{"id":9009,"date":"2019-03-03T10:10:30","date_gmt":"2019-03-03T09:10:30","guid":{"rendered":"https:\/\/dezernat-zukunft.org\/?p=9009"},"modified":"2022-05-30T20:13:35","modified_gmt":"2022-05-30T18:13:35","slug":"der-handel-in-unserer-hand-moglichkeiten-und-effekte-von-handels-und-strukturpolitik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dezernatzukunft.org\/en\/der-handel-in-unserer-hand-moglichkeiten-und-effekte-von-handels-und-strukturpolitik\/","title":{"rendered":"Der Handel in unserer Hand: M\u00f6glichkeiten und Effekte von Handels- und Strukturpolitik"},"content":{"rendered":"\n<p style=\"font-size:12px\"><strong><a href=\"mailto:info@dezernatzukunft.org\" data-type=\"mailto\" data-id=\"mailto:info@dezernatzukunft.org\">DEZERNAT ZUKUNFT<\/a><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Mit seiner w\u00fctenden Unterschrift setzte der US-Pr\u00e4sident am 30. November 2018 einem wirtschaftspolitischen Experiment ein partielles Ende, das im Nordamerika und Mitteleuropa der 1990er Jahre seinen Anfang nahm. F\u00fcr Donald Trump, der an diesem Tag gemeinsam mit seinen zerknirschten Amtskollegen aus Mexiko und Kanada ein Nachfolgeabkommen zum nordamerikanischen Freihandelspakt NAFTA unterzeichnete, war das Ergebnis dieses Experiments \u201eeiner der schlechtesten Deals aller Zeiten\u201c. F\u00fcr die EU sollte es im Europawahljahr 2019 hingegen eine Ermutigung sein, wieder mehr Wirtschaftspolitik zu wagen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Freihandelsabkommen vs. Wirtschaftsunion<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Das NAFTA-Abkommen mit den USA und Mexiko einerseits sowie die EU-Erweiterung mit den vier Visegr\u00e1d-Staaten Polen, Ungarn, Slowakei und der Tschechischen Republik (V4) andererseits stellte diese beiden Wirtschaftsr\u00e4ume in einem nat\u00fcrlichen Experiment gegen\u00fcber: Wieviel wirtschaftliche Integration, und welche Art davon, bringt mehr Wohlstand? Das \u201eNAFTA-Labor\u201c lieferte f\u00fcr dieses Experiment die minimalistische Versuchsanordnung: Es handelte sich um ein Freihandelsabkommen, das den Abbau von tarif\u00e4ren und nichttarif\u00e4ren Handelshemmnissen vorsah und voll auf die Kraft der komparativen Handelsvorteile nach dem klassischen National\u00f6konomen David Ricardo vertraute. Die Europa-, Assoziierungs- und Beitrittsabkommen der EU mit den mitteleurop\u00e4ischen Transformationsstaaten bildeten dagegen das Testfeld f\u00fcr eine weitgehende Wirtschaftsunion, welche die vier Grundfreiheiten des Europ\u00e4ischen Binnenmarkts zus\u00e4tzlich durch europ\u00e4ische Investitions- und Koh\u00e4sionsprogramme erg\u00e4nzte.<\/p>\n\n\n\n<p>Beim nordamerikanischen Versuchsaufbau \u201elaissez faire \u00e1 la NAFTA\u201c h\u00e4tte das Lehrbuch des Ricardo-Lagers besagt, das bereits der blo\u00dfe Freihandel zu einer wohlfahrtssteigernden Arbeitsteilung und Spezialisierung zwischen den beteiligten Volkswirtschaften f\u00fchrt. Moderne Handelstheoretiker wie Paul Krugman betonen hingegen, dass zus\u00e4tzlich zur Markt\u00f6ffnung die politische F\u00f6rderung von Skalen-, Spezialisierungs- und Clustervorteilen in den betroffenen L\u00e4nderbranchen sinnvoll ist, um die gr\u00f6\u00dften beiderseitigen Vorz\u00fcge aus dem Freihandel zu ziehen. In der EU werden diese Ziele haupts\u00e4chlich durch die gro\u00dfen Struktur- und Investitionsfonds (ESIF) umgesetzt, die zwischen 1989 und 2015 knapp 880 Milliarden Euro innerhalb der EU f\u00fcr die Entwicklung strukturschwacher Regionen, Koh\u00e4sions-, Arbeitsmarkt-, Agrar- und Fischereihilfen umverteilten. Hiervon entfielen allein auf Ungarn in den F\u00f6rderperioden 2000-2006 und 2007-2013 rund 30 Milliarden Euro, verglichen mit 60 Milliarden Euro f\u00fcr Deutschland im selben Zeitraum.<a href=\"#_ftn1\">[1]<\/a> Der gro\u00dfe Gewinner dagegen ist Deutschland vor allem bei den Forschungsf\u00f6rderprogrammen der EU: Hier setzte sich die Bundesrepublik beim siebten Forschungsrahmenprogramm (2007-2013) und dessen Nachfolger \u201eHorizon 2020\u201c mit erhaltenen EU-Investitionen f\u00fcr Wissenschaft, Technologie und Innovationen in H\u00f6he von knapp 2,2 Milliarden Euro an die europ\u00e4ische Spitze \u2013 und weit vor die Visegr\u00e1d-Staaten mit zusammengenommen unter 300 Millionen Euro in beiden F\u00f6rderperioden.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Wirkung und Nebenwirkung<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend die Differenz im pro Kopf Einkommen zwischen Deutschland und den Visegr\u00e1d-Staaten seit 1991 wesentlich gefallen ist, ist der Abstand zwischen Mexiko und den USA sogar etwas gestiegen.<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"aligncenter is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.dezernatzukunft.de\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/image001-1-1024x605.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-1035\" width=\"768\" height=\"454\"\/><figcaption>Daten: World Development Indicators.<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n<p>Eindrucksvoller wird das Experiment bei Betrachtung der Warenm\u00e4rkte, zum Beispiel des mit Abstand meistgehandelten Produkts der Welt: dem Automobil.<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"aligncenter is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.dezernatzukunft.de\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/image003-1-1024x604.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-1036\" width=\"768\" height=\"453\"\/><figcaption>Daten: UN COMTRADE, Atlas of Economic Complexity.<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n<p>W\u00e4hrend Mexiko seinen Weltmarktanteil bei den PKW-Ausfuhren im betrachteten Zeitraum geringf\u00fcgig steigern konnte, zogen die vier Newcomer aus Mitteleuropa zusammengenommen bis zum Jahr 2016 sogar mit den USA gleich. Die Ausweitung der Automobilproduktion in Mexiko und Mitteleuropa ging zugleich keineswegs zulasten der USA und Deutschlands, welche ihre Weltmarktanteile weitgehend behaupten konnten. Auch Trumps Aussagen, NAFTA habe ungef\u00e4hr eine Million Arbeitspl\u00e4tze nach Mexiko exportiert, lassen sich nur schwer belegen. Brad DeLong beispielsweise verweist in diesem Zusammenhang auf Technologie und Chinakonkurrenz als wichtigere Ursachen f\u00fcr diese Arbeitsmarkteffekte.<a href=\"#_ftn2\">[2]<\/a> Der Blick nach Europa zeigt: Sowohl im ungarischen Kecskem\u00e9t als auch im slowakischen Bratislava bestehen heute diversifizierte Automobilcluster statt verl\u00e4ngerter Werkb\u00e4nke, an denen nach dem dualen System ausgebildet, nach flexiblen Werkabl\u00e4ufen gefertigt und vereinzelt in innovativen Projekten geforscht wird, ohne dass die Stammwerke in Stuttgart oder Wolfsburg deshalb geschrumpft w\u00e4ren. Im Gegenteil: Gemeinhin gelten die deutschen Automobilhersteller als wettbewerbsf\u00e4higer, innovativer und standorttreuer als ihre US-amerikanischen Konkurrenten.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf den ersten Blick weist dieser vereinfachende Vergleich der Freihandelsr\u00e4ume die EU als gro\u00dfe Gewinnerin aus &#8211; und die NAFTA-Abwicklung als beleidigte Trotzreaktion eines schlechten Verlierers. Eine genauere Betrachtung von NAFTA sollte die EU jedoch zu mehr Ehrgeiz mahnen: So stellt Harvard-\u00d6konom Dani Rodrik unter Verweis auf McLaren\/Hakobyan durchaus lokale Lohn- und Besch\u00e4ftigungseinbr\u00fcche an besonders betroffenen US-Produktionsstandorten seit dem NAFTA-Beitritt fest.<a href=\"#_ftn3\">[3]<\/a> Die Kosten und der Nutzen von Freihandelsabkommen entfallen oft auf unterschiedliche Bev\u00f6lkerungsgruppen. Irgendwo im Wei\u00dfen Haus h\u00e4ngt NAFTA auch deshalb als Trumps Troph\u00e4e von der Wand, weil das Freihandelsabkommen geflissentlich Verteilungskonflikte ignorierte. NAFTA eignete sich somit bestens als unschuldiger S\u00fcndenbock f\u00fcr hausgemachte Vers\u00e4umnisse. Dem Europ\u00e4ischen Binnenmarkt \u2013 schon heute im Visier von Lega Nord, Rassemblement National oder AfD \u2013 k\u00f6nnte es eines Tages \u00e4hnlich ergehen. Angesichts der wirtschaftspopulistischen Angriffe von den R\u00e4ndern w\u00e4re es ein Fehler, sich auf den Lorbeeren der europ\u00e4ischen Erfolgsgeschichte auszuruhen; stattdessen sollte der politische Niedergang von NAFTA zu mehr Ehrgeiz in Europa ermahnen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Acht Gedanken, warum der Europ\u00e4ische Binnenmarkt nicht populismusfest genug ist: <\/strong><\/p>\n\n\n\n<ol class=\"wp-block-list\"><li>Der Europ\u00e4ische Binnenmarkt ist zu starr f\u00fcr die St\u00e4rkeren: Die EU sollte ihre strengen Beihilferegeln f\u00fcr fiskalisch solide Innovationsf\u00fchrer wie Deutschland oder Schweden lockern, damit diese leichter in die Schlie\u00dfung von hochtechnologischen F\u00e4higkeitsl\u00fccken (z.B. Batterietechnologie, KI) investieren k\u00f6nnen.<\/li><li>Der Europ\u00e4ische Binnenmarkt ist zu schlaff f\u00fcr die Schw\u00e4cheren: Die EU sollte Mindeststandards bei L\u00f6hnen, Arbeitnehmerrechten und Sozialleistungen verhandeln, um ruin\u00f6sen Standortwettbewerb durch Lohn- und Sozialdumping zu verhindern. Ein aktuelles Beispiel ist die umstrittene \u00dcberstundengesetzgebung in Ungarn, die dem Vernehmen nach auf das direkte Dr\u00e4ngen der deutschen Automobilhersteller zur\u00fcckging.<\/li><li>Der Europ\u00e4ische Binnenmarkt ist zu gro\u00dfz\u00fcgig bei den Falschen: Die EU sollte die Gemeinsame Agrarpolitik grundlegend \u00fcberarbeiten, um einen m\u00f6glichst zweistelligen Milliardenbetrag f\u00fcr Zukunftsinvestitionen in anderen EU-Politikfeldern freizumachen.<\/li><li>Der Europ\u00e4ische Binnenmarkt ist zu kleinteilig bei den Richtigen: Die EU sollte ihre M&amp;A- und Wettbewerbskontrollen auf klaren K\u00e4uferm\u00e4rkten (z.B. Telekommunikation) lockern und st\u00e4rker auf den Gesamtbinnenmarkt statt auf nationale M\u00e4rkte ausrichten, damit europ\u00e4ische Unternehmen bestimmter Branchen durch Zusammenschl\u00fcsse Gr\u00f6\u00dfenvorteile gegen\u00fcber ihren US-amerikanischen und chinesischen Wettbewerbern heben k\u00f6nnen.<\/li><li>Der Europ\u00e4ische Binnenmarkt braucht weniger B\u00fcrokratie: Die Antragstellung f\u00fcr die europ\u00e4ischen Struktur- und Investitionsfonds ist aus Sicht reicher Mitgliedstaaten und Regionen ein b\u00fcrokratischer Albtraum, der vielerorts kaum noch den beh\u00f6rdlichen Aufwand rechtfertigt, und in \u00e4rmeren Mitgliedsstaaten und Regionen ein lukrativer und schwer zu kontrollierender Markt f\u00fcr unz\u00e4hlige \u201eBerater\u201c und andere windige Antragsteller mit zweifelhaften Projektvorhaben. Die EU sollte ihre F\u00f6rderinstrumente dauerhaft um wettbewerbliche Ausschreibungen im Stil eines \u201eDARPA\u201c und um ein echtes Investitionsbudget erweitern.<\/li><li>Der Europ\u00e4ische Binnenmarkt braucht mehr Rechtstaatlichkeit: Regierungen in Ungarn und Polen, deren Volkswirtschaften vielf\u00e4ltig vom Europ\u00e4ischen Binnenmarkt und von den europ\u00e4ischen Struktur- und Investitionsfonds profitierten, untergraben durch Worte und Taten die demokratischen und rechtstaatlichen Normen der EU und sch\u00fcren damit den Frust in anderen EU-Mitgliedsstaaten. Die EU sollte neben politischen auch wirtschaftliche Sanktionen bei schwerwiegenden Rechtstaatsverst\u00f6\u00dfen vorsehen.<\/li><li>Dem Europ\u00e4ischen Binnenmarkt fehlen Dienstleistungen: Die EU sollte eine europaweite digitale Plattform f\u00fcr Dienstleistungsausschreibungen entwickeln, entschieden gegen grenz\u00fcberschreitende Handelshemmnisse im Dienstleistungsverkehr vorgehen und die \u00f6ffentliche Beschaffung bei Dienstleistungen weiter \u00f6ffnen, um die europ\u00e4ischen Dienstleistungsm\u00e4rkte auf Augenh\u00f6he mit den Warenm\u00e4rkten zu bringen.<\/li><li>Dem Europ\u00e4ischen Binnenmarkt fehlen Spitzenleistungen: \u201eNiemand verliebt sich in einen Binnenmarkt.\u201c \u2013 Diese Feststellung Jacques Delors ist unver\u00e4ndert richtig. Werden europ\u00e4ische Raumfahrtunternehmen den Mars besiedeln, europ\u00e4ische Pharmaunternehmen AIDS besiegen oder europ\u00e4ische Programmierer die sichere generelle KI entwickeln? Die EU sollte ambitionierte \u201eMoonshot\u201c-Vorhaben f\u00f6rdern, welche europ\u00e4ische St\u00e4rken b\u00fcndeln und als europ\u00e4ische Identifikationsprojekte taugen.<\/li><\/ol>\n\n\n\n<p>Selbstzufriedenheit und Stagnation der europ\u00e4ischen Wirtschaftspolitik s\u00e4hen die Saat f\u00fcr Wirtschaftspopulisten, die sich im Europa-Wahljahr 2019 f\u00fcr zuk\u00fcnftige Ernten warmlaufen werden. Wenn die EU nicht als Transferunion von L\u00f6hnen, Arbeitspl\u00e4tzen und Arbeitnehmerrechten aus Hochlohn- in Niedriglohnl\u00e4nder wahrgenommen werden will, dann muss sie sich politisch weiterentwickeln. NAFTA hatte es seinen politischen Gegnern zu leichtgemacht, die EU sollte es ihren eigenen m\u00f6glichst schwermachen. Dazu muss Europa wieder mehr Wirtschaftspolitik wagen.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-css-opacity\"\/>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref1\">[1]<\/a> https:\/\/cohesiondata.ec.europa.eu\/stories\/s\/Historic-EU-payment-data-by-region-NUTS-2-\/47md-x4nq<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref2\">[2]<\/a> https:\/\/www.vox.com\/the-big-idea\/2017\/1\/24\/14363148\/trade-deals-nafta-wto-china-job-loss-trump<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref3\">[3]<\/a> https:\/\/rodrik.typepad.com\/dani_rodriks_weblog\/2017\/01\/what-did-nafta-really-do.html<\/p>\n\n\n\n<p>Bild: Pixabay.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>DEZERNAT ZUKUNFT Mit seiner w\u00fctenden Unterschrift setzte der US-Pr\u00e4sident am 30. November 2018 einem wirtschaftspolitischen Experiment ein partielles Ende, das im Nordamerika und Mitteleuropa der 1990er Jahre seinen Anfang nahm. 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