Everyday Joe: Versprochen war mehr
Trump hatte Everyday Joe 2024 Großes versprochen: „Under my plan, incomes will skyrocket, inflation will vanish completely, jobs will come roaring back…“ Noch sieht man davon wenig. Die Reallöhne liegen dort, wo sie bei Amtsantritt lagen. Die Festnahmen der Einwanderungsbehörde ICE sollten Amerikanern weniger Konkurrenz und damit höhere Löhne bringen. Dieser Effekt ist bisher ausgeblieben.
Allerdings könnte sich die Lage bei Industriejobs verbessern. Noch gibt es 41.000 Jobs weniger als Ende 2024. Seit Dezember 2025 geht es aber wieder aufwärts, vor allem in der Metallverarbeitung und dem Transportsektor. Das könnte erst der Anfang sein, denn Firmen stellen meist dann ein, wenn sie sicher sind, dass die Nachfrage bleibt. Die Aufträge für Maschinen und Ausrüstung liegen 16 Prozent über dem Stand bei Amtsantritt, so hoch wie nie.
Steigende Lebenshaltungskosten sind weiterhin ein Problem: Die Verbraucherpreise erhöhten sich um 3,3 Prozent pro Jahr. Die von Trump eingeführten Zölle zahlen vor allem die amerikanischen Konsumenten, nicht ausländische Unternehmen: Bis Februar 2026 haben sie Konsumgüter um 2,9 Prozentpunkte verteuert.
Ein noch wichtigerer Inflationstreiber sind die Energiepreise. Obwohl die USA so viel Öl fördern wie nie, kostet Benzin infolge des Iran-Kriegs rund 40 Prozent mehr als bei Amtsantritt. Der Dieselpreis erreichte im September ein Rekordhoch.
Dass die Lebenshaltungskosten so gestiegen sind, liegt nicht daran, dass Trump das Thema ignoriert. Im Gegenteil, er äußert sich viel dazu. So wollte er unter anderem die Kreditkartenzinsen auf zehn Prozent deckeln. Er wies an, Hypothekenanleihen für 200 Milliarden Dollar aufzukaufen, um die hohen Zinsen für den Hauskauf zu drücken. Mit den Pharmakonzernen handelte Trump niedrigere Preise aus, die deren Umsatzerwartungen allerdings bisher nicht gesenkt haben. Gewirkt hat von all diesen Vorhaben bisher aber wenig.
Dagegen dürften zehn Millionen Joes und Joannes infolge von Trumps Steuer- und Ausgabengesetz, dem „One Big Beautiful Bill Act“, ihre Krankenversicherung verlieren. Das Gesetz kürzt die Gesundheitsausgaben des Bundes bis 2034 um rund eine Billion Dollar, vor allem bei Medicaid, der Krankenversicherung für Geringverdiener.1 Gut vier Millionen weitere Menschen dürften ihre Krankenversicherung verlieren, weil Ende 2025 zusätzliche Zuschüsse für die Obamacare-Versicherung ausgelaufen sind.2
Als Reaktion darauf steht in Kalifornien eine einmalige Vermögensabgabe von fünf Prozent für Milliardäre zur Abstimmung. Das Volksbegehren wurde von dem Präsidenten einer Gewerkschaft im Gesundheitswesen ins Leben gerufen, um die Kürzungen aus der Big Beautiful Bill zu kompensieren.
Weder die Zölle noch die Kürzungen im Gesundheitssystem führen zu einer Sanierung des Staatshaushalts. Zum einen wurden bereits 130 Milliarden Dollar an Zolleinnahmen zurückgezahlt, weil Gerichte die Zölle für unrechtmäßig erklärt haben. Zum anderen erhöhen Steuersenkungen das Defizit deutlich. Das Congressional Budget Office erwartet für 2027 ein Defizit von 5,7 Prozent der Wirtschaftsleistung. Allein die Zinsen belaufen sich auf 3,4 Prozent, deutlich mehr als die 2,8 Prozent, die der finanzpolitisch viel kritisierte französische Staat für Zinsen aufwenden muss.
Unternehmen: Boom bei KI, Druck für den Rest
Für Unternehmen ist die zweite Amtszeit Trumps deutlich besser gelaufen, zumindest im Durchschnitt. Die Unternehmensinvestitionen wachsen um rund 8 Prozent pro Jahr. Doch das trägt fast allein die KI: Investitionen in KI-nahe Bereiche wachsen um 21 Prozent pro Jahr, der Rest schrumpft leicht. Gebaut werden Rechenzentren, keine Fabriken. Die Bauausgaben für Industrieanlagen sinken um 19 Prozent pro Jahr, auch weil der Boom beim Bau von Chipfabriken nach Bidens CHIPS Act ausläuft.
Bemerkenswert ist aber, wie weit die Trump-Regierung die Abhängigkeit von China bei Seltenen Erden verringert hat. Fortschritte gab es bereits unter Joe Biden, aber die Trump-Regierung scheint deutlich hemmungsloser in dem, was sie gewillt ist zu tun. Sie erwirbt strategische Beteiligungen an Unternehmen, tätigt Investitionen im Ausland, setzt Mindestpreise und hat mit Project Vault angefangen, eine Reserve aufzubauen, die nicht militärischen, sondern wirtschaftlichen Zwecken dient.
Das hat Auswirkungen, zum Beispiel auf MP Materials, Betreiber der einzigen US-Mine für Seltene Erden: Bis vor Kurzem verkaufte das Unternehmen nach China. 2025 wurde das Pentagon größter Anteilseigner, gab einen Kredit und garantierte einen Mindestpreis. Heute stellt MP Materials Magnete in den USA her und verkauft nichts mehr nach China. Zuletzt deckten heimische Produzenten ein Drittel des US-Bedarfs.
Auch sonst greift Trumps Regierung deutlich stärker ein als ihre Vorgänger: Laut Council on Foreign Relations hat sie seit Januar 2025 48 Firmenbeteiligungen über gut 30 Milliarden Dollar angekündigt, vor allem bei Rohstoffen, Chips und Energie, darunter zehn Prozent an Intel.
Trumps Zollpolitik belastet Everyday Joe als Konsumenten, aber der Arbeiter Everyday Joe könnte eines Tages davon profitieren. Der Präsident nutzt die Androhung von Zöllen gezielt, um Unternehmen unter Druck zu setzen, in den USA zu investieren. Von Chip- bis Pharmakonzernen, von Apple bis Audi haben Unternehmen im Gegenzug für günstigere Einfuhrbedingungen Investitionen in den USA zugesagt.
Noch haben sich diese Investitionen nicht materialisiert. Die großen Projekte der Autobauer gehen erst zwischen Ende 2026 und 2031 in Produktion (Abbildung 3). Bisher hat die Autoindustrie trotz Zöllen seit Ende 2024 gut 25.000 Jobs verloren.
Trumps Investitionspolitik zu verstehen, ist wichtig für die deutsche Standortdebatte. Wir laufen Gefahr, uns so sehr in die Depression hineinzureden, dass wir übersehen, warum Investitionen in die USA fließen: nicht notwendigerweise, weil die Bedingungen dort besser sind, sondern weil Trump mit Zöllen den Business Case dreht und jedem Unternehmen einzeln klarmacht, was er erwartet.
Es hat etwas Paradoxes, wenn die, die heute in Deutschland weniger Staat möchten, gleichzeitig auf die USA als Vorbild zeigen. Kaum eine US-Regierung hat sich außerhalb von Krieg und Krise so stark in einzelne Unternehmen eingemischt.
Krypto: Freie Fahrt
Gut lief die zweite Amtszeit bisher für die Krypto-Branche. Washington verklagt Anbieter nicht mehr wegen nicht registrierter Wertpapiergeschäfte und geht weniger gegen Geldwäsche und Betrug vor. Die Chefs wichtiger Aufsichtsbehörden sind kryptofreundlich. Mit dem GENIUS Act brauchen Stablecoin-Emittenten künftig eine Zulassung. Sie müssen jeden Coin eins zu eins decken, mit Bargeld, Bankeinlagen oder kurzlaufenden US-Staatsanleihen. Damit können Stablecoins zu großen Käufern von Staatsanleihen werden. Das kommt einer Regierung, die jedes Jahr rund zwei Billionen Dollar neue Schulden macht, sehr gelegen.
Trump: Der größte Gewinner
Zu knapp einem Viertel der Rohstoffprojekte, die der Staat fördert, haben Trumps Familie oder die von Handelsminister Howard Lutnick Verbindungen. Trump selbst hat 2025 an Aktien von MP Materials verdient, einem Unternehmen, dem der Staat einen Mindestpreis für Seltene Erden garantiert. Sein Vermögen ist laut Forbes seit Ende 2024 um 2,7 Milliarden Dollar gewachsen, vor allem durch Krypto- und Auslandsgeschäfte. Der größte wirtschaftliche Gewinner dieser Amtszeit sind Trump und sein Umfeld selbst.