{"id":9031,"date":"2018-09-14T19:39:32","date_gmt":"2018-09-14T17:39:32","guid":{"rendered":"https:\/\/dezernat-zukunft.org\/?p=9031"},"modified":"2024-03-26T15:02:01","modified_gmt":"2024-03-26T14:02:01","slug":"was-wir-lesen-sonderausgabe-ippr-bericht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dezernatzukunft.org\/en\/was-wir-lesen-sonderausgabe-ippr-bericht\/","title":{"rendered":"Was wir lesen &#8211; Sonderausgabe IPPR-Bericht"},"content":{"rendered":"\n<p style=\"font-size:12px\"><strong><a href=\"mailto:info@dezernatzukunft.org\" data-type=\"mailto\" data-id=\"mailto:info@dezernatzukunft.org\">DEZERNAT ZUKUNFT<\/a><\/strong><\/p>\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/www.ippr.org\/\">IPPR<\/a>, das \u201eInstitute for Public Policy Research\u201c, ist eine links ausgerichtete britische Denkwerkstatt. Sie wurde 1988 gegr\u00fcndet und hat seitdem die Grundausrichtung der Labour Party und der britischen Politik entscheidend beeinflusst, zum Beispiel mit Berichten zu <a href=\"https:\/\/web.archive.org\/web\/20210918080300\/https:\/\/www.ippr.org\/files\/images\/media\/files\/publication\/2011\/05\/future_hospital_1556.pdf\">Gesundheitspolitik<\/a>, Kommunalpolitik (<a href=\"https:\/\/web.archive.org\/web\/20230926045318\/https:\/\/www.ippr.org\/publications\/devolution-in-practice-2010\">hier<\/a> und <a href=\"https:\/\/www.ippr.org\/research\/topics\/devolution-local-leadership\">hier<\/a>), und <a href=\"https:\/\/web.archive.org\/web\/20221130112259\/https:\/\/www.ippr.org\/files\/images\/media\/files\/publication\/2011\/07\/green-expectations_July2011_7756.pdf\">Umweltpolitik<\/a>.<\/p>\n<p>Letzten Mittwoch (5.9.2018) hat IPPR den <a href=\"https:\/\/www.ippr.org\/research\/publications\/prosperity-and-justice\">Abschlussbericht<\/a> seiner Kommission zu Wirtschaftsgerechtigkeit, eingesetzt als Reaktion auf das Brexit Votum, ver\u00f6ffentlicht. Die Kommission bestand aus 22 Mitgliedern, die von <a href=\"https:\/\/web.archive.org\/web\/20190802235155\/https:\/\/www.mckinsey.com\/our-people\/dominic-barton\">McKinsey\u2019s ehemaligem Global Managing Partner<\/a> \u00fcber eine <a href=\"https:\/\/marianamazzucato.com\/\">ber\u00fchmte VWL-Professorin<\/a> bis zum <a href=\"https:\/\/web.archive.org\/web\/20230207182057\/https:\/\/www.anglicancommunion.org\/structures\/instruments-of-communion\/archbishop-of-canterbury\/justin-welby.aspx\">Erzbischof von Canterbury<\/a> reichten und die sowohl die politische als auch die gesellschaftliche Breite der britischen Gesellschaft abbildete. \u00dcber sein Erscheinen wurde in weiten Kreisen der englischsprachigen Medien berichtet (zum Beispiel im <a href=\"https:\/\/www.bbc.co.uk\/programmes\/p06kc4gc\">BBC<\/a>, in der <a href=\"https:\/\/www.ft.com\/content\/66dc0d9e-b02b-11e8-8d14-6f049d06439c\">Financial Times<\/a>, im <a href=\"https:\/\/www.independent.co.uk\/news\/business\/news\/uk-economy-ippr-commission-on-economic-justice-report-justin-welby-a8499686.html\">Independent<\/a>, und im <a href=\"https:\/\/www.theguardian.com\/uk-news\/2018\/sep\/05\/thinktank-calls-for-major-overhaul-of-britains-economy\">Guardian<\/a>).<\/p>\n<p>Der Bericht ist auch f\u00fcr deutsche Augen beachtenswert, da er Ideen konkretisiert und in ein Gesamtbild zusammenfasst, die bisher \u00fcberwiegend einzeln pr\u00e4sentiert und diskutiert wurden, wie zum Beispiel eine grundlegende Reform des Steuersystems, eine Kapital-finanzierte Version des bedingungslosen Grundeinkommens, \u201aNudging\u2018 um Gewerkschaften zu st\u00e4rken, eine Reform des Mindestlohns, und (f\u00fcr das Vereinigte K\u00f6nigreich, wenn auch nicht unbedingt aus deutscher Perspektive, revolution\u00e4r) Mitbestimmung in Aufsichtsr\u00e4ten.<\/p>\n<p>F\u00fcr uns besonders interessant, betrachtet der Bericht au\u00dferdem eine Neuformulierung von fiskalischen Regeln sowie eine grundlegende Reform der staatlich Buchf\u00fchrung, um so die Handlungsf\u00e4higkeit des Staates zu erh\u00f6hen. Um seine wichtigsten Elemente f\u00fcr deutschsprachige Leser zug\u00e4nglich zu machen, widmen wir ihm daher ein \u201eWas wir Lesen\u201c-Spezial.<\/p>\n<p>Der Bericht besteht aus zwei Teilen: in einem ersten Teil entwickelt die Kommission ihr Gesamtargument und im zweiten Teil pr\u00e4sentiert sie einen Zehn-Punkte-Plan, der die Vision des ersten Teiles in konkrete Reformschritte \u00fcbersetzt. Wir fassen beide Teile kurz zusammen. Interessierte Leser, die gerne mehr erfahren m\u00f6chten, sind in erster Instanz an die <a href=\"https:\/\/www.ippr.org\/research\/publications\/prosperity-and-justice-executive-summary\">Executive Summary<\/a> verwiesen, in zweiter Instanz an den <a href=\"https:\/\/web.archive.org\/web\/20231110172602\/https:\/\/www.ippr.org\/files\/2018-08\/1535639099_prosperity-and-justice-ippr-2018.pdf\">vollen Report<\/a>.<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a><\/p>\n<p><strong>Teil 1\u2014das Argument als Ganzes<\/strong><\/p>\n<p>Der Bericht beginnt mit der Feststellung, dass die britische Wirtschaft trotz vieler St\u00e4rken (S. 9-10) im ganzen unrund l\u00e4uft (S. 11-19). Mit typisch britischem Understatement hei\u00dft es: \u201eit is hard to say the UK economy has been performing well\u201c (S. 12). BIP und Lohnwachstum haben sich voneinander entkoppelt. Nach aktuellen Prognosen soll erst 2025 wieder das reale Lohnniveau von 2007 erreicht werden (S. 12-3). Seit 1979 sind die Fr\u00fcchte des Wachstums \u00fcberwiegend an die oberen zehn Prozent gegangen; die \u00e4rmsten zwanzig Prozent haben keinerlei Wachstum in ihrem Markteinkommen gesehen (S. 14). Gleichzeitig hat die Qualit\u00e4t vieler Arbeitspl\u00e4tze gelitten, so dass trotz guter Arbeitslosenzahlen viel Unzufriedenheit im Arbeitsmarkt herrscht. Auch was Verm\u00f6gen, die regionale Verteilung der Wirtschaftskraft, und selbst die Lebenserwartung angeht gibt es besorgniserregende, langanhaltende Ungleichheiten (S. 18-9).<\/p>\n<p>Eine zweite Feststellung ist entscheidend f\u00fcr das weitere Argument des Berichtes (S. 24-9): Anders als lange gedacht, komplementieren sich Gerechtigkeit und wirtschaftliche St\u00e4rke: \u201ethere is now a great deal of evidence that a fairer economy will also generate greater prosperity\u201c (S. 26). Auf die bereits beobachteten Schw\u00e4chen der britischen Wirtschaft bezogen bedeutet dies: Die exzessive Effizienz-Fokussierung der britischen Wirtschaft\u2014die oft auf Kosten von Fairness ging\u2014war letztendlich kontraproduktiv. Sie hat weder Wachstum maximiert, noch die erwirtschafteten Fr\u00fcchte gleich verteilt.<\/p>\n<p>Wenn Effizienz als alleiniger Leitwert f\u00fcr Wirtschaftspolitik kontraproduktiv ist, welche Leitlinien sollen dann greifen? Als neue Ausrichtung schl\u00e4gt der Bericht vor, nachdem er wirtschaftliche Gerechtigkeit definiert (S. 24-6), Wohlstand und wirtschaftliche Gerechtigkeit (\u201eprosperity and economic justice) zusammen und auf Grundlage von \u00f6kologischer Nachhaltigkeit anzustreben (S. 29-33).<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a> Um diese Ziele zu erreichen fordert der Bericht einen Reformschub in einer Gr\u00f6\u00dfenordnung, wie es sie nur zweimal im 20. Jahrhundert gab: nach dem 2. Weltkrieg unter Premierminister Clement Attlee, als der britische Sozialstaat und insbesondere der National Health Service aufgebaut wurden; und in den fr\u00fchen 80er Jahren unter Premierministerin Thatcher, als die britische Wirtschaft marktorientiert neu aufgestellt wurde (S. 79-81).<\/p>\n<p>Insbesondere muss die britische Wirtschaft: (1) von kurzfristigen Finanzierungs- und Profitdruck auf langfristiges Investitionsdenken (S. 34-40); (2) von Au\u00dfenhandelsdefiziten zu einer \u201eneuen Industrialisierung\u201c (S. 40-46); (3) von flexiblen Arbeitsm\u00e4rkten zu Produktivit\u00e4tssteigerungen in der \u201eAlltagswirtschaft\u201c (S. 46-52); (4) von technischem Hinterherhinken zu gesteuerter Automatisierung (S. 52-57); und (5) von Marktmachtkonzentration zu offenen und fairen M\u00e4rkten umgestellt werden (S. 57-63).<\/p>\n<p>Bei diesen Umstellungen gilt es Macht und Wirtschaft zusammen zu denken: viele der wirtschaftlichen Probleme des Vereinigten K\u00f6nigreichs stammen aus Machtungleichgewichten\u2014zwischen Arbeiternehmern und Eigent\u00fcmern bzw. Management; zwischen etablierten Gro\u00dfunternehmen und jungen Startups; zwischen kurzfristig orientierten Finanzakteuren und langfristigen Investoren; und zwischen der Zentralregierung und den St\u00e4dten, Regionen und Nationen des Vereinigten K\u00f6nigreichs (S. 74-76). Wenn diese Ungleichgewichte nicht behoben werden, ist es unwahrscheinlich, dass das Doppelziel von Wohlstand und Gerechtigkeit erreicht wird.<\/p>\n<p><strong>Teil 2\u2014Die Vorschl\u00e4ge<\/strong><\/p>\n<p>Um die Vision, die im ersten Teil entwickelt wird, umsetzbar zu machen, enth\u00e4lt der zweite Teil des Berichtes ein 10-Punkte Programm. Jeder der 10 Hauptpunkte wiederum enth\u00e4lt eine Reihe von detaillierteren Unterpunkten. Wir \u00fcbersetzen die zehn \u00dcberschriften, und vertiefen einige der Vorschl\u00e4ge:<\/p>\n<ol>\n<li><em>Umgestaltung der Wirtschaft durch Industriestrategie<\/em>. Unter dieser \u00dcberschrift versteht der Report vor allem (a) die Bildung neuer industrieller Cluster rund um die britischen Universit\u00e4ten, indem \u00f6ffentliche Investitionen und das \u00f6ffentliche Auftragswesen zum Aufbau neuer inl\u00e4ndischer Lieferketten genutzt werden, eine Idee die in entsprechend angepasster Form auch f\u00fcr Deutschland relevant sein k\u00f6nnte; sowie (b) die Gr\u00fcndung einer Nationalen Investmentbank mit einem Startkapital von 20 Milliarden Pfund, mit dem circa 50 bis 200 Milliarden Pfund an Krediten vergeben werden k\u00f6nnen (entspricht circa 55 bis 225 Milliarden Euro; zum Vergleich: die KfW hat eine <a href=\"https:\/\/web.archive.org\/web\/20201027010114\/https:\/\/www.kfw.de\/KfW-Konzern\/%C3%9Cber-die-KfW\/Zahlen-und-Fakten\/KfW-auf-einen-Blick\/\">Bilanzsumme<\/a> von 472 Milliarden Euro).<\/li>\n<li><em>Gute Arbeitspl\u00e4tze, gute Bezahlung und ein gutes Leben sichern. <\/em>Wie in Teil 1 festgestellt, ist die schlechte Lohnentwicklung im Vereinigten K\u00f6nigreich das Ergebnis zweier Trends: schwaches Produktivit\u00e4tswachstum, und die schwindende Verhandlungsmacht von Arbeitnehmern. Die Vorschl\u00e4ge in diesem Bereich bestehen daher aus\n<ul>\n<li>Direkten Interventionen, zum Beispiel die Anhebung des Mindestlohns auf \u00a38,75 (circa \u20ac9,80; in Deutschland betr\u00e4gt er zur Zeit \u20ac8,84), zusammen mit einem 20% Aufschlag f\u00fcr \u201eZero Hour Contracts\u201c, also Arbeitsvertr\u00e4ge, die keine Arbeitsstunden garantieren. Die Idee, den Mindestlohn nicht nur nach unten zu \u00f6ffnen, wie z.B. bei Azubis oder Praktikanten, sondern auch unter Umst\u00e4nden nach oben zu verschieben, wie hier vorgeschlagen f\u00fcr besonders unsichere Arbeitsverh\u00e4ltnisse, k\u00f6nnte auch f\u00fcr Deutschland angedacht werden.<\/li>\n<li>Indirekte Interventionen um die Verhandlungsmacht von Arbeitnehmern zu st\u00e4rken, zum einen durch st\u00e4rkere Gewerkschaften (Ziel: Tarifbindung im Vereinigten K\u00f6nigreich bis 2030 auf 50% zu verdoppeln) und bessere Informationen (z.B. indem alle Firmen mit mehr als 250 Angestellten ihre Gehaltsskalen ver\u00f6ffentlichen m\u00fcssen, um fairere Gehaltsverhandlungen m\u00f6glich zu machen).<\/li>\n<li>Zus\u00e4tzlich schl\u00e4gt der Bericht vor, bei steigender Produktivit\u00e4t neue \u00f6ffentliche Feiertage einzuf\u00fchren, um einen Teil des Produktivit\u00e4tswachstum in mehr Freizeit umzuwandeln.<\/li>\n<\/ul>\n<\/li>\n<li><em>Unternehmens auf langfristigen Erfolg umorientieren<\/em>. Hier geht es um eine Reihe von Ma\u00dfnahmen, allen voran die Einf\u00fchrung von Mitbestimmung und die Bindung des Aktion\u00e4rsstimmrecht an eine einj\u00e4hrige Mindesthaltefrist, mit denen britische Firmen weg von kurzfristigem und hin zu langfristigerem Denken angehalten werden sollen. In diesem Kontext interessant: deutsche Unternehmen bewegen sich seit den neunziger Jahren in die entgegengesetzte Richtung. Die ehemalige \u201eDeutschland A.G.\u201c, in der Querbeteiligungen Firmen vor Druck von kurzfristig orientierten Anlegern sch\u00fctzen, hat sich weitestgehend aufgel\u00f6st, ersetzt durch h\u00f6here Anteile in Streubesitz sowie Investmentfonds (siehe H\u00f6pner, <em><a href=\"https:\/\/web.archive.org\/web\/20210512083354\/https:\/\/www.mpifg.de\/pu\/mpifg_book\/mpifg_bd_46.pdf\">Wer beherrscht die Unternehmen<\/a><\/em>).<\/li>\n<li><em>Die F\u00f6rderung offener M\u00e4rkte in der neuen Wirtschaft. <\/em>Um der hohen Marktmacht digitaler Platformen entgegenzutreten, schl\u00e4gt der Bericht vor, einen neuen Regulator einzuf\u00fchren, sowie \u00f6ffentlich gesammelte Daten nutzerfreundlich und fl\u00e4chendeckend zug\u00e4nglich zu machen. Ein \u00e4hnlicher <a href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/wirtschaft\/diginomics\/andrea-nahles-will-internetkonzerne-zum-daten-teilen-zwingen-15735555.html\">Vorschlag<\/a> wurde vor kurzem von Andrea Nahles lanciert.<\/li>\n<li><em>Erh\u00f6hung der \u00f6ffentlichen Investitionen innerhalb eines reformierten makro\u00f6konomischen Politikrahmen<\/em>. Unter dieser \u00dcberschrift fasst der Bericht eine Reihe an interessanten Vorschl\u00e4gen zusammen, mit denen der Investitionsdefizit der britischen Wirtschaft beseitigt, sowie die Konjunktursteuerung auf eine neue, nachhaltigere Grundlage gesetzt werden soll.\n<ul>\n<li>Der Bericht macht deutlich, dass zwischen Kreditaufnahme f\u00fcr Investitionen und Kreditaufnahme f\u00fcr laufende Ausgaben konsequent zu unterscheiden ist. Bis jetzt bilden britische BIP-Statistiken diese Unterscheidung nicht angemessen ab, was der Bericht zu \u00e4ndern vorschl\u00e4gt. Eine interessante Parallele zur deutschen und Eurozonen-Situation: weder die schwarze Null, noch der Stabilit\u00e4ts- und Wachstumspakt unterscheiden zwischen diesen zwei Arten der Kreditaufnahme. Die deutsche \u00f6ffentliche Buchhaltung ist in ihrer jetzigen Form dazu allerdings auch nicht in der Lage: auf <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Kameralistik\">kameralistischer Basis<\/a> aufgestellt h\u00e4lt sie weitestgehend nur Ein- und Ausnahmen fest. Eine Unterscheidung zwischen Investitionskrediten und anderen Krediten w\u00fcrde eine Umstellung auf Doppik, oder die <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Buchf%C3%BChrung#Doppelte_Buchf%C3%BChrung_%E2%80%93_Grundlagen\">doppelte Buchf\u00fchrung<\/a>, erfordern. Mithilfe derer w\u00e4re es dann m\u00f6glich Verm\u00f6genswerte und Verbindlichkeiten festzuhalten, um so erkennbar zu machen ob ein Kredit zum Aufbau neuen Verm\u00f6gens oder zur Deckung laufender Ausgaben dient.<\/li>\n<li>Der Bericht fordert die Einf\u00fchrung neuer Fiskalregeln, unter denen, (i) im f\u00fcnf-Jahres-Durchschnitt und bei normaler Konjunktur laufende Ausgaben durch laufende Einnahmen gedeckt werden m\u00fcssen; (ii) bei denen ein Mindestinvestitionsziel gilt, laut dem im jetzigen Kontext \u00f6ffentliche Investitionen um 15 Milliarden Pfund erh\u00f6ht werden sollten; und (iii) bei denen die Nachhaltigkeit von Staatsschulden durch das <a href=\"http:\/\/obr.uk\/\">Office for Budget Responsibility<\/a>, auf der Grundlage von Zinsen, Laufzeiten, und Steuervorsch\u00e4tzungen bestimmt werden sollen (S. 161-5). F\u00fcr Deutschland w\u00e4re es sicherlich interessant, gerade im Interesse der parlamentarischen Regierungs\u00fcberwachungsaufgabe, nicht nur \u00fcber diese Fiskalregeln zu diskutieren, sondern auch \u00fcber die Errichtung eines deutschen \u201eOffice of Budget Responsibility.\u201c Im Gegensatz zum deutschen <a href=\"http:\/\/www.stabilitaetsrat.de\/DE\/Home\/home_node.html\">Stabilit\u00e4tsrat<\/a>, der der Bundes- sowie den L\u00e4nderregierungen untersteht, ist das OBR dem Parlament verantwortlich, dem es ma\u00dfgeblich zuarbeitet, sowie der breiten \u00d6ffentlichkeit, die es mit regelm\u00e4\u00dfigen Berichten informiert.<\/li>\n<li>Ebenso fordert der Bericht eine \u00c4nderung des Mandats der Bank of England, das neben dem Inflationsziel die Arbeitslosigkeit und das Niveau des nominalen BIPs beinhalten soll. Zum Vergleich: das Mandat der EZB ist ein reines Preisstabilit\u00e4tsmandat. Auch diese Idee des Berichtes k\u00f6nnte man also in die deutsche bzw. Eurozonendebatte einf\u00fchren.<\/li>\n<li>Als letzte und besonders interessante Forderung schl\u00e4gt der Bericht die Einf\u00fchrung eines neuen Konjuktursteuerungsinstruments vor: wenn der Leitzins an seine Untergrenze gesto\u00dfen ist, soll die Bank of England die neu geschaffene Nationale Investmentbank anweisen k\u00f6nnen, die Kreditvergabe an die Realwirtschaft anzukurbeln. Gleichzeitig sichert die Bank of England die Finanzierung dieser angewiesenen Kreditvergabe, indem sie, falls es kein oder nur unzureichendes Marktinteresse gibt, Anleihen der Nationalen Investmentbank in entsprechender H\u00f6he mit neu geschaffenem Zentralbankgeld kauft. Diese Ma\u00dfnahme w\u00fcrde Quantitative Easing ersetzen und die Effekte der monet\u00e4ren Stimulierung deutlich steuerbarer machen: es k\u00f6nnte zum Beispiel gezielt verhindert werden, dass Haus- und Bodenpreise in die H\u00f6he getrieben werden, indem der Nationalen Investmentbank vorgeschrieben wird, in diesen Sektor keine neuen Kredite zu vergeben.<\/li>\n<\/ul>\n<\/li>\n<li><em>St\u00e4rkung des Finanzsystems<\/em>. Hier handelt es sich vor allem um Vorschl\u00e4ge f\u00fcr st\u00e4rkere Transparenzma\u00dfnahmen und die steuerliche und regulatorische Bevorteilung von Kapital- gegen\u00fcber Kreditfinanzierung, um die instabilit\u00e4tsanf\u00e4llige Schuldenfinanzierung zur\u00fcckzudr\u00e4ngen. Au\u00dferdem schl\u00e4gt der Bericht vor, die Einf\u00fchrung eines Haus- und Bodenpreisziels zu pr\u00fcfen, um so einen exzessiven Anstieg derselben zu verhindern. Wenn die entsprechenden Preise zu rapide steigen, k\u00f6nnte die Bank of England die Vergabe von neuem Kredit in diesen Sektor drosseln. Im Vereinigten K\u00f6nigreich ist dieser Vorschlag, wie der Bericht selber feststellt, \u201e\u2018closing the stable door after the horse has bolted\u201c (S. 181), doch f\u00fcr Deutschland k\u00f6nnte er eine interessante Erg\u00e4nzung zur Mietpreisbremse darstellen.<\/li>\n<li><em>Verteilung von Verm\u00f6gen und Eigentum in der gesamten Wirtschaft<\/em>. Unter dieser \u00dcberschrift schl\u00e4gt der Bericht die Erschaffung eines Sovereign Wealth Funds vor, aus dessen Ertr\u00e4gen entweder eine kleine j\u00e4hrliche Dividende oder eine Einmalzahlung von \u00a310,000 zum 25. Geburtstag finanziert werden k\u00f6nnten. Gleichzeitig wird hier eine grundlegende Reform des britischen H\u00e4user- und Wohnungsmarktes, um die wachsende Generationenungleichheit zu bek\u00e4mpfen, gefordert.<\/li>\n<li><em>Einfacheres und gerechteres Besteuern<\/em>. Der wichtigste Vorschlag unter dieser \u00dcberschrift ist das Zusammenlegen von Sozialbeitr\u00e4gen und Einkommenssteuer in eine geb\u00fcndelte Steuer, die auf das gesamte Jahreseinkommen (aus allen Quellen) erhoben wird.\n<ul>\n<li>Die Erbschaftssteuer soll durch eine Lebenszeit-Schenksteuer ersetzt werden, bei der die Rezipienten von Geschenken besteuert werden, mit einem Freibetrag von \u00a3125,000. In Deutschland gelten, zum Vergleich, gestaffelte Freibetr\u00e4ge die sich nach dem Beschenkten richten (z.B. so k\u00f6nnen bis zu 500.000 Euro steuerfrei an Ehepartner oder bis zu 400.000 steuerfrei an Kindern verschenkt werden) und alle zehn Jahre neu genutzt werden k\u00f6nnen.<\/li>\n<li>Die K\u00f6rperschaftssteuer soll angehoben werden, und eine Mindeststeuer eingef\u00fchrt werden, die bei Multinationalen Firmen greift, die durchgehend niedrige Profite im Vereinigten K\u00f6nigreich berichten, jedoch auf globaler Ebene Profite ausweisen.<\/li>\n<\/ul>\n<\/li>\n<li><em>Sicherstellung der \u00f6kologischen Nachhaltigkeit<\/em>. Hier schl\u00e4gt der Report vor, die Einf\u00fchrung von strikten Umweltzielen mit einer industriellen Strategie zu kombinieren, die die Entstehung neuer britischer Unternehmen in diesen Sektoren unterst\u00fctzt.<\/li>\n<li><em>Schaffung einer neuen Wirtschaftsverfassung<\/em>. Unter der letzten \u00dcberschrift beschreibt der Report drei Vorschl\u00e4ge, die die Institutionen, die die britische Wirtschaftspolitik ma\u00dfgeblich bestimmen, auf eine neue Grundlage stellen soll.\n<ul>\n<li>Dezentralisierung, St\u00e4rkung von Kommunen und Schaffung von regionalen K\u00f6rperschaften, die regionale Infrastrukturplanung mit Industriestrategie und Einwanderungsplanung kombinieren.<\/li>\n<li>Die Ersetzung von EU Regionalen Entwicklungsfonds durch einen steuerfinanzierten Inclusive Growth Fund (IGF).<\/li>\n<li>Die Einf\u00fchrung eines Nationalen Wirtschaftsrates (National Economic Council), der einen 10-Jahresplan f\u00fcr die britische Wirtschaft ausarbeiten soll.<\/li>\n<\/ul>\n<\/li>\n<\/ol>\n<p>Abschlie\u00dfend halten wir fest, dass dieser Bericht in <a href=\"https:\/\/www.theguardian.com\/politics\/2018\/sep\/09\/unions-the-way-ahead-for-uk-economy-says-ippr\">manchen<\/a> <a href=\"https:\/\/news.sky.com\/story\/sky-data-poll-public-ready-for-change-as-uk-economy-is-unfair-and-not-working-11490328\">Medien<\/a>\u2014sowie von der <a href=\"https:\/\/labour.org.uk\/press\/ippr-commission-produced-beveridge-report-today\/\">Labour Party<\/a>\u2014als Nachfolger des ber\u00fchmten <a href=\"http:\/\/www.nationalarchives.gov.uk\/pathways\/citizenship\/brave_new_world\/welfare.htm\">Beveridge Reports<\/a> gehandelt wird. Der Beveridge Report, 1942 fertiggestellt, pr\u00e4gte ma\u00dfgeblich den britischen Nachkriegswohlfahrtsstaat sowie die Wirtschaftsverfassung der britischen Gesellschaft bis tief in die 1970er Jahre. Ob der Bericht der IPPR Kommission \u00e4hnlich einflussreich sein wird ist heute noch nicht abzusehen; doch in Breite, Tiefe, und reformerischer Ambition ist er durchaus vergleichbar.<\/p>\n<p>&#8212;<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Zitate und Seitenverweise beziehen sich stets auf den vollen Bericht.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> \u201cOur argument, then, is that the purpose of the economy \u2013 and of economic policymaking \u2013 should be to achieve prosperity and justice together, and to ground them both in environmental sustainability.\u201d<\/p>\n<p><em>Picture credit: IPPR<\/em><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>DEZERNAT ZUKUNFT IPPR, das \u201eInstitute for Public Policy Research\u201c, ist eine links ausgerichtete britische Denkwerkstatt. Sie wurde 1988 gegr\u00fcndet und hat seitdem die Grundausrichtung der Labour Party und der britischen Politik entscheidend beeinflusst, zum Beispiel mit Berichten zu Gesundheitspolitik, Kommunalpolitik (hier und hier), und Umweltpolitik. Letzten Mittwoch (5.9.2018) hat IPPR den Abschlussbericht seiner Kommission zu Wirtschaftsgerechtigkeit, eingesetzt als Reaktion auf &#8230; <a href=\"https:\/\/dezernatzukunft.org\/en\/was-wir-lesen-sonderausgabe-ippr-bericht\/\" class=\"more-link\">Read More<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":42,"featured_media":71161,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"footnotes":"","_links_to":"","_links_to_target":""},"categories":[192],"tags":[163,55,185,266],"class_list":["post-9031","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-archive","tag-economic-policy","tag-fiscal-policy","tag-social-policy","tag-wirtschaftspolitik-en"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v26.8 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Was wir lesen - Sonderausgabe IPPR-Bericht - Dezernat Zukunft<\/title>\n<meta name=\"description\" content=\"Institut f\u00fcr Makrofinanzen\" \/>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/dezernatzukunft.org\/en\/was-wir-lesen-sonderausgabe-ippr-bericht\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"en_US\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Was wir lesen - Sonderausgabe IPPR-Bericht - Dezernat Zukunft\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Institut f\u00fcr Makrofinanzen\" \/>\n<meta property=\"og:url\" content=\"https:\/\/dezernatzukunft.org\/en\/was-wir-lesen-sonderausgabe-ippr-bericht\/\" \/>\n<meta property=\"og:site_name\" content=\"Dezernat Zukunft\" \/>\n<meta property=\"article:published_time\" content=\"2018-09-14T17:39:32+00:00\" \/>\n<meta property=\"article:modified_time\" content=\"2024-03-26T14:02:01+00:00\" \/>\n<meta property=\"og:image\" content=\"https:\/\/dezernatzukunft.org\/wp-content\/uploads\/2018\/09\/lesen-ippr.png\" \/>\n\t<meta property=\"og:image:width\" content=\"1600\" \/>\n\t<meta property=\"og:image:height\" content=\"933\" \/>\n\t<meta property=\"og:image:type\" content=\"image\/png\" \/>\n<meta name=\"author\" content=\"Dezernat Zukunft\" \/>\n<meta name=\"twitter:card\" content=\"summary_large_image\" \/>\n<meta name=\"twitter:creator\" content=\"@DezernatZ\" \/>\n<meta name=\"twitter:site\" content=\"@DezernatZ\" \/>\n<meta name=\"twitter:label1\" content=\"Written by\" \/>\n\t<meta name=\"twitter:data1\" content=\"Dezernat Zukunft\" \/>\n\t<meta name=\"twitter:label2\" content=\"Est. reading time\" \/>\n\t<meta name=\"twitter:data2\" content=\"13 minutes\" \/>\n<script type=\"application\/ld+json\" class=\"yoast-schema-graph\">{\"@context\":\"https:\/\/schema.org\",\"@graph\":[{\"@type\":\"Article\",\"@id\":\"https:\/\/dezernatzukunft.org\/en\/was-wir-lesen-sonderausgabe-ippr-bericht\/#article\",\"isPartOf\":{\"@id\":\"https:\/\/dezernatzukunft.org\/en\/was-wir-lesen-sonderausgabe-ippr-bericht\/\"},\"author\":{\"name\":\"Dezernat Zukunft\",\"@id\":\"https:\/\/dezernatzukunft.org\/#\/schema\/person\/8632c473e2d4ac34878a760c537635dd\"},\"headline\":\"Was wir lesen &#8211; 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