
Europas Trümpfe gegen Trump
Philippa Sigl-Glöckner, Dr. Maximilian Paleschke
Gebietsansprüche, Zollandrohungen, Dominanzgebaren: Die USA sind unter Präsident Donald Trump von einem verlässlichen Partner zu einem Risiko für Europa geworden. Wir wollten wissen, was man der Supermacht entgegensetzen kann. Das Ergebnis: Auch wenn die USA Supermacht sind, hält die EU starke Trümpfe in der Hand – vom Zugang zu wichtigen Märkten bis hin zu Schlüsselprodukten für Trumps Energieoffensive. Entscheidend wird sein, wie gut Europa das eigene Blatt spielen kann.
Macht vs. Hebel
Seit Donald Trump 2.0 muss sich die EU mit einem unberechenbaren Amerika auseinandersetzen. Daran ändert auch nichts, dass sich in Grönland die Lage nicht so zugespitzt hat, wie befürchtet. Diese Episode hat gezeigt, dass Europa den USA nicht wehrlos gegenüberstehen müsste. Spätestens jetzt sollte es seine Karten genau kennen.
Auf den ersten Blick sieht die Sache schlecht aus: Die USA sind eine Supermacht mit weltweit dominanten Tech-Unternehmen, der globalen Reservewährung, der größten Wirtschaft und den mit Abstand höchsten Militärausgaben der Welt. Das zu negieren ist Wirklichkeitsverweigerung; aber daraus zu schließen, dass Europa den USA ausgeliefert ist, wäre vorschnell. Denn Macht lässt sich nicht zwangsläufig als Druckmittel nutzen. Mit einem großen BIP allein kann man niemanden bedrohen. Es braucht Hebel, um Macht nutzbar zu machen.
Glaubwürdig bedrohen kann man jemanden, wenn man dem anderen mehr Schaden zufügen kann, als er einem selbst. Dann hat man einen Hebel. Wir haben potenzielle Hebel zwischen den USA und Europa in fünf Dimensionen betrachtet: gesamtwirtschaftlich, im Finanzmarkt, in der Digitalwirtschaft, dem Energiesektor und bei einzelnen Produkten (hier geht es zum vollständigen Papier).
Gegenseitige Abhängigkeit
Das Ergebnis: Die USA sind deutlich abhängiger von Europa als auf den ersten Blick ersichtlich. Ohne den europäischen Markt könnten US-Techkonzerne ihre Wachstumsträume vergessen. Platzen diese Träume, fallen die Aktienkurse. Fallen die Aktienkurse, trifft das nicht nur Großinvestoren, sondern alle Amerikanerinnen und Amerikaner, deren Altersvorsorge in einem sogenannten 401(k) Plan steckt. Fallen die Kurse, reduziert sich ihre Rente.
Auch bei Flüssiggas hat Europa Hebel. Drei Trends führen dazu, dass bis 2030 zunehmend die Käufer am längeren Hebel sitzen:
- Durch massive US-Investitionen in Verflüssigungsanlagen[1] entsteht ein Überangebot.
- Immer mehr Flüssiggas wird an Spotmärkten gehandelt und Verträge werden flexibler – das erschwert Machtausübung.
- US-Exporteure brauchen den europäischen Premiummarkt, an dem sie profitabel verkaufen können.
Überdies brauchen die USA europäische Technik. Beispielsweise Gas-Turbinen und schwach angereichertes Uran für Atomkraftwerke. Turbinen sind wichtig für Rechenzentren, weil diese gerade schneller wachsen als das Stromnetz. Schwach angereichertes Uran brauchen die USA für ihr Atomrevival, jedoch haben sie kaum Kapazität, um es selbst herzustellen. Der steigende Uranbedarf wird von Europa und weiterhin auch Russland bedient.
Handlungsfähige EU?
Um solche Abhängigkeiten zu nutzen, müsste sich Europa auf handelspolitische Restriktionen einigen. Dazu wurde 2023 das Anti-Coercion-Instrument (ACI) eingeführt. Mit dessen Aktivierung ermächtigen die Mitgliedsstaaten die EU-Kommission, handelspolitische Restriktionen einzuführen. Der ACI-Werkzeugkasten ist groß und beinhaltet Import- und Exportrestriktionen bis hin zu Kapitalmarktkontrollen und öffentlicher Beschaffung.
Ist es plausibel, dass die EU-Regierungen das ACI aktivieren? Wenn eine Regierung Sorge hat, dass die EU-Kommission für sie nachteilig handelt, wird sie der Aktivierung im Zweifel nicht zustimmen. Dieses Problem lässt sich nicht mit weiteren EU-Vorschriften lösen. Es lässt sich einzig durch “transparente Kuhhandel” lösen (siehe Max Krahes Papier “Jenseits von Maastricht”) – zumindest solange es keine europäische Entscheidungsgewalt gibt. Damit die Anwendung des ACI eine realistische Option ist, sollten ganz schnell solche Kuhhandel gemacht werden.
Anstatt den Export von Turbinen zu unterbinden, könnte Europa aber auch einfach europäische Bestellungen über amerikanische priorisieren. Könnte man zumindest annehmen. So macht es nämlich die US-Regierung. In Europa ist das etwas komplexer. Seit Dezember 2025 gibt es die Regulierung (EU) 2025/2643, deren Artikel 60 besagt, dass ein Versorgungskrisenzustand erklärt werden kann, bei dessen Aktivierung dann Artikel 63 ermöglicht, dass ein Staat mit Schwierigkeiten bei der Beschaffung krisenrelevanter Güter ein Ersuchen an die EU-Kommission stellen kann. Die Kommission ersucht einen Wirtschaftsteilnehmer, das entsprechende Gut herzustellen und der ersuchte Wirtschaftsteilnehmer kann sich dann in einem über mehrere Absätze erstreckenden Prozess entweder der Produktion annehmen oder es lassen. So wird das nichts. Geopolitik ist nicht Prozessballett.
Europa hat viele Hebel
Dabei hätte Europa viele weitere Hebel: Zum Beispiel den Staatsanleihenmarkt. Amerikanische Staatsanleihen werden seit 2014 nicht mehr überwiegend für den Aufbau von Währungsreserven gekauft; stattdessen kaufen vor allem Hedgefonds, die damit viel Geld verdienen wollen. . Diese Hedgefonds sitzen nicht nur auf den Cayman Islands, sondern oft auch in London.Die Bank of England hält diese Geschäfte für riskant. So scheint es nicht abwegig, diesen etwas stärker zu regulieren. Und wenn der US-Finanzminister bereits betonen muss, dass die Anleihenverkäufe eines nach amerikanischen Maßstäben winzigen dänischen Pensionsfonds kein Problem darstellen, ist das ein sprechendes Zeichen für die Nervosität der USA. Auch Donald Trump beobachtet die Anleihenkurse genau. Anscheinend brachten ihn steigende Renditen im Frühjahr dazu, die Zölle zu pausieren.
Und natürlich gäbe es auch die Möglichkeit, den Euro zu einer ernsthaften Reservewährung auszubauen. Dazu bräuchte es unter anderem ausreichend sichere Anleihen. Bundesbankpräsident Joachim Nagel hat sich deshalb diese Woche für die Ausgabe von Eurobonds ausgesprochen[2]. Aber neben diesem großen Projekt wären vielleicht ein paar Kuhhandel und ein verkürztes Prozessballett die einfacheren Fingerübungen.
Europa hat viele Hebel. Es sollte sie nutzen, um die eigene Position zu stärken. Am Ende wird alle Taktik wenig nutzen, wenn Europa nicht weitere große, führende Unternehmen hervorbringt, damit auch in anderen Wirtschaftsbereichen Hebel gegen die USA entstehen.
Unsere Leseempfehlungen:
- Unser vollständiges Papier zu den Trümpfen Europas findet ihr hier.
- Eine Übersicht zum Anti-Coercion-Instrument der EU findet ihr hier.
- In der neuen Folge unseres Podcast „Die Geldfrage“ spricht Philippa mit Professor Christoph Trebesch vom Kiel Institut darüber, wie Aufrüstung und Kriege seit 1870 finanziert wurden. Hört gerne rein!
Medienbericht 05.02.2026
Medienerwähnungen und Auftritte
- Rückblick
- Am 02.2026 wurde das Dezernat Zukunft in einem Artikel der Heidenheimer Zeitung (Link zur Ausgabe) erwähnt.
- Am 11.02.2026 berichtete ZDFheute exklusiv über die neue Studie des Dezernat Zukunft zu Europas Trümpfen gegenüber Trump.
- Ausblick
- Am 14.02.2026 um 10 Uhr ist Philippa Sigl-Glöckner zu Gast im SALON LUIPOLD in München. Im Rahmen der Münchener Sicherheitskonferenz spricht sie dort mit Daniela Schwarzer (Bertelsmann Stiftung) über Europas unterschätzte Verhandlungsmacht. Die Veranstaltung lässt sich auch im Livestream verfolgen. Hier geht es zur kostenlosen Anmeldung.
Fußnoten
[1] Diese Anlagen braucht man, um das Gas transport- und damit exportfähig zu machen.
[2] Eurobonds sind gemeinsam ausgegebene europäische Schulden.
Der Geldbrief ist unser Newsletter zu aktuellen Fragen der Wirtschafts-, Fiskal- und Geldpolitik. Über Feedback und Anregungen freuen wir uns. Zusendung an philippa.sigl-gloeckner[at]dezernatzukunft.org
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