{"id":9057,"date":"2018-07-20T23:22:51","date_gmt":"2018-07-20T21:22:51","guid":{"rendered":"https:\/\/dezernat-zukunft.org\/?p=9057"},"modified":"2022-05-30T20:02:30","modified_gmt":"2022-05-30T18:02:30","slug":"zankapfel-europaische-einlagensicherung-teil-1","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dezernatzukunft.org\/en\/zankapfel-europaische-einlagensicherung-teil-1\/","title":{"rendered":"Zankapfel Europ\u00e4ische Einlagensicherung, Teil 1"},"content":{"rendered":"\n<p style=\"font-size:12px\"><strong><a href=\"mailto:info@dezernatzukunft.org\" data-type=\"mailto\" data-id=\"mailto:info@dezernatzukunft.org\">DEZERNAT ZUKUNFT<\/a><\/strong><\/p>\n\n\n<p style=\"padding-left: 60px;\"><span style=\"font-size: 14px;\"><em>\u201eDie europ\u00e4ische Einlagensicherung soll vor allem italienischen Banken beim Abtragen des Bergs fauler Kredite helfen, \u00fcber den Rom bislang seine Hand h\u00e4lt.\u201c<\/em><\/span><br>\n<span style=\"font-size: 14px;\"><a href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/wirtschaft\/wohin-fuehren-angela-merkel-und-emmanuel-macron-die-eu-15550746.html\">Holger Steltzner, FAZ, 20.4.2018<\/a><\/span><\/p>\n<p style=\"padding-left: 60px;\"><span style=\"font-size: 14px;\"><em>\u201eDeshalb w\u00e4re es auch f\u00fcr uns in Deutschland eine ziemlich tolle Idee, unser Geld \u00fcber jene gemeinsame Einlagensicherung zu sichern, \u00fcber die hierzulande so viel gezetert wird. Ist ja nicht so, dass bei uns Banken per se risikolos gef\u00fchrt werden, wie wir am Drama unserer gr\u00f6\u00dften deutschen Bank gerade beobachten k\u00f6nnen. Wenn alle Eurol\u00e4nder zusammen daf\u00fcr geradestehen, dass im Notfall Ersparnisse ausbezahlt w\u00fcrden, wird es erst gar nicht zu Schlangen an den Bankschaltern kommen.\u201c<\/em><\/span><br>\n<span style=\"font-size: 14px;\"><a href=\"https:\/\/neuewirtschaftswunder.de\/2018\/04\/21\/thomas-fricke-macrons-reformvorschlaege-merkel-riskiert-die-naechste-eurokrise\/\">Thomas Fricke, WirtschaftsWunder, 21.4.2018<\/a><\/span><\/p>\n<p>Diese beiden Zitate stehen exemplarisch f\u00fcr die Debatte zur europ\u00e4ischen Einlagensicherung (Englisch: European Deposit Insurance Scheme, kurz EDIS). Zwischen \u201ezwingend notwendig und wunderbar\u201c und \u201eteuflisches Vergemeinschaftungsinstrument\u201c scheint wenig Mittelweg. Wir wollen mit dieser Miniserie zu EDIS ein wenig Licht ins Dunkel bringen, angefangen mit den Fragen: Wozu braucht es Einlagensicherungen? Und warum wird das f\u00fcr die Eurozone so hei\u00df diskutiert?<\/p>\n<p><strong>Wieso Einlagensicherungen im Allgemeinen, oder: Das Problem mit den Banken<\/strong><\/p>\n<p>Banken haben ein Problem: Sie leben grunds\u00e4tzlich in der Gefahr der selbsterf\u00fcllenden Prophezeiung ihres Untergangs. Wenn alle Kunden glauben, dass ihre Bank untergeht, dann tut sie dies auch bald.<\/p>\n<p>Banken schaffen Geld aus dem Nichts, indem sie an einen Kunden einen Kredit vergeben und den ausgegebenen Betrag auf dem Konto des Kunden gutschreiben. Will der Kunde sein Geld aber abheben, muss die Bank sich Bargeld bei der Zentralbank holen, welches sie dann an den Kunden am Geldautomaten auszahlen kann. Banken bekommen Bargeld bei der Zentralbank allerdings nur im Tausch gegen bestimmte Arten von Sicherheiten, z.B. Staatsanleihen.<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a> Andere Verm\u00f6genswerte der Bank, zum Beispiel die gerade entstandene Kreditforderung an ihren Kunden, k\u00f6nnen daf\u00fcr nicht verwendet werden.<\/p>\n<p>Wollten alle Kunden gleichzeitig ihre Konten leeren, muss die Bank Sicherheiten im Gesamtwert ihrer Konten bei der Zentralbank gegen Bargeld eintauschen. Keine Bank hat jedoch ann\u00e4hernd so viele eintauschbare Sicherheiten, dass das m\u00f6glich w\u00e4re, denn Staatsanleihen sowie andere zentralbankf\u00e4hige Sicherheiten bieten vergleichsweise niedrige Renditen.<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a><\/p>\n<p>In normalen Zeiten ist das Beschaffen von Bargeld hingegen kein Problem: Man nimmt bei Bankkonten an, dass durchschnittlich 5% ihres Volumens in den n\u00e4chsten 30 Tagen abgerufen wird.<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a> Haben aber viele, oder gar alle, Kunden Zweifel an der Zahlungsf\u00e4higkeit der Bank und wollen gleichzeitig ihr Geld abheben, um nicht leer auszugehen, gibt es ein Problem. Irgendwann kommt kein Bargeld mehr aus dem Automaten, die Bank ist pleite und die Kunden haben ihre Einlagen verloren. Die selbsterf\u00fcllende Prophezeiung ist eingetreten.<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">[4]<\/a><\/p>\n<p>Die L\u00f6sung: eine Einlagensicherung. Die Idee der Einlagensicherung ist, dass allein durch die Existenz einer Garantie der Einlagen kein Anreiz mehr besteht, als erster in der Schlange zu stehen. Die Ank\u00fcndigung der Garantie reicht aus, um das Abrutschen in eine sich selbst verst\u00e4rkende Krise zu vermeiden. In anderen Worten: Dadurch, dass die Einlagensicherung existiert, braucht man sie gar nicht mehr. So die Theorie.<\/p>\n<p><strong>Die Praxis: Eine Versicherung f\u00fcr Bankkonten<\/strong><\/p>\n<p>Eine Einlagensicherung versichert Einleger gegen die Pleite der Bank. Die Einlagensicherung garantiert, dass jeder Bankkunde im Fall der Bankpleite sein Geld bis zu einem Kontowert von 100.000 Euro wiederbekommt. Das reduziert die Wahrscheinlichkeit, dass alle Kunden gleichzeitig ihre Konten leeren, wenn sie Zweifel an der finanziellen Situation ihrer Bank haben\u2014und so die Pleite ihrer Bank unabwendbar machen.<\/p>\n<p>Eine Einlagensicherung versichert also nicht eine Bank, sondern den Bankkunden, um so das Risiko eines Kassensturms (die selbsterf\u00fcllende Prophezeiung) zu verringern. Um das zu finanzieren, zahlen \u2013 zumindest in Europa &#8211; Banken Mittel in einen Topf ein, aus dem dann bei Bankenpleiten ausgezahlt werden kann. Banken zahlen also eine Versicherungspr\u00e4mie, damit ihre Kunden entsch\u00e4digt werden. Das Prinzip der Einlagensicherung ist in Europa nichts Neues: Auf europ\u00e4ischer Ebene gibt es zum Beispiel seit 1994 eine Richtline<a href=\"#_ftn5\" name=\"_ftnref5\">[5]<\/a>, auf der auch das deutsche Gesetz aufbaut.<\/p>\n<p><strong>Wieso eine Einlagensicherung <em>f\u00fcr die Eurozone?<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Warum braucht man ein solches System nun in der Eurozone? Um es kurz zu machen: damit marode Banken nicht ihre Heimatstaaten mit in den Abgrund ziehen, wenn sie in Richtung Pleite schlittern, und so eine wirtschaftliche Abw\u00e4rtsspirale ausl\u00f6sen, in der alle verlieren.<\/p>\n<p>2012 hatte sich in der Finanzkrise gezeigt, dass Bankenpleiten oft zu Zweifeln \u00fcber die Solvenz der Staaten f\u00fchren, in der sie ans\u00e4ssig sind, entweder weil der relevante Staat die relevanten Banken retten muss oder weil Marktteilnehmer davon ausgehen, dass der Staat Banken retten wird. Diese enge Verkettung der Solvenz von Banken und ihrem Heimatstaat kann zu sch\u00e4dlichen und vermeidbaren Abw\u00e4rtsspiralen f\u00fchren. Seit dies erkannt wurde, sind verschiedene Reformen auf den Weg gebracht worden, um diese Verkettung zu zerschlagen.<\/p>\n<p>In diesem Zusammenhang steht auch die Idee einer Europ\u00e4isierung der Einlagensicherung: denn solange die Einlagensicherung national ist, hat sie nur begrenzte Firepower. Wenn viele Banken Pleite gehen, ist eine nationaler Einlagensicherungstopf schnell aufgebraucht.<\/p>\n<p>Weil man aber wei\u00df, dass man es nicht zulassen w\u00fcrde, dass Einleger ihre garantierten Einlagen nicht bekommen, steht hinter einem nationalen Einlagensicherungstopf de facto der Staat.<a href=\"#_ftn6\" name=\"_ftnref6\">[6]<\/a><\/p>\n<p>Die Idee einer europ\u00e4ischen Einlagensicherung ist: den Topf deutlich vergr\u00f6\u00dfern, indem man alle europ\u00e4ischen Banken in einen gemeinsamen Topf einzahlen l\u00e4sst und erst danach der Staat bzw. die Staatengemeinschaft eine de facto Garantie \u00fcbernimmt. In einem R\u00fcckversicherungssystem, das von manchen als Alternative propagiert wird, w\u00fcrde zun\u00e4chst der heimische Topf aufgebraucht, dann der europ\u00e4ische angegriffen und erst wenn diese Mittel nicht ausreichen, w\u00fcrde die Staatengemeinschaft dahinterstehen.<\/p>\n<p>Summa summarum: <u>EDIS soll dabei helfen, dass die Solvenz des einzelnen Staates nicht in Mitleidenschaft gezogen wird, wenn die heimischen Banken in die Insolvenz rutschen<\/u>.<\/p>\n<p><strong>Was steht also zur Debatte?<\/strong><\/p>\n<p>Dass eine solche europ\u00e4ische Einlagensicherung zur Finanzstabilit\u00e4t der Eurozone beitragen w\u00fcrde, scheint (korrekterweise) niemand anzuzweifeln. Die politische Debatte verl\u00e4uft daher zwischen Bef\u00fcrwortern, die diese Stabilit\u00e4tsaspekte in den Vordergrund stellen, und Gegnern, die Anreizeffekte und ordnungspolitische Bedenken betonen. Diese Themen werden wir im <a href=\"http:\/\/www.dezernatzukunft.de\/zankapfel-europaeische-einlagensicherung-teil-ii-das-anreizargument\/\">n\u00e4chsten Artikel<\/a> zu diesem Thema erl\u00e4utern.<\/p>\n<p>&#8212;&#8212;&#8212;<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Welche Sicherheiten von der Zentralbank angenommen werden, also \u2018zentralbankf\u00e4hig\u2019 sind, ist festgelegt in der <a href=\"http:\/\/www.ecb.europa.eu\/pub\/pdf\/other\/gendoc2008en.pdf\">General Documentation on Eurosystem Monetary Policy and Procedures<\/a>, Kapitel 6.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Sprich eine Bank, die nur in zentralbankf\u00e4hige Sicherheiten investiert ist w\u00fcrde im Wettbewerb h\u00f6chstwahrscheinlich untergehen.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> https:\/\/www.bis.org\/publ\/bcbs238.pdf<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a> Banken k\u00f6nnen sich Zentralbankgeld auch von anderen Banken leihen. Dies geschieht am sogenannten Interbankenmarkt. Wenn jedoch geglaubt wird, dass Bank X kurz vor dem Untergang steht, verlangen andere Banken h\u00f6here Zinsen. Je ernster die Krise wird, desto unwahrscheinlicher, dass sich diese Bank \u00fcberhaupt noch Geld leihen kann. Als letzte M\u00f6glichkeit kann eine solche Bank, anstatt sich Zentralbankgeld zu leihen, Kreditforderungen oder andere Verm\u00f6genswerten verkaufen. Wenn allerdings Ger\u00fcchte \u00fcber ihren Untergang schon zirkulieren ist es wahrscheinlich, dass sie nur schlussverkaufs\u00e4hnliche Preise daf\u00fcr erh\u00e4lt. Wenn also einmal der Glaube entsteht, dass eine Bank untergeht, verschlie\u00dfen sich auch diese beiden Alternativwege an Bargeld zu gelangen, und der Untergang der Bank wird zu einer selbsterf\u00fcllenden Prophezeiung.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref5\" name=\"_ftn5\">[5]<\/a> https:\/\/eur-lex.europa.eu\/legal-content\/DE\/TXT\/?uri=LEGISSUM:l24012b<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref6\" name=\"_ftn6\">[6]<\/a> \u00dcbrigens war das auch in Deutschland der Fall: lediglich die Institutssicherung der Genossenschaftsbanken hat in der Vergangenheit immer ausgereicht; bei den Privatbanken und Sparkassen waren in der Vergangenheit staatliche St\u00fctzungsma\u00dfnahmen n\u00f6tig.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>DEZERNAT ZUKUNFT \u201eDie europ\u00e4ische Einlagensicherung soll vor allem italienischen Banken beim Abtragen des Bergs fauler Kredite helfen, \u00fcber den Rom bislang seine Hand h\u00e4lt.\u201c Holger Steltzner, FAZ, 20.4.2018 \u201eDeshalb w\u00e4re es auch f\u00fcr uns in Deutschland eine ziemlich tolle Idee, unser Geld \u00fcber jene gemeinsame Einlagensicherung zu sichern, \u00fcber die hierzulande so viel gezetert wird. 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