Die jüngste Klimaforschung zeigt: Kipppunkte sind viel näher als lange angenommen
Diese dramatische Revision hat weitreichende Implikationen für die Klimapolitik, ist aber weitgehend unbemerkt geblieben. Angelehnt an eine im letzten Jahr im Journal Science erschienenen Meta-Studie, zeichnen wir in unserem neuen Hintergrundpapier den aktuellen Wissensstand über Kippelemente im Erdsystem nach, diskutieren Wechselwirkungen mit gesellschaftlichen Risiken und leiten grundlegende Implikationen für die deutsche Klimapolitik ab.1 .]
Es geht uns dabei nicht um die Empfehlung konkreter politischer Maßnahmen, denn diese leiten sich nicht direkt aus der diskutierten Forschung ab. Vielmehr möchten wir den Rahmen beleuchten, den die Klimawissenschaft für Wirtschafts- und Fiskalpolitik in den nächsten Jahren setzt, und damit beginnen, Implikationen für Wirtschafts- und Fiskalpolitik herauszuarbeiten. Denn Klimarisiken sind nie reine biophysikalische Risiken, sie wechselwirken mit Gesellschaften. Diese Verflechtungen gilt es zu verstehen, um die Transformation beschleunigen und gesellschaftlich gestalten zu können.
Erderhitzung und Kippelemente
Die Erderhitzung ist schon heute Realität. Seit dem Ende der letzten Eiszeit vor 12.000 Jahren entwickelte sich die menschliche Zivilisation in einem außergewöhnlich stabilen Klima. Die globale Durchschnittstemperatur liegt jedoch bereits jetzt bei 1,2°C über dem vorindustriellen Niveau – und die Erde erhitzt sich schneller als je zuvor. Damit sprinten wir auf einen Klimazustand zu, der sich radikal von der Vergangenheit unterscheidet (siehe Abbildung 1).
Im Erdsystem sind derzeit 16 große biophysikalische Kippelemente identifiziert (siehe Abbildung 2). Diese gehen beim Überschreiten eines kritischen Schwellenwerts in der globalen Durchschnittstemperatur selbstständig in einen qualitativ anderen Zustand über, was weitreichende Auswirkungen auf das Erdsystem hat. Klimaveränderungen laufen also nicht gleichförmig zur Erhitzung ab, sondern können sich sprunghaft entfalten.
Der Grund dafür sind positive Feedbackeffekte. Beim Grönländischen Eisschild etwa, einem wichtigen Kippelement in der Arktis, beginnt aufgrund der Erderhitzung das Eis zu schmelzen. Wenn das Eisschild an Höhe verliert, kommt es mit der tieferliegenden, wärmeren Umgebungsluft in Kontakt. In der wärmeren Luft schmilzt das Eis dann noch schneller. Der Rückkopplungseffekt mit der Umgebungsluft sorgt dafür, dass sich das Abschmelzen ab einem gewissen Punkt selbst erhält; das Eisschild kippt und der Totalverlust ist unaufhaltbar.
1,5 Grad markiert die Grenze, an der mehrere Kipppunkte wahrscheinlich werden
Bis vor Kurzem ging man davon aus, dass Kipppunkte frühestens Ende des Jahrhunderts relevant werden würden.2 Die jüngste Forschung hat diese Annahme jedoch revidiert: Kipppunkte sind viel näher als lange angenommen. Die aktuelle Forschung zeigt, dass bereits 1,5°C Grad Erhitzung die Schwelle markiert, bei der das Überschreiten mehrerer Kipppunkte wahrscheinlich wird(siehe Abbildung 2). Dazu zählen u. a. das Abschmelzen der zwei großen Eisschilde in Grönland und in der Westantarktis, die für die Stabilität des Erdsystems von zentraler Bedeutung sind. Für fünf Kippelemente ist es nicht ausgeschlossen, dass Kippdynamiken schon in Gang gesetzt wurden.
Der Paris-Zielkorridor von 1,5° bis deutlich unter 2° Temperaturanstiegs beschreibt also keinen Bereich einheitlichen Risikos. Vielmehr steigen die Risiken nach der unteren Grenze stark an. Aufgrund bisher kaum erforschter Wechselwirkungen zwischen Kippelementen könnte es außerdem zu sogenannten Kippkaskaden kommen: Das Kippen eines Kippelements destabilisiert das nächste.3
Diese Ergebnisse haben eine klare Botschaft: Da die bisher angekündigten politischen Maßnahmen nicht Paris-konform sind, besteht das Risiko, kritische Schwellenwerte bald zu überschreiten. Ohne baldige Trendumkehr wird das Reißen der 1,5 Grad-Grenze schon in den frühen 2030ern wahrscheinlich. Daher sind tiefe Emissionsminderungen bereits in diesem Jahrzehnt notwendig, um das Risiko von Kipppunkten zu minimieren. Die weitere Erhitzung hängt also ganz entscheidend davon ab, wie schnell wir die Emissionen jetzt senken. Jedes Zehntel Grad verhinderte Erhitzung macht einen Unterschied. Die verheerenden Folgen von Kipppunkten oder gar Kippkaskaden sind kein Problem der fernen Zukunft, sondern relevant für kurz- und mittelfristige Entscheidungen der Klimapolitik.
Klimarisiken interagieren mit gesellschaftlichen Risiken
Klimarisiken sind keine rein biophysikalischen Ereignisse, sondern treffen auf Gesellschaften, die bereits heute unterschiedlich vulnerabel sind und die politische Lösungen auf diese Krise finden müssen.4 Zum Beispiel erhöht die Klimakrise den Druck auf Versorgungssysteme und kann darin bestehenden Vulnerabilitäten verstärken, wie etwa dürre- und kriegsbedingte Steigerungen der Lebensmittelpreise. In anfälligen Gesellschaften kann das Risiko systemisch werden: Eine kleine Störung in einem Teilsystem könnte den Ausfall ganzer Versorgungssysteme bewirken. Außerdem können politisch verhandelte Lösungen die Ursachen der Krise mehr oder weniger gut adressieren – oder gänzlich ungeeignet sein. Sozial ungerechte Maßnahmen spielen Akteur:innen in die Hände, die Sorgen vor den ökonomischen Effekten der Transformation nutzen, um gegen Klimaschutz zu mobilisieren. Der Vorschlag, die Anpassung an eine heißere Welt gegenüber Emissionsminderungen zu priorisieren, könnte wiederum zu einer Spirale an Mehremissionen führen.
Ähnlich wie bei Kipppunkten im Erdsystem können sich also auch gesellschaftlichen Risiken kaskadenartig entfalten. Gesellschaftliche Vulnerabilitäten können dazu führen, dass eine gesellschaftliche oder humanitäre Katastrophe eintritt, noch bevor Kipppunkte im Erdsystem überschritten werden.
Was erfordert gute Klimapolitik angesichts der drohenden Katastrophe?
Die nächsten zehn Jahre sind entscheidend. Auf der Basis der Forschung zu biophysikalischen und gesellschaftlichen Kipppunkten ergeben sich für uns drei übergeordnete Leitlinien für die deutsche Politik und für unsere eigene Arbeit:
Effektivität vor Effizienz. Erstens sollte die Politik – nicht nur Klimapolitik im engeren Sinn – grundsätzlich darauf ausgerichtet sein, Emissionen effektiv zu senken. Kostenüberlegungen spielen weiterhin eine Rolle, doch zum jetzigen Zeitpunkt lautet die relevante Frage, was tatsächlich wirkt und wie der entsprechende Instrumentenmix gestaltet werden kann, sodass gesellschaftliche Zustimmung gewonnen werden kann. Das hat neben wirtschafts- auch fiskalpolitische Implikationen: Ein auf Effektivität ausgerichteter Instrumentenmix kann für den Staat erst einmal teurer sein. Er ist jedoch alternativen Pfaden, die theoretisch kosteneffizient sind, sich aber nicht umsetzen lassen, vorzuziehen. Darüber hinaus sollten auch bisher vernachlässigte Ansätze ernsthaft diskutiert werden, etwa Suffizienz-Strategien, die großes Minderungspotential haben und sich zudem positiv auf Wohlergehen auswirken können.5
Gesellschaftliche Vulnerabilitäten reduzieren.Die Fähigkeit von Gesellschaften, bereits in dieser Dekade tiefe Emissionsminderungen zu realisieren, hängt unter anderem davon ab, wie sich der konkrete Maßnahmenmix auf die Lebensverhältnisse der Mitglieder der Gesellschaft auswirkt – und auf welche bestehenden Vulnerabilitäten er trifft. Kurzfristig sollten alle Menschen in die Lage versetzt werden, klima- und transformationsbedingte Schocks abfedern zu können. Mittelfristig können gesellschaftliche Vulnerabilitäten durch den Ausbau einer ökologischen öffentlichen Daseinsvorsorge gemindert werden. Daneben gilt es, parallel zur Emissionsminderung auch Anpassungsmaßnahmen zu stärken – hier und in den Teilen der Welt, die von Klimawirkungen bereits heute stark betroffen sind oder es zukünftig sein werden.
Internationale Klima-Kooperation und Unterstützung stärken. Um der globalen Natur des Problems gerecht zu werden, sollte sich Deutschland für mehr internationale Klimaschutzkooperationen einsetzen und Länder mit weniger finanziellen Möglichkeiten dabei unterstützen, Maßnahmen zur raschen Emissionsminderung zu finanzieren und umzusetzen, um fossile Pfadabhängigkeiten zu vermeiden.
Detailliertere Ausführungen könnt Ihr in unserem neuen Hintergrundpapier “16 Gründe für schnelles Handeln – Kipppunkte und ihre Bedeutung für die Klimapolitik” nachlesen.
Unsere Leseempfehlungen:
Anknüpfend an den heutigen Geldbrief empfehlen wir das Buch “Demokratie im Feuer” von Jonas Schaible. Er diskutiert die Wechselwirkung von Klimakrise, Demokratie und Freiheit und zeigt eindrücklich, dass Demokratie und individuelle Freiheit durch die Klimakrise akut bedroht sind. Wer sich dem Thema lieber – oder auch – über Romane nähern möchte, dem ist das “Klimaquartett” der norwegischen Schriftstellerin Maja Lunde empfohlen. In ihrem neusten Roman “Der Traum von einem Baum” erzählt sie in eindrucksvollen Bildern vom menschlichen Umgang mit der Natur. Zuletzt möchten wir Euch noch einen neu erschienen Report der französischen Ökonom:innen Jean Pisani-Ferry und Selma Mahfouz empfehlen. In “Les incidences économiques de l’action pour le climat” analysieren sie ausführlich, welche ökonomischen Implikationen die Transformation hin zur Klimaneutralität für Frankreich haben wird. Den französischen Report soll es bald auch in englischer Sprache geben. Eine kurze Zusammenfassung auf Englisch ist bereits verfügbar.