{"id":9022,"date":"2018-10-17T12:59:24","date_gmt":"2018-10-17T10:59:24","guid":{"rendered":"https:\/\/dezernat-zukunft.org\/?p=9022"},"modified":"2022-05-30T20:07:35","modified_gmt":"2022-05-30T18:07:35","slug":"mini-serie-schattenbanken-teil-3-risiken-und-nebenwirkungen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dezernatzukunft.org\/en\/mini-serie-schattenbanken-teil-3-risiken-und-nebenwirkungen\/","title":{"rendered":"Mini-Serie Schattenbanken. Teil 3: Risiken und Nebenwirkungen."},"content":{"rendered":"\n<p style=\"font-size:12px\"><strong><a href=\"mailto:info@dezernatzukunft.org\" data-type=\"mailto\" data-id=\"mailto:info@dezernatzukunft.org\">DEZERNAT ZUKUNFT<\/a><\/strong><\/p>\n\n\n<p>Nachdem die vorangegangenen Teile der Serie zun\u00e4chst Schattenbanken im Finanzsystem verorteten (<a href=\"http:\/\/www.dezernatzukunft.de\/mini-serie-schattenbanken-teil-1-was-sind-sie\/\">Teil 1<\/a>), sowie daraufhin deren Aufstieg und Funktion nachzeichneten (<a href=\"http:\/\/www.dezernatzukunft.de\/mini-serie-schattenbanken-teil-2-gruende-des-aufstiegs-und-ihre-zwecke\/\">Teil 2<\/a>), schlie\u00dft die Serie mit einer Risikoanalyse des Sektors.<\/p>\n<p>Diese gestaltet sich schwierig, denn wie zuvor beschrieben handelt es sich beim Begriff \u201aSchattenbank\u2018 um einen breit definierten Sammelbegriff. Einzelne Auspr\u00e4gungen von Schattenbanken nehmen sehr unterschiedliche Funktionen im Finanzsystem wahr, ihre Gesch\u00e4ftsbereiche unterscheiden sich zum Teil substanziell.<\/p>\n<p><strong>Ein heterogener Sektor<\/strong><\/p>\n<p>Hierin ist bereits das erste Risiko zu sehen: die Heterogenit\u00e4t des Sektors sorgt daf\u00fcr, dass eine einheitliche Risikobewertung notwendigerweise wie ein schlecht geschnittener Anzug wird: zu optimistisch an manchen Stellen, zu pessimistisch an anderen. Auf sektoraler Ebene sind Risiken opak und schwer greifbar.<\/p>\n<p>Doch auch eine Risikobewertung, die auf der Ausdifferenzierung verschiedener Risikokomponenten basiert, ist nicht unbedingt erfolgsversprechender. Durch typischerweise lange Intermediationsketten, dem Einsatz (kurzfristiger) Fremdfinanzierung, sowie der Wiederverwendung von Sicherheiten entstehen komplexe Gebilde. Isoliert betrachtet mag das Risiko eines einzelnen Instituts \u2014 oder eines Teils des Schattenbanksystems \u2014 moderat erscheinen, doch durch seine Einbettung in ein insgesamt komplexes, schwer zu \u00fcberblickende Gesamtsystem kann das tats\u00e4chliche Risiko erheblich h\u00f6her sein. Diese Erkenntnis ist nicht neu. Trotzdem ist es schwierig diese Vernetzungen nachzuvollziehen und aus ihnen resultierende systemische Risiken akkurat einzusch\u00e4tzen \u2014 womit man wieder bei der anf\u00e4nglichen Schwierigkeit des nicht greifbaren, opaken Risikos ist.<\/p>\n<p>Ein Beispiel dieses Mechanismus sind die aus der Finanzkrise bekannten Verbriefungsvehikel, die Hypotheken in scheinbar sichere und von Ratingagenturen erstklassig bewertete Finanzprodukte wandelten. Durch diese Transformation entstand ein komplexes Produkt, dessen tats\u00e4chliches Risiko nur schwer zu beziffern war und erst zu Tage trat, als die ersten Hypotheken ausfielen und nach und nach Verluste der Verbriefungsvehikel wieder in den Bilanzen der Banken auftauchten. Auch hiesige Landesbanken oder Kommunen, die auftragsm\u00e4\u00dfig eine risikoaverse Investitionsstrategie verfolgten, hatten, da die wahre Risikostruktur schwer zu erkennen war (und vielleicht auch nicht erkannt werden wollte), in diese Papiere investiert und so in unbewusst hohem Ma\u00dfe spekuliert, was ihnen in der Krise hohe Verluste bescherte.<\/p>\n<p>Diese systematische Untersch\u00e4tzung des (systemischen) Risikos im Schattenbanksektor, sowohl durch Marktteilnehmer, als auch durch Aufseher, war ma\u00dfgeblich verantwortlich f\u00fcr die Schwere der Finanzkrise vor zehn Jahren (siehe z.B. Adam Tooze, <em><a href=\"https:\/\/www.amazon.de\/Crashed-Decade-Financial-Crises-Changed\/dp\/0670024937\">Crashed<\/a><\/em>). Einen \u00e4hnlichen Fehler nicht noch mal zu begehen ist daher essenziell, auch vor dem Hintergrund, dass als Folge der Krise vornehmlich die Regulierung und \u00dcberwachung der Banken versch\u00e4rft wurde. Zwar wurden auch Teile des Schattenbanksektors st\u00e4rker reguliert, wie z. B. Verbriefungsvehikel, jedoch handelt es sich hier, wie im <a href=\"http:\/\/www.dezernatzukunft.de\/mini-serie-schattenbanken-teil-2-gruende-des-aufstiegs-und-ihre-zwecke\/\">vorangegangenen Teil<\/a> der Serie gezeigt, um einen relativ kleinen Teil des globalen Schattenbanksektors.<\/p>\n<p>Weitaus mehr Gewicht haben Investmentfonds, die derzeit ungef\u00e4hr die H\u00e4lfte des Volumens des Sektors bilden, und die seit der Krise starkes Wachstum verzeichnen. Diese allerdings blieben bisher von (sch\u00e4rferer) Regulierung und \u00dcberwachung verschont.<\/p>\n<p><strong>Investmentfonds und das \u201eRun-Risiko\u201c<\/strong><\/p>\n<p>Was sind also die Risiken des Investmentfondssektors, bzw. die voraussehbaren Auswirkungen einer Krise in diesem Sektor? Wie im <a href=\"http:\/\/www.dezernatzukunft.de\/mini-serie-schattenbanken-teil-1-was-sind-sie\/\">ersten Teil<\/a> der Reihe beschrieben gibt es f\u00fcr Schattenbanken keine Einlagensicherung. Eine Fondspleite w\u00fcrde f\u00fcr die Investoren also den Verlust ihres Geldes bedeuten. Investoren haben daher den Anreiz bei Anzeichen zu erwartender Verluste ihre Fondsanteile zur\u00fcckzugeben, womit sie der Fonds zu entsprechender Frist und entsprechendem Kurs ausbezahlen muss.<\/p>\n<p>Sollte sich eine Vielzahl von Investoren gleichzeitig zur R\u00fcckgabe ihrer Anteile entscheiden \u2014 wenn zum Beispiel die Angst vor einer neuen Krise grassiert \u2014 kann ein sogenannter \u201eRun\u201c entstehen. Da Fonds typischerweise wenig liquide Mittel zur\u00fcckhalten,<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\"><sup>[1]<\/sup><\/a> kann dies schnell zu Liquidit\u00e4tsengp\u00e4ssen f\u00fchren. Zur Erinnerung: Schattenbanken haben keinen Zugang zu Zentralbankliquidit\u00e4t um diesen Engpass zu \u00fcberbr\u00fccken.<\/p>\n<p>Den Fonds bliebe in einer solchen Situation also nichts anderes \u00fcbrig, als Wertpapiere aus ihrem Portfolio zu verkaufen, um die abtr\u00fcnnigen Investoren auszubezahlen. Dieser pl\u00f6tzliche, massenhafte Verkauf von Wertpapieren senkt deren Preis, ein sog. <a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Fire_sale\">Fire Sale<\/a> resultiert. Diese negativen Signale und der Preisfall einzelner Papiere kann, gerade wenn der anf\u00e4ngliche Run schon den Eindruck einer Krise sch\u00fcrt, zu einem Fl\u00e4chenbrand f\u00fchren und auch andere Fonds in Abw\u00e4rtsspiralen aus Preisverfall und Anteilsr\u00fcckgaben durch Investoren versetzen.<\/p>\n<p><strong>2008 mussten US-Geldmarktfonds staatlich gest\u00fctzt werden<\/strong><\/p>\n<p>In der Finanzkrise erlebten insbesondere Geldmarktfonds und Immobilienfonds Runs. In den USA entschied sich die Federal Reserve 2008 dazu, 50 Mrd. US Dollar in Garantien f\u00fcr potenzielle Verluste der Geldmarktfonds bereitzustellen, um so aufkommende Fire Sales abzuwenden, deren Auswirkungen auch andere Investmentfonds oder Banken bedroht h\u00e4tten (New York Times, <a href=\"https:\/\/www.nytimes.com\/2008\/09\/20\/business\/20moneys.html\">19. September 2008<\/a>). Nach der Krise wurden Geldmarktfonds sch\u00e4rfer reguliert, insbesondere was deren Liquidit\u00e4tsanforderungen angeht, worunter die Profitabilit\u00e4t und somit Beliebtheit des Sektors gelitten hat.<\/p>\n<p><strong>Immobilienfonds und Blasenbildung<\/strong><\/p>\n<p>Im Gegensatz dazu erholten sich Immobilienfonds nach erlebten Runs in der Krise vollauf. Der Sektor w\u00e4chst stark, weltweit konnten Immobilienfonds ihr Volumen seit der Finanzkrise mehr als verdoppeln. Durch die anhaltende Niedrigzinsphase und wieder steigende Immobilienpreise bieten sich Investoren hier lukrative Gewinne. Jedoch geht das Wachstum und die Preisentwicklung im Immobiliensektor mittlerweile so weit, dass manche Beobachter bereits vom Aufbau einer neuen Preisblase sprechen.<\/p>\n<p>Hier zeigt sich das Gegenst\u00fcck zu Run- und Fire Sale-Risiken. Statt unter Wert werden Wertpapiere und andere Anlagen \u2014 wie z. B. Immobilien \u2014 \u00fcber Wert gehandelt, Blasenbildung ist die Folge. Auch hier, vermutet man, spielen Schattenbanken eine Rolle, wenn auch eher \u201aunfreiwillig.\u2018 Da sowohl institutionelle Anleger als auch private Investoren durch niedrige Leitzinsen nach Rendite in anderen Anlageformen suchen, wenden sie sich Investmentfonds zu. Dies beschert den Fonds seit der Finanzkrise anhaltende Kapitalzufl\u00fcsse; Geld, welches wiederum von den Fonds investiert werden muss. Dies steigert die Nachfrage nach Wertpapieren, Immobilien, oder anderen Anlagekategorien die bei Fonds beliebt sind, was auch deren Preise steigen l\u00e4sst. Wie signifikant dieser Effekt ist und ob sich wirklich Preisblasen bilden ist schwer zu quantifizieren oder zu verifizieren und l\u00e4sst sich daher nur mutma\u00dfen.<\/p>\n<p><strong>Indexfonds und ETFs<\/strong><\/p>\n<p>In diesem Kontext tauchen auch die bei Investoren \u00e4u\u00dferst beliebten Indexfonds und ETFs (exchange traded funds) auf. Hierbei handelt es sich um passive Anlageinstrumente. Sie bilden im Gegensatz zu aktiv gemanagten Fonds, die eine Portfolioauswahl treffen, einen gewissen Aktien- oder Rentenindex m\u00f6glichst genau ab, wie z. B. den DAX, S&amp;P 500 oder MSCI World.<\/p>\n<p>Der Markt f\u00fcr ETFs ist seit der Finanzkrise regelrecht explodiert: Das verwaltete Volumen in den USA und Europa stieg von 691,1 Mrd. US Dollar (2008) auf 4,3 Bio. US Dollar (2018) (Financial News, <a href=\"https:\/\/www.fnlondon.com\/articles\/whos-afraid-of-the-etf-bubble-everybody-20180903\">3. September 2018<\/a>). Durch diesen Anstieg stehen Papiere, die in einem der jeweils abgebildeten Indizes gehandelt werden unter besonderem positiven Preisdruck, ohne dass dies notwendigerweise mit realwirtschaftlichen Verbesserungen auf Seiten der Firmen einhergeht. Auch hier ist der Preiseffekt allerdings schwer zu beziffern, bzw. zu isolieren. Zumindest deuten Vergleiche mit der Preisentwicklung von nicht in den Hauptaktienindizes gehandelten, vergleichbaren Papieren auf eine \u00dcberhitzung hin.<\/p>\n<p><strong>Fazit<\/strong><\/p>\n<p>Abschlie\u00dfend l\u00e4sst sich sagen, dass wir auch zehn Jahre nach der Finanzkrise das Schattenbanksystem weiterhin nicht vollends verstehen \u2014 unter anderem auch, da der Sektor sich seit dem stark ver\u00e4ndert hat und weiter wandelt. W\u00e4hrend vorherige Risiken mittlerweile besser reguliert sind, haben sich an anderer Stelle, insbesondere im Investmentfondssektor, potenzielle neue Risiken oder zumindest neue Fragestellungen ergeben. Vor kurzem appellierte daher auch EZB-Pr\u00e4sident Mario Draghi, dass es hier dringend neuer \u00dcberwachungsinstrumente bedarf. (Bloomberg, <a href=\"https:\/\/www.bloomberg.com\/news\/articles\/2018-09-13\/ecb-s-draghi-seeks-tougher-policing-of-49-trillion-shadow-banks\">13. September 2018<\/a>).<\/p>\n<hr>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Die Performance eines Fonds wird normalerweise relativ zum gesamten Fondsverm\u00f6gen berechnet. Da hohe Liquidit\u00e4t generell niedrigen Ertrag bedeutet (und umgekehrt), besteht ein starker Anreiz, so wenig Mittel wie m\u00f6glich in hochliquiden, aber wenig rentablen, Anlagekategorien (wie z.B. Bundesanleihen) zu investieren.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>DEZERNAT ZUKUNFT Nachdem die vorangegangenen Teile der Serie zun\u00e4chst Schattenbanken im Finanzsystem verorteten (Teil 1), sowie daraufhin deren Aufstieg und Funktion nachzeichneten (Teil 2), schlie\u00dft die Serie mit einer Risikoanalyse des Sektors. Diese gestaltet sich schwierig, denn wie zuvor beschrieben handelt es sich beim Begriff \u201aSchattenbank\u2018 um einen breit definierten Sammelbegriff. 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