Fachtext
Saskia Gottschalk, Dr. Florian Schuster-Johnson, Hannah Hägele, Amelie Kaupa
22. Juni 2026

Wie andere Länder die Rente finanzieren

Zielkonflikte, Reformoptionen und wie sie sich auf den Bundeshaushalt auswirken könnten

Der demografische Wandel setzt das deutsche Rentensystem unter Druck. Er schafft einen Zielkonflikt zwischen guten Renten einerseits, die einen sicheren Lebensstandard garantieren und Lebensleistung reflektieren, und einer nachhaltigen Finanzierung andererseits, die weder Beitragszahler noch Bundeshaushalt zu stark belastet. Die Bundesregierung möchte mit einer großen Rentenreform gegensteuern. Dabei können die Erfahrungen anderer Länder Orientierung bieten. In diesem Papier analysieren wir, wie Dänemark, Kanada, die Niederlande, Schweden und die Schweiz ihre Rentensysteme für die gesellschaftliche Alterung gerüstet haben, und skizzieren, wie ihre Reformen in Deutschland umgesetzt werden könnten.

Konkret betrachten wir (1) die Einführung einer steuerfinanzierten Grundrente, (2) die Ausweitung der Lebensarbeitszeit durch ein an die Lebenserwartung gekoppeltes Renteneintrittsalter und den Ersatz der abschlagsfreien Rente für besonders langjährig Versicherte durch eine Schwerstarbeitendenrente sowie (3) eine ergänzende, verbindliche kapitalgedeckte Altersvorsorge.

Wir zeigen, dass eine solche Reform dazu beitragen könnte, einen höheren, armutsfesten Lebensstandard im Alter zu gewährleisten. Erwerbsarbeit würde so besser als heute für gute Renten sorgen und das Rentensystem seiner ursprünglichen Zielstellung näherkommen. Allerdings dürfte die Abgabenbelastung der Erwerbstätigen nicht sinken, sondern lediglich weniger stark steigen. Auch für das akute Haushaltsproblem der Bundesregierung ist eine Rentenreform keine Lösung. Der Bundeshaushalt wird auch in der Zukunft substanzielle Ausgaben zur Alterssicherung übernehmen. Sie könnte durch eine Reform jedoch gezielter zur Armutsvermeidung und Widerspiegelung der Lebensleistung eingesetzt werden, der Alterung der Gesellschaft Rechnung tragen und unterstützend für eine Wirtschaftsreformagenda wirken: So würden Kosten begrenzt, ohne den Konsum zu schwächen, und Biografien unterstützt, die durch Erziehungs- und Pflegearbeit einen wesentlichen Beitrag zum Wohlstand und der Bewältigung des demografischen Wandels leisten.

Zielkonflikt: gute Renten vs. nachhaltige Finanzen?

  • Die Bundesregierung plant eine große Rentenreform. Die eigens dafür eingesetzte Rentenkommission wird in Kürze Vorschläge vorlegen. Ihre Zielsetzung ist: das Rentensystem demografiefest machen, den Bundeshaushalt entlasten.
  • Der demografische Wandel schafft einen Zielkonflikt zwischen guten Renten und einer nachhaltigen Finanzierung. Soll eine Rentenreform den Zielkonflikt austarieren, können die Erfahrungen anderer Länder Orientierung bieten. Auch sie standen vor demografischen Herausforderungen, doch sind ihre Rentensysteme oft effizienter oder progressiver.

Rentenreformen im Vergleich

  • Wir vergleichen Rentenreformen in Dänemark, Kanada, den Niederlanden, Schweden und der Schweiz und leiten drei Stylized Facts ab: (1) Steuermittel werden gezielt für Mindestsicherungssysteme eingesetzt. (2) Die Lebensarbeitszeit wurde ausgeweitet und flexibilisiert. (3) Es wurden verpflichtende kapitalgedeckte Säulen zur Lebensstandardsicherung eingeführt.
  • Diese Reformen könnten auch im deutschen politischen und rechtlichen Kontext umgesetzt werden und hätten signifikante Auswirkungen auf Rentenniveau, Abgabenbelastung und Bundeshaushalt.

Key Lessons für Deutschland

  • Eine Reform ist keine Lösung für das akute Haushaltsproblem der Bundesregierung.
  • Der Bundeshaushalt dürfte auch mittelfristig Ausgaben für die Alterssicherung auf dem heutigen Niveau tragen. Sie könnten aber gezielter zum Erhalt des Lebensstandards und zur Schonung der Abgabenbelastung für Menschen mit geringen Lebenseinkommen eingesetzt werden.
  • Eine Senkung der Abgabenbelastung durch niedrigere Beitragssätze erscheint unrealistisch; plausibel ist lediglich eine Dämpfung ihres Anstiegs.
  • Soll Erwerbsarbeit künftig zu Renten führen, die einen sicheren Lebensstandard garantieren, und gleichzeitig fiskalische Kosten begrenzt werden, könnte das nur mit einer verbindlichen kapitalgedeckten Rentensäule zu erreichen sein. Sie könnte absehbar höhere Renditen erzielen, birgt aber politisch abzuwägende Risiken für geopolitische Abhängigkeiten und die Konsumnachfrage. Sie sollten minimiert werden, indem Kapitalanlagen außerhalb Europas regulatorisch gedeckelt und Zusatzbeiträge für geringe und mittlere Einkommen vom Bund übernommen werden.
  • Um lebensstandardsichernde Renten für alle Erwerbstätigen zu ermöglichen und nachhaltig finanzierbar zu machen, sollten die Lebensarbeitszeit verlängert, die abschlagsfreie Rente nach 45 Beitragsjahren durch eine zugängliche Schwerstarbeitendenrente ersetzt und im Schulterschluss mit Arbeitgebern Weiterbildung und gesundheitliche Prävention gefördert werden.
Downloads
gottschalk-et-al.-2026-wie-andere-laender-die-rente-finanzieren.pdf
gottschalk-et-al.-2026-wie-andere-laender-die-rente-finanzieren.pdf
pdf 2,03 MB

Warum haben wir diesen Artikel geschrieben?

Die Bundesregierung plant eine große Rentenreform, denn das Rentensystem steht durch den demografischen Wandel vor einem Zielkonflikt zwischen guten Renten und nachhaltiger Finanzierung: Einerseits soll die Rente einen sicheren Lebensstandard garantieren und Lebensleistung anerkennen, was in einer alternden Gesellschaft steigende Finanzbedarfe verursacht. Andererseits stehen die beiden Finanzierungsquellen – die Beiträge der Erwerbstätigen und der Bundeshaushalt – bereits unter erheblichem Druck und sollen nicht weiter überlastet werden. Diesen Zielkonflikt neu auszutarieren, sollte das Ziel einer Reform sein. Dabei steht Deutschland nicht allein vor demografischen Herausforderungen: Andere Länder haben ebenfalls alternde Gesellschaften, ihre Rentensysteme schneiden aber oft besser ab – gemessen am Verhältnis von Kosten zu Sicherungsniveau, an der Verteilungswirkung und am Altersarmutsrisiko. Ihre Erfahrungen können daher Orientierung bieten. Anhand von fünf Vergleichsländern – Dänemark, Kanada, den Niederlanden, Schweden und der Schweiz – zeigen wir, wie diese den Zielkonflikt austariert haben, wie sich ihre Reformen in den deutschen Kontext übersetzen ließen und was sie für Rentenniveau, Abgabenbelastung und Bundeshaushalt bedeuten würden.

Was haben wir dabei gelernt?

Konkret analysieren wir, wie drei Reformen der Vergleichsländer in Deutschland umgesetzt werden könnten: (1) die Einführung einer steuerfinanzierten Grundrente, (2) die Ausweitung der Lebensarbeitszeit durch ein an die Lebenserwartung gekoppeltes Renteneintrittsalter und den Ersatz der abschlagsfreien Rente für besonders langjährig Versicherte durch eine Schwerstarbeitendenrente sowie (3) eine ergänzende, verbindliche kapitalgedeckte Altersvorsorge. Eine Reform, die diese Elemente verbindet, kann den Zielkonflikt zwischen guten Renten und nachhaltigen Finanzen nicht auflösen, aber besser austarieren. Fünf Erkenntnisse folgen daraus: Erstens ist eine Reform keine Lösung für das akute Haushaltsproblem. Zweitens dürfte der Bundeshaushalt auch mittelfristig hohe Ausgaben für die Alterssicherung tragen; sie ließen sich aber gezielter zur Armutsvermeidung und zur Anerkennung der Lebensleistung einsetzen. Drittens erscheint eine Senkung der Beitragssätze unrealistisch; plausibel ist lediglich eine Dämpfung ihres Anstiegs. Viertens lassen sich lebensstandardsichernde Renten bei begrenzten Kosten wohl nur mit einer verbindlichen kapitalgedeckten Rentensäule erreichen – diese verspricht höhere Renditen, birgt aber Risiken für geopolitische Abhängigkeiten und den Konsum, die sich etwa durch eine Deckelung außereuropäischer Anlagen und vom Bund übernommene Zusatzbeiträge für geringe Einkommen minimieren ließen. Fünftens ist eine längere Lebensarbeitszeit – flankiert von einer zugänglichen Schwerstarbeitendenrente – eine zentrale Voraussetzung dafür, lebensstandardsichernde Renten zu ermöglichen und das System nachhaltig zu finanzieren.

Verwandte Artikel