Deutschland soll verteidigungsfähig werden. Ob das gelingt, wird kontrovers diskutiert. Kaum diskutiert wird, was die Wirtschaft mit dem Geld macht und was wir neben Verteidigungsfähigkeit davon haben.
Der Rüstungsboom erlebt gerade einen Dämpfer. Beispiel Rheinmetall: Der Aktienkurs hat sich seit Anfang des Jahres fast halbiert. Mehrere Banken haben das Kursziel gesenkt: Für Wachstum über 2030 hinaus brauche der Konzern mehr Aufträge. Wie viel der Bund nach 2030 bestellt, ist aber offen.
Bis dahin kennen die Verteidigungsausgaben nur eine Richtung: nach oben. 140 Milliarden Euro im kommenden Jahr, 184 Milliarden Euro in 2031. Verteidigung wäre dann der größte Haushaltsposten, größer als die Zuschüsse an die Rentenversicherung.
Rekordausgaben mit Ablaufdatum
In der Theorie sollte das Geld die Wirtschaft ankurbeln. Der Staat beauftragt Unternehmen und diese investieren idealerweise in Deutschland. Das schafft Wertschöpfung und Jobs.
Fakt ist: Das Geld fließt. Vor allem in Beschaffung: Die Ausgaben für Panzer, Munition und Flugzeuge verdreifachen sich von 19 Milliarden Euro (2024) auf 63 Milliarden Euro (2027). Jahrzehnte des Rückbaus sollen wieder aufgebaut werden. Mehr Beschaffung heißt mehr Kapazitäten in der Industrie. Zumindest wenn die Industrie davon ausgehen kann, dass der Staat dauerhaft mehr bestellt – Stichwort: Planungssicherheit.
Dass dauerhaft so viel mehr beschafft wird, ist aber unwahrscheinlich. Ist die Bundeswehr einmal ausgerüstet, reicht weniger Geld, um den Bestand zu halten. Die Ausgaben dürften daher sinken und damit der Umsatz der Unternehmen. Dies ist ein historisch wiederkehrendes Muster: Nach jedem Aufrüstungsboom der Nachkriegszeit waren drei Viertel des Anstiegs nach fünf bis 16 Jahren wieder abgebaut. Diesen Verlauf nennen wir den Beschaffungsbuckel.1
Wie hoch und breit der Buckel wird, ist nicht kommuniziert, da dies von sicherheitspolitischen Szenarien abhängt. Beispielsweise würde ein Angriff Russlands auf die NATO die Bedarfe drastisch erhöhen. Doch auch ein Basisszenario ist nicht klar umrissen. Das erschwert die Planung der Unternehmen, denn niemand will Fabriken bauen, die in zehn Jahren leer stehen.
Mehr Werke, mehr Jobs – aber auch mehr Dividenden
Trotz dieser Unsicherheit bauen deutsche Rüstungskonzerne Kapazität auf. 2 Seit der russischen Vollinvasion haben sich die Investitionen verdoppelt und die Zahl der Beschäftigten ist von 33.000 auf 56.000 gestiegen (siehe Abbildung 2). Gemessen am Umsatz investieren sie mehr als die Konkurrenz im Rest der Welt. Auch junge Unternehmen wachsen: Bei der Finanzierung von Rüstungsstartups liegt Deutschland mittlerweile auf Platz Eins in Europa.
Zwei Entwicklungen trüben das Bild. Erstens wachsen Ausgaben für Forschung und Entwicklung in der Branche langsamer als die Umsätze. Investiert wird vor allem in Menge, nicht Technologie. Zweitens schütten die Unternehmen deutlich mehr Dividenden aus: Die Ausschüttungsquote stieg von 23 auf 45 Prozent, vor allem bei Rheinmetall. Dieses Geld wird nicht investiert.
Analysten erwarten, dass die Umsätze deutscher Rüstungsunternehmen bis 2029 im Gleichschritt mit den voraussichtlichen Bundesausgaben wachsen (Abbildung 3). Danach erwarten sie weiter steigende Umsätze, wir dagegen erwarten im Basisszenario stagnierende Staatsausgaben. Diese Lücke müsste dann durch Exporte oder steigendes Servicegeschäft geschlossen werden. Gelingt das nicht, verfehlen Unternehmen ihre Wachstumserwartungen und dürften weniger investieren.
Die Stellschrauben: Planungssicherheit, Wertschöpfung, Gewinnverwendung
Die Politik muss ein Trilemma auflösen. Gelingt es nicht, die Rüstungsmilliarden in (1) dauerhaftes Wachstum zu übersetzen, geht am Ende (2) der Haushalt nicht auf, was wiederum (3) unsere Verteidigungsfähigkeiten schwächt. Dabei helfen drei Stellschrauben:
Planungssicherheit schaffen. Der Bund sollte über Szenarien klarstellen, wie viel er über 2029 hinaus ausgeben will. Dabei kann neben Stückzahlen auch Kapazität bezahlt werden: Unternehmen halten beispielsweise Produktionslinien und Grundchemikalien für Sprengstoff vor und fahren die Fertigung im Ernstfall hoch. Ein Vorbild: Seit 2022 bezahlt der Bund BioNTech dafür, Produktionskapazitäten für Impfstoffe bereitzuhalten.
Mehr Wertschöpfung im Inland halten. Gut ein Viertel des seit 2020 vergebenen Auftragswerts geht laut Kieler Beschaffungstracker ins Ausland, insbesondere Hightech. Bei Vergaben sollten Fertigungstiefe, Forschung und Beschäftigung in Deutschland deshalb systematisch erfasst und gewichtet werden. Zudem kann ein Haushalt dieser Größe gezielt zivil breit nutzbare Technologien fördern, etwa Sensorik, KI-Steuerung oder neue Fertigungsverfahren. Der Verteidigungshaushalt wäre dann auch Innovationshaushalt.
Unternehmensgewinne in Investitionen lenken. Großbritannien legt für Aufträge ohne Wettbewerb jährlich einen Basisgewinnsatz fest. Die USA gehen direkt gegen Ausschüttungen und Aktienrückkäufe von Rüstungsfirmen vor. Wichtig ist, dass solche Regeln für das ganze Unternehmen gelten, nicht nur für einzelne Aufträge. Sonst fließt eben anderes Geld an die Aktionäre.