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11. Juni 2026
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Paul Görlich

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Geldbrief

Welche Märkte lohnen sich?

Lesedauer: 6 min
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Paul Görlich, Dr. Maximilian Paleschke

In unserem neuen Papier stellen wir den Tragfähigkeitscheck vor: eine Methode, die für spezifische Technologien berechnet, ob staatliche Unterstützung Folgeinvestitionen in Deutschland fördert, oder Negativrenditen verlängert. Wir berechnen, wie politische und unternehmerische Hebel auf die Tragfähigkeit wirken – anwendbar auf Bestands- und auf Zukunftstechnologien. Wirtschaftspolitische Instrumente wirken je nach Geschäftsmodell fundamental unterschiedlich. Energiesubventionen, Steuersenkungen und Lohnkostenreduktion sind in keinem der untersuchten Fälle der wirkungsvollste Hebel.

Milliarden an Subventionen suchen ein Ziel

Die Wirtschaft in Deutschland stagniert seit Jahren. Vor allem China macht deutschen Firmen zu schaffen: chinesische Hersteller übernehmen einen Markt nach dem anderen, von einfachen Produkten wie Solarpanelen bis zu komplexen wie PKW. Die Bundesregierung reagiert mit Kostensenkungen: Energiesubventionen, einfacheren Abschreibungen, Körperschaftssteuersenkung. Das hilft primär energieintensiven Bestandsindustrien. Jährlich fließen rund 60 Milliarden Euro Finanzhilfen an Unternehmen. Doch auch diese Summen helfen wenig. China ist und bleibt der günstigere Produktionsstandort. Zu Wettbewerbsfähigkeit und neuem Wachstum können solche Instrumente nicht beitragen.

Deutschland hatte schon immer vergleichsweise hohe Lohnkosten. Aber: It’s a feature, not a bug. Solange Unternehmen über Eintrittsbarrieren verfügen, läuft das Geschäft. Eintrittsbarrieren sind der Schutzschild von gut bezahlten Jobs und damit unserem Wohlstand. Diese Barrieren können unterschiedliche Formen annehmen: Technologische Exzellenz (wie beim Optikhersteller ZEISS oder Laserproduzenten TRUMPF), hohe Investitionshürden und Prozesswissen (wie beim Chipproduzenten Infineon) oder enge Kundenbindung (wie beim Software-Konzern SAP) sorgen dafür, dass Unternehmen Preise setzen können, und ermöglichen hohe Margen. Fallen diese Barrieren, fällt auch der Schutzschild unseres Wohlstandes. Doch statt neue Barrieren aufzubauen, nimmt die Politik nur die Kosten in den Blick.

In unserem neuen Papier haben wir einen Tragfähigkeitscheck entwickelt und anhand von Fallbeispielen getestet. Der Check zeigt, warum die bisherige Politik nicht ausreicht und auch etwas am Problem vorbei agiert. Effektive Wirtschaftsförderung sollte tragfähige von nicht tragfähigen Geschäftsmodellen unterscheiden, damit Subventionen nicht dazu benutzt werden, Dividenden zu zahlen, Aktien zurückzukaufen oder im Ausland zu investieren.

Der Tragfähigkeitscheck

Wir setzen dafür die Brille potenzieller Investorinnen und Investoren auf: Diese würden in die Produktion eines bestimmten Guts in Deutschland nur investieren, wenn sie mindestens mehr Geld herausbekommen als sie hineinstecken. Das hineingesteckte Geld ist das investierte Kapital (z. B. in Maschinen, Büros, Gehälter), das hoffentlich vermehrte Kapital wird als Kapitalrendite bezeichnet.

Geld ist aber nicht gleich Geld. Die sogenannten Kapitalkosten spiegeln wider, wie teuer Eigen- und Fremdkapital für das Unternehmen ist, inklusive Risiken und Opportunitätskosten der Investoren. Das bedeutet: Produktion ist dann „tragfähig“, wenn der Geschäftsbetrieb mehr Kapitalrendite abwirft, als das investierte Kapital gekostet hat. Dann ist es wahrscheinlich, dass weiter investiert wird. Liegt die Rendite dauerhaft unter den Kapitalkosten, werden private Investoren nicht investieren.[1]

Diese Tragfähigkeit, und wie verschiedene Einflussfaktoren sie verändern, berechnen wir für spezifische Technologien auf Basis der realen Geschäftszahlen der relevanten Unternehmen.[2]

Fallstudie 1: Verbrenner-LKW und -Busse – kaum Effekt durch Lohn- und Stromkostensenkung

Deutschland ist mit rund 50.000 Beschäftigten einer der wichtigsten Produktionsstandorte für schwere LKW und Busse in Europa. Unsere Schätzungen deuten darauf hin, dass die Produktion von Verbrenner-LKW in Deutschland ihre Kapitalkosten nicht erwirtschaftet. Die Ursache: hohe Kosten sowie verlorene Preissetzungsmacht in einem Markt, der durch die Transformation hin zu Elektroantrieben stagniert bzw. schrumpft.

Unsere Analyse zeigt: Kein einzelner politischer Einflussfaktor kann die Tragfähigkeit allein herstellen. Selbst bei einem auf einen Cent pro Kilowattstunde subventionierten Energiepreis bleibt der Tragfähigkeitscheck negativ. Steuersenkungen und Investitionszuschüsse sind für eine personalintensive Bestandsindustrie nahezu wirkungslos. Der wirksamste Weg zur Tragfähigkeit liegt in der Kombination aus Gesundschrumpfung, also Kapazitätsreduktion und Produktivitätssteigerung, sowie dem Aufbau neuer Eintrittsbarrieren. Beides geschieht bereits: Restrukturierungsprogramme der Hersteller versuchen, Arbeitsplätze einzusparen. Parallel fließen bei MAN Milliarden in die Elektrifizierung der deutschen Standorte, während Daimler Wasserstoffantriebe entwickelt. Abbildung 1 zeigt die Verbesserung der Tragfähigkeit anhand zweier Rechenbeispiele.

Abbildung 1

Fallstudie 2: Optical Engines – wenn Förderung den Unterschied macht

Ganz anders die zweite Fallstudie, in der wir einen Zukunftsmarkt analysiert haben: die Fertigung von Optical Engines für KI-Chips am Standort Deutschland. Im Gegensatz zur Nutzfahrzeugproduktion zeigt unser Modell hier ein potenziell profitables Geschäftsmodell mit lukrativer Marge. Die negative Tragfähigkeit entsteht durch die großen Anfangsinvestitionsbedarfe.

Entsprechend unterscheiden sich die wirksamen Einflussfaktoren. Der entscheidende Hebel sind direkte Investitionssubventionen oder eine Reduzierung der Kapitalkosten: Bei einer Subvention von 30 bis 50 Prozent der Erstinvestition, vergleichbar mit der ESMC-Chipfabrik in Dresden, wird der Tragfähigkeitscheck positiv. Deutschland hat hier aufgrund seiner ausgezeichneten Kreditwürdigkeit einen Vorteil: Über Bürgschaften und Abnahmegarantien des Bundes lassen sich die Kapitalkosten der Unternehmen deutlich senken, ohne den Bundeshaushalt direkt zu belasten.

Abbildung 2

Effektive Wirtschaftspolitik braucht tiefes Marktverständnis

Die Wirksamkeit wirtschaftspolitischer Instrumente hängt vom zugrundeliegenden Geschäftsmodell ab. Mit dem Tragfähigkeitscheck liefern wir eine quantitative Basis, um die Wirksamkeit für spezifische (Zukunfts-)Branchen zu bewerten. Bei einer Bestandsindustrie mit schrumpfenden Eintrittsbarrieren kann der Staat die Gesundschrumpfung unterstützen, was den Aufbau neuer Märkte allerdings nicht ersetzt. Bei einer kapitalintensiven Zukunftstechnologie mit profitablem Geschäftsmodell kann gezielte staatliche Co-Finanzierung den Unterschied zwischen Ansiedlung und Nichtansiedlung machen.

Der Tragfähigkeitscheck kann dazu beitragen, Geld dorthin zu lenken, wo es langfristig unsubventionierte Beschäftigung sichert. Die Analyse ist jedoch nicht einfach, es braucht tiefes Marktverständnis. Falls Sie dieses besitzen: Wir sind am Austausch zur Berechnung weiterer Branchen interessiert!

Unsere Leseempfehlungen 

  • Hier findet ihr den Link zum vollständigen Papier.
  • Den Link zu unserer Turnaround Studie findet ihr hier.
  • Was bei der Innovationsförderung des Bundes schief läuft und wie sie reformiert werden könnte, könnt ihr hier lesen.

Medienbericht 11.06.2026

Medienerwähnungen und Auftritte

  • Rückblick
    • Am 02.06.2026 sprach Philippa Sigl-Glöckner im WDR 5 Morgenecho über den Monitoringbericht zum Sondervermögen für Infrastruktur und Klimaschutz.
    • Am 02.06.2026 war Maximilian Paleschke zu Gast im Podcast „Gewinne Zukunft“.
    • Am 02.06.2026 erschien ein Beitrag von Vera Huwe und Niklas Illeseer zu Investitionen ins Schienennetz im Tagesspiegel Background.
    • Am 02.06.2026 berichtete die Rheinische Post über die Studie des Dezernat Zukunft zur Schienenfinanzierung.
    • Am 03.06.2026 war Sara Schulte zu Gast im Podcast „New Books Network“, um über die deutsche Wohnungspolitik zu sprechen.
    • Am 06.06.2026 wurde die Studie des Dezernat Zukunft zur Innovationsförderung im Podcast „Table Today“
    • Am 09.06.2026 wurde Florian Schuster-Johnson in der WELT zu Ausnahmen für die Energiewende bei EU-Fiskalregeln zitiert.
    • Am 09.06.2026 erwähnte energate messenger das Dezernat Zukunft in einem Bericht über die Finanzierung kommunaler Versorger.

Fußnoten

[1] Das Verhältnis von Kapitalrendite zu Kapitalkosten wird auch als Value Spread bezeichnet. Multipliziert mit dem investierten Kapital ergibt sich der sogenannte Ökonomische Profit. Ist dieser positiv, bezeichnen wir den Sektor als tragfähig.

[2] Wir summieren de-facto die Geschäftstätigkeit der Unternehmen in diesem Sektor in Deutschland auf. Dafür müssen teilweise Schätzungen vorgenommen werden, wenn beispielsweise ein Geschäftsbereich die Produktion mehrerer Güter enthält oder Produktionsstandorte über mehrere Länder verteilt sind.

Der Geldbrief ist unser Newsletter zu aktuellen Fragen der Wirtschafts-, Fiskal- und Geldpolitik. Über Feedback und Anregungen freuen wir uns. Zusendung an paul.goerlich[at]dezernatzukunft.org


 

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