Nach zweieinhalb Jahren Planung kam diesen Montag die Meldung: Intel wird sein Projekt um die beiden Halbleiterfabriken bei Magdeburg pausieren – für etwa zwei Jahre (Der Spiegel). Das Vorhaben ist ein Prestigeprojekt: Angedacht war, dass Chips mit einer Strukturgröße von 1,5 Nanometern produziert werden sollen. Das wären aktuell die weltweit fortschrittlichsten Chips. Gleichzeitig wäre das über 30 Milliarden Euro umfassende Projekt die größte Einzelinvestition eines ausländischen Unternehmens in Deutschland.
Auch für die Bundesregierung spielen die geplanten Intel Werke in Magdeburg eine wichtige Rolle. Mit 9,9 Milliarden Euro wäre die geplante Förderung des Projekts die höchste, die je an ein einzelnes Unternehmen in der Geschichte der Bundesrepublik ging. Damit, so Olaf Scholz, schließe Deutschland technologisch zur Weltspitze auf und baue eigene Kapazitäten für die Ökosystementwicklung und Produktion von Mikrochips aus.
Gleichzeitig war das Projekt von Anfang an umstritten. Clemens Fuest (Präsident des ifo Instituts) bemängelte beispielsweise, dass das Intel-Werk durch seinen Fokus auf die physische Chipproduktion nur in geringem Maße zur Forschungsförderung beitragen werde, Stefan Kooths (Direktor des Forschungszentrums Konjunktur und Wachstum des IfW Kiel) argumentierte, dass die Gelder besser in Bildungsinvestitionen angelegt seien.
Vor diesem Hintergrund wollten wir verstehen, was ein gutes industriepolitisches Projekt ausmacht und wie solche Vorhaben analysiert werden könnten. Zu diesem Zweck haben wir in den letzten Monaten einen Leitfaden für die Bewertung von staatlichen Investitionen (BESTInvest-Leitfaden) entwickelt und auf die Intel-Ansiedlung angewandt.
Das Ergebnis unserer Analyse haben wir Dienstag publiziert. Unser Fazit: Das Projekt ist zu Recht umstritten. Der BESTInvest-Leitfaden identifiziert vier Ziele, die mit industriepolitischen Maßnahmen verfolgt werden können, und strukturiert die Untersuchung möglicher Projekte entlang von acht Mechanismen, mittels derer ein Projekt zur Erreichung dieser Ziele beitragen kann.1 Abbildung 1 zeigt, wie die Magdeburger Intel-Werke in diesem Raster abschneiden.
Diese Bewertungen begründen sich wie folgt. In der Halbleiterbranche schaffen Lernkurven-, Cluster und Innovationseffekte zwar Pfadabhängigkeiten, die grundsätzlich ein „infant industry“ Argument plausibel und eine industriepolitische Investition sinnvoll machen können. Doch deren Ausmaß ist mit großen Unsicherheiten verbunden. Insbesondere bleibt unklar, ob die angedachte einmalige Unterstützung ausreichen würde, um Intel Werke langfristig wettbewerbsfähig zu machen.
Auch die erwarteten Innovationseffekte sind verhältnismäßig gering: Einerseits sollen die Werke ein Fertigungs- und kein Forschungsstandort werden. Andererseits werden technische Innovationen in der Halbleiterproduktion in der Regel geheim gehalten und sind schwer zu kopieren, sodass geringe Innovationsexternalitäten zu erwarten sind.
Zudem werden verhältnismäßig wenige Arbeitsplätze in einem Arbeitsmarkt geschaffen, in dem aktuell ein Fachkräftemangel herrscht. Es ist daher offen, ob die gesamt- und regionalwirtschaftlichen Effekte des Projektes die Höhe der Subventionssumme rechtfertigen.
Neben den wirtschaftlichen Faktoren sind auch Klima- und Souveränitätseffekte relevant. Diese schätzen wir als positiv, aber moderat ein. Auf den Seiten 16-21 unseres Berichtes lesen Sie die Gründe.
Die geplanten Intel Werke in Magdeburg sind also nicht aus jeder Perspektive kluge Industriepolitik. Doch eine abschließende Gesamtbewertung hängt an der Gewichtung der einzelnen Aspekte. Aufgrund der oben angesprochenen Pfadabhängigkeiten spielt außerdem die Bereitschaft und die Fähigkeit, gegebenenfalls mit weiteren Maßnahmen die Clusterbildung und die Wettbewerbsfähigkeit der Halbleiterbranche in Deutschland und Magdeburg zu fördern, eine Rolle. Es gibt also keine einfachen Antworten. Gute Industriepolitik ist schwierig.
Deshalb freuen wir uns, unsere Analyse kommenden Donnerstag (26.09.24) um 12 Uhr im Zuge eines Webinars mit Ihnen zu diskutieren. Wir begrüßen zu diesem Anlass Dr. Marc Bovenschulte, Leiter des Bereichs Demografie, Cluster und Zukunftsforschung bei der VDI/VDE Innovation + Technik GmbH, der unser Papier kommentieren wird. Als Co-Autor des Reports „Ökonomische Effekte der Intel-Ansiedlung in Magdeburg“ sowie Autor des Artikels „Entstehende Hightech-Komplexe als Kern regionaler Missionen“, könnten wir uns keinen geeigneteren Gesprächspartner vorstellen.
Unsere Leseempfehlungen:
- Unseren Report zu der staatlichen Förderung der Intel-Halbleiterwerke in Magdeburg finden Sie hier.
- Die erwähnte VDI/VDE Innovation + Technik GmbH Studie untersucht ebenfalls die ökonomischen Effekte der Intel-Ansiedlung und geht dabei besonders detailliert auf Lieferkettenzieheffekte ein.
- Ebenfalls empfehlenswert ist diese Studie des CIMA Institut für Regionalwirtschaft zu den regionalen Implikationen der Intel-Ansiedlung, unter anderem mit einem Fokus auf Arbeitsmarkteffekte.
- Zuletzt: Der Spiegel Artikel zur Projekt-Verschiebung von Intel-Magdeburg