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8. January 2026
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Niklas Illenseer

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Geldbrief

Klimabilanz 2025: Effizienz versprochen, Ambition gestutzt

Lesedauer: 6 min
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Niklas Illenseer, Janek Steitz

Im Namen von Effizienz verliert die Klimapolitik Tempo und Steuerungsfähigkeit. Mehr Technologieoffenheit, Verschiebungen und Ausnahmen verwässern Preissignale und Regulierung. Die Transformation verlangsamt sich, während der Staat zunehmend Preise subventioniert. Das schafft neue Ineffizienzen, erhöht fiskalische Risiken und führt dazu, dass Klimapolitik eher reagiert als gestaltet.

Der Jahreswechsel ist Zeit für gute Vorsätze – und Bestandsaufnahmen. Klimapolitisch wirkte 2025 zeitweise wie Stillstand, obwohl zahlreiche Entscheidungen getroffen wurden, die sowohl den Transformationspfad der nächsten Jahre als auch den Bundeshaushalt maßgeblich beeinflussen. Unter dem Etikett vermeintlicher Effizienz setzt die Bundesregierung auf mehr Technologieoffenheit, mehr Ausnahmen und mehr Entlastung. Die Effizienzerzählung der Bundesregierung lautet: Kostensenkung durch Pfadanpassungen bei den Erneuerbaren, Hebelung privater Investitionen und ein Schwenk hin zu größerer Technologieoffenheit, zum Beispiel „effiziente“ Verbrenner neben E-Auto, Wasserstoffheizung neben Wärmepumpen, CO2-Abscheidung in der Stromerzeugung. Was pragmatisch klingt, bremst in der Praxis die Transformation: Preissignale werden verwässert, Regulierung aufgeweicht und Investitionsentscheidungen vertagt. Das führt den Staatshaushalt in eine Ausgabenfalle und kostet Tempo: Im Gebäude- und Verkehrssektor ist der Treibhausgasausstoß letztes Jahr gestiegen, in der Industrie sinken Emissionen vor allem aufgrund schwacher Konjunktur.

Mehr Geld, weniger Klarheit

Die Finanzierungsarchitektur hat sich 2025 verschoben, hin zu großen Töpfen wie dem „Sondervermögen für Infrastruktur und Klimaneutralität“ und dem Finanzierungsvehikel „Deutschlandfonds“, der privates Kapital über Absicherungs- und Eigenkapitalbausteine mobilisieren soll. Das Sondervermögen schafft mittelfristig dringend benötigten Spielraum. Doch vor dem Hintergrund anderer Bedarfe steht es nur begrenzt für Energie und Klima zur Verfügung. Gleichzeitig unterminiert ein chronisches Umsetzungsproblem die Effizienz auf der Ausgabenseite: Der geringe Mittelabfluss im KTF – seit Jahren fließt nur etwa die Hälfte ab – verweist auf eine strukturelle Lücke zwischen Planung und Umsetzung.

Das verwinkelte Regelchaos des frühjährlichen Sondervermögens und des geänderten Grundgesetzes hat mehr Komplexität geschaffen. Programmfinanzierungen wurden verschoben, die KTF-Zweckbestimmung geweitet, Klimapolitik in Titel verlagert, die politisch flexibel, aber schwer nachzuhalten sind. Die Grenze zwischen Klimainvestition und „auch irgendwie wichtig“ verwischt. Das Ergebnis ist paradox: mehr Mittel in Bewegung, aber weniger Transparenz über Wirkung, Zielkonflikte und Opportunitätskosten. Wenn am Ende alles Transformation heißt, wird nichts mehr priorisiert und Effizienz wird zur Rhetorikfigur statt zur Steuerungsleistung.

Der Strompreis wird zum Allzweckpflaster

Der sichtbarste Kurswechsel liegt in der Maßnahmenstruktur. Ein wachsender Teil der politischen Aufmerksamkeit – und des Geldes – fließt in Energiepreissubventionen: neue Netzentgeltzuschüsse, ausgeweitete Strompreiskompensation, Industriestrompreis, EEG-Finanzierung aus dem Bundeshaushalt, Abschaffung der Gasspeicherumlage, dauerhafte Stromsteuerabsenkung für das produzierende Gewerbe. Der Strompreis soll „in der Breite“ sinken, dadurch gleichzeitig Wettbewerbsfähigkeit sichern, Elektrifizierung ankurbeln und Belastungen abfedern. Damit ist er strukturell überladen: Er wird als Kompensations- und Elektrifizierungsinstrument verkauft, ohne eine der beiden Rollen konsequent auszufüllen.

Der Schwerpunkt liegt darauf, die Industrie zu entlasten. Doch selbst dort sind die Instrumente wenig differenziert und wo – wie beim Industriestrompreis – Investitionsauflagen vorgesehen sind, dominiert Entlastung „heute“, während Transformationswirkung „morgen“ nachgeordnet bleibt. Für Haushalte entfalten die Strompreisentlastungen ebenfalls kein klares Signal: zu wenig zielgerichtet, um Wärmepumpe oder E-Mobilität spürbar zu beschleunigen; zu breit, um sozial treffsicher zu entlasten. Umso gravierender, weil mit der Aufweichung von Verbrenner-Aus und ETS2 Transformationsanreize im Verkehrs- und Gebäudesektor zurückgefahren werden – genau dort, wo Deutschland ohnehin zu langsam vorankommt.

Kurzfristig entlasten zu wollen, ist vor dem Hintergrund der andauernden Wirtschaftsschwäche nachvollziehbar. Doch wenn Entlastung zur Dauereinrichtung wird, senkt sie den Handlungsdruck, strukturell zu verbessern. Gerade die pauschalen Netzentgeltzuschüsse zeigen das Dilemma: schnell umgesetzt aber teuer, regional unausgewogen und ohne die hohen Strompreise an der Wurzel anzugehen. Nachhaltiger wäre es, Systemkosten strukturell zu senken und unbequeme Themen wie lokale Preissignale mit Hochdruck anzugehen. Auch Finanzierungskosten über staatliches Eigenkapital strukturell zu senken, gehört dazu.

Technologieoffenheit – aber bitte nur, wo es wirklich sinnvoll ist

Unter dem Schlagwort „Technologieoffenheit“ werden zentrale Transformationssignale abgeschwächt: eine weichere Linie beim Verbrenner-Aus, absehbar mehr Erfüllungsoptionen und Übergangslogiken im Gebäudeenergiegesetz (GEG). Gleichzeitig soll CO2-Abscheidung und -speicherung (CCS/CCU) perspektivisch nicht nur in der Industrie, sondern auch im Energiesektor eingesetzt werden – eine der zehn „Schlüsselmaßnahmen“, die das BMWE aus dem Monitoringbericht ableitete, die im Bericht jedoch gar nicht empfohlen wird. Das alles mag kurzfristig die politische Beweglichkeit erhöhen, schafft aber Lock-ins und verteuert spätere Nachsteuerungen. „Mehr Optionen“ führen ohne Leitplanken nicht automatisch zu „mehr Effizienz“, sondern zu Unsicherheit und Parallelstrukturen – gerade dann, wenn der Betrieb dieser Optionen neue Infrastrukturen erfordert.

Der größte Widerspruch liegt dort, wo Technologieoffenheit systemisch am sinnvollsten wäre: im Stromsystem, bei der Flexibilität. Hier wäre mehr Offenheit für Speicher, Batterien und Lastmanagement zentral, um Systemkosten zu senken und Versorgungssicherheit zu sichern. Die Kraftwerkstrategie setzte bislang stark auf Gas als Flexibilitätsanker und riskiert damit neue Pfadabhängigkeiten statt der schnellen Skalierung günstiger Flexibilitätsoptionen. Immerhin hat die EU-Kommission die Planungen gestutzt: Für 2026 soll der Neubau von Gaskraftwerken mit einer Kapazität von acht statt der ursprünglich angekündigten zwanzig Gigawatt ausgeschrieben werden.

Weiche Signale, harte Haushaltsfolgen

Aus weicheren Preissignalen, verwässerter Regulierung und breiter Kompensation folgt das zentrale fiskalische Problem: Je weniger verlässlich gesteuert wird, desto mehr muss der Staat die Transformation letztlich „kaufen“ – in Form von Zertifikatskosten bei verpassten europäischen Zielen, aber auch um tiefere Emissionsminderung zu einem späteren Zeitpunkt zu erreichen. Gleichzeitig werden CO₂-Einnahmen politisch immer unsicherer, während Ausgaben sich verstetigen. Entlastungen lassen sich eben leichter einführen als zurücknehmen. Ein Widerspruch zur Effizienzrhetorik, denn es verschiebt Kosten vom strukturellen Umbau hin zur Schadensbegrenzung und blendet die fiskalischen Folgekosten aus.

Jahresvorsatz 2026: Effizienz neu definieren

Der Kernwiderspruch 2025 lautet: Effizienz wurde als Entlastung und Technologieoffenheit verkauft, dabei werden Ineffizienzen geschaffen und Ambitionen aufgegeben. Für 2026 braucht es drei Dinge:

  1. Eine klare Finanzierungsgovernance mit Priorisierung, weniger Fragmentierung, klaren Zuständigkeiten und nachvollziehbarer Wirklogik.
  2. Entlastung als temporäres Instrument, nicht als Ersatz für Steuerung und strukturelle Reformen.
  3. Konsistente und gezielte Leitplanken bei Preisen und Ordnungsrecht, damit Investitionen in Richtung Transformation laufen statt auf das nächste Kompensationspaket zu warten.

Unsere Leseempfehlungen: 

  • In dieser umfassenden Analyse blickt Agora Energiewende auf die wesentlichen Entwicklungen der Energiewende im Jahr 2025 und gibt einen Ausblick auf 2026.
  • In einer Gemeinschaftsstudie mit Agora Energiewende und der Stiftung Klimaneutralität haben wir die Kapitalbedarfe der rund 900 Energieversorger analysiert und zeigen, wie ein Bündel an Maßnahmen die Finanzierungslücke schließen kann.
  • Dieses Essay über die Zusammenhänge von Klimapolitik und Bezahlbarkeit von Zeke Hausfather mit Bezug auf den US-amerikanischen Kontext lässt sich auch auf Diskussionslinien in Deutschland und Europa übertragen.
  • Ein neuer Klimarisikoindex des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) zeigt, wie stark deutsche Städte und Gemeinden künftig vom Klimawandel betroffen sind.

Medienbericht 08.01.2026

Medienerwähnungen und Auftritte

  • Rückblick
    • Am 20.12.2025 hat Philippa Sigl-Glöckner einen Gastbeitrag bei CEO.Table.Economics geschrieben und erklärt, warum die aktuelle Reformdebatte die eigentlichen Probleme ausblendet.
    • Am 21.12.2025 war Philippa Sigl-Glöckner beim forum demokratie auf phoenix zu Gast und diskutierte über den Internationalen Währungsfonds (IWF).
    • Am 01.01.2026 wurde Philippa Sigl-Glöckner im Podcast „feel the news“ erwähnt.
    • Am 02.01.2026 war Philippa Sigl-Glöckner beim Redispatch-Podcast zu Gast und hat über die Finanzierung der Energiewirtschaft gesprochen.

Der Geldbrief ist unser Newsletter zu aktuellen Fragen der Wirtschafts-, Fiskal- und Geldpolitik. Über Feedback und Anregungen freuen wir uns. Zusendung an niklas.illenseer[at]dezernatzukunft.org


 

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