos von besserer Qualität zu deutlich niedrigeren Preisen.
Sollten deutsche E-Autos technologisch nicht aufschließen, gibt es keinen Grund zu glauben, dass der deutschen Automobilindustrie ein anderes Schicksal droht als der Solarindustrie. VW erwägt zunehmend Werksschließungen in Deutschland. Das ist kein konjunktureller Ausreißer, sondern ein Wendepunkt, der in seiner Dramatik nicht überschätzt werden kann. Transformationsförderung und ein Schließen der Technologielücke sind hier das Ziel.
Ohne technologiespezifische Wirtschaftspolitik wird es nicht gehen
Woher kommt also neues Wachstum, wenn man sich auf dem Weltmarkt mit einem solchen Gegenspieler konfrontiert sieht? China agiert mit einem gut geölten Industriemodell. Deutschland schaut (noch) zu, wie eine Industrie nach der anderen zurückfällt.
Eine Wirtschaftspolitik, die lediglich auf Deregulierung, Bürokratieabbau und Energiepreissubventionen setzt, geht eine riskante Wette ein: dass sich das irgendwie schon regelt. Doch wie die Abbildung 1 zeigt, wird das nicht passieren, da China die Wertschöpfungsleiter methodisch erklimmt und so unsere Wachstumsoptionen abwürgt. Dass die nächste Sprosse Biotechnologie heißt, ist im aktuellen Fünfjahresplan dargelegt und wird einen weiteren deutschen Wachstumssektor unter Druck setzen.
Es gibt aber auch Beispiele, wie es anders geht: Obwohl China massiv in Chips investiert, hat sich Dresden als Cluster etabliert. Infineon ist bei Leistungshalbleitern immer noch Marktführer. Der EU Chips Act und die flankierenden Subventionen haben Investitionen ausgelöst, die ohne staatliche Koordination so wahrscheinlich nicht gekommen wären.
Das kann eine Blaupause sein: Technologien mit Wachstumspotential identifizieren und unterstützen, bevor sie verloren sind. Die große Herausforderung ist, diese Wachstumspotentiale zu identifizieren und staatliches Geld dediziert zum Heben dieser Potentiale einzusetzen. Wir wollen dazu beitragen, dass das gelingt.
Unsere Leseempfehlungen:
- Unser Turnaround-Papier: „Comeback Deutschland? Industrie-Turnarounds und was wir von ihnen lernen können” (Dr. Maximilian Paleschke, Januar 2026)
- „China shock 2.0: the flood of high-tech goods that will change the world“ (Financial Times, 14. April 2026)
- „Beijing’s next bet: Why Europeans should care about biosolutions“ (Janka Oertel, ECFR, Februar 2026)
Medienbericht 07.05.2026
Medienerwähnungen und Auftritte
- Rückblick
- Am 29.04.2026 zitierte The Pioneer Dr. Florian Schuster-Johnson zum Eckwertebeschluss für den Bundeshaushalt 2027.
- Im Mai-Heft des Wirtschaftsdienst erschien ein Kommentar von Sara Schulte zur Wohnungspolitik.
- Am 04.05.2026 veröffentlichte Le Monde ein Interview mit Philippa Sigl-Glöckner zum Status quo der deutschen Wirtschaft.
- Ausblick
- Am 07.05.2026 um 19 Uhr spricht Florian Schuster-Johnson bei einer öffentlichen Podiumsdiskussion der Hochschule Darmstadt über Vermögensteuern.
Der Geldbrief ist unser Newsletter zu aktuellen Fragen der Wirtschafts-, Fiskal- und Geldpolitik. Über Feedback und Anregungen freuen wir uns. Zusendung an maximilian.paleschke[at]dezernatzukunft.org
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