{"id":8999,"date":"2019-04-27T14:29:35","date_gmt":"2019-04-27T12:29:35","guid":{"rendered":"https:\/\/dezernat-zukunft.org\/?p=8999"},"modified":"2023-04-11T15:07:18","modified_gmt":"2023-04-11T13:07:18","slug":"der-staat-und-das-geld-teil-1","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dezernatzukunft.org\/en\/der-staat-und-das-geld-teil-1\/","title":{"rendered":"Der Staat und das Geld \u2013 Teil 1"},"content":{"rendered":"\n<p style=\"font-size:12px\"><strong>MARCEL DIMKE<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size\"><strong>Neoklassik und Neu-Keynesianismus<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Im Januar diesen Jahres hielt Olivier Blanchard, ehemaliger Chef\u00f6konom des IWFs, eine viel beachtete Rede, die im Kern besagte, dass die Kosten von Staatsschulden in Zeiten niedriger Zinsen ein zu vernachl\u00e4ssigendes Problem seien. Zudem hat auch die Debatte um Modern Monetary Theory (MMT) den Atlantik \u00fcberquert. MMT argumentiert, dass Staaten einen deutlich gr\u00f6\u00dferen fiskalischen Spielraum haben als bisher angenommen. Es gibt also mehr als genug Gr\u00fcnde, um sich eingehender mit den verschiedenen theoretischen Grundlagen der Fiskalpolitik auseinanderzusetzen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir stellen in zwei Artikeln die drei wichtigsten theoretischen Ansichten zur Fiskalpolitik vor: Im ersten Teil wird die Rolle der Fiskalpolitik in neoklassischen Wirtschaftsmodellen und im Neu-Keynesianismus, der aktuell in internationalen Organisationen und der Wissenschaft dominiert, dargestellt. Der zweite Artikel behandelt die Ansichten der Post-Keynesianer, die mit dem Prinzip der Functional Finance eine fundamental andere finanzpolitische Praxis vorschlagen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Die Neoklassik (oder auch: der Markt wird es richten)<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Im engeren Rahmen der neoklassischen Theorie wird kein Handlungsbedarf f\u00fcr die Fiskalpolitik gesehen. In der Neoklassik f\u00fchrt das Marktsystem von allein zu Vollbesch\u00e4ftigung und Auslastung aller Kapazit\u00e4ten. Insofern ist eine gezielte Erh\u00f6hung der staatlichen Nachfrage nicht nur unn\u00f6tig, sondern auch sch\u00e4dlich: Die Erh\u00f6hung der Staatsausgaben f\u00fchrt zu einer Verdr\u00e4ngung von privaten Ausgaben, dem sogenannten <em>Crowding-out-Effect. <\/em>Das basiert auf folgenden Mechanismen: Erstens besteht der neoklassische Kapitalmarkt aus einer Nachfrage- und einer Angebotskurve. Nachgefragt werden Investitionen und angeboten werden Sparguthaben. Somit sch\u00f6pfen die Banken in der Neoklassik kein Giralgeld, sondern sind reine Vermittler, die Sparguthaben der Haushalte an investitionswillige Unternehmen weiterverleihen<a href=\"#_ftn1\">[1]<\/a>. Der Preis in diesem Markt ist der Zins, der sich aus den Spar- und Investitionsentscheidungen ergibt. Somit ist der Zins in der Neoklassik explizit das Ergebnis von Marktaktivit\u00e4ten. Wenn der Staat innerhalb dieses Modells Defizite verzeichnen will, so muss er \u2013 wie ein Haushalt \u2013 das begrenzte Angebot an Krediten nachfragen. Dabei verdr\u00e4ngt die staatliche Nachfrage die private Investitionsnachfrage, ohne dass erstere eine h\u00f6here Produktion herbeif\u00fchren k\u00f6nnte.<\/p>\n\n\n\n<p>Zweitens wird davon ausgegangen, dass Unternehmen und Haushalte allesamt rationale Erwartungen haben. Diese rationalen Erwartungen f\u00fchren dazu, dass h\u00f6here, heutige Staatsdefizite von Seiten der Wirtschaftssubjekte als h\u00f6here Steuerlast von morgen wahrgenommen werden. Daher fahren Haushalte und Unternehmen ihre Ausgaben zur\u00fcck, um die zuk\u00fcnftig h\u00f6heren Steuerzahlungen \u00fcberhaupt leisten zu k\u00f6nnen. Somit f\u00fchren auch hier h\u00f6here staatliche Defizite zu einer Verdr\u00e4ngung privater Ausgaben<a href=\"#_ftn2\">[2]<\/a>. Zusammenfassend und vereinfacht gesagt, funktionieren in der Neoklassik die Ausgaben des Staates nicht anders, als die Ausgaben eines privaten Haushaltes. Der Fiskalpolitik kommt keine besondere Rolle bei der \u00dcberwindung volkswirtschaftlicher Schw\u00e4che zu. Allein Strukturreformen, die den Markt effizienter machen, k\u00f6nnen Wachstum und Besch\u00e4ftigung ankurbeln. Strukturreformen bedeuten vor allem, dass die Angebotsseite der Wirtschaft reformiert wird. Solche k\u00f6nnen vielf\u00e4ltig sein und von der Lockerung von Arbeitnehmerrechten bis zu Privatisierungen von staatseigenen Unternehmen reichen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Der Neu-Keynesianismus (oder auch: die Geldpolitik wird es richten)<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Der sogenannte Neu-Keynesianismus pr\u00e4gt heute den Alltag an Unifakult\u00e4ten und im Politikbetrieb. Auch innerhalb dieses Paradigmas spielt ein aktives Management von Staatsausgaben und -einnahmen eine limitierte Rolle. Stattdessen kommt der Zentralbank besonders gro\u00dfe Bedeutung zu: Sie steuert die Zinsen und soll damit die Inflation auf einem niedrigen Niveau stabilisieren. \u00dcberhitzt die Wirtschaft, steigt die Inflation und die Zentralbank erh\u00f6ht die Zinsen. Diese erh\u00f6hten Zinsen sorgen f\u00fcr weniger Kreditnachfrage von Seiten der Unternehmen, was die Investitionen reduziert. Braucht die Wirtschaft mehr Schub, senkt die Zentralbank die Zinsen. Diese sollen Investitionen stimulieren, welche wiederum zu erh\u00f6hter Besch\u00e4ftigung f\u00fchren. Da die Haushalte nun \u00fcber h\u00f6here Einkommen verf\u00fcgen, steigen auch ihre Konsumausgaben. Da die Geldpolitik im Neu-Keynesianismus das Management der Konjunktur \u00fcbernimmt, hat die Fiskalpolitik<a href=\"#_ftn3\">[3]<\/a> nur eine herabgestufte Rolle. Sie solle nicht als ein aktives Instrument der Wirtschaftspolitik eingesetzt werden, sondern lediglich \u00fcber den Konjunkturzyklus hinweg Ausgaben und Steuerzahlungen in \u00e4hnlicher H\u00f6he realisieren \u2013 Stichwort: schwarze Null<a href=\"#_ftn4\">[4]<\/a>. Einer unabh\u00e4ngigen Zentralbank wird am ehesten zugetraut unabh\u00e4ngig von politischen Einfl\u00fcssen und sogenannten Zeitinkonsistenzen eine Zinspolitik durchzusetzen, die langfristig stabiles Wachstum und Besch\u00e4ftigung erzeugt.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Und bei Nullzinsen?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Jedoch befinden sich die \u00d6konomien der entwickelten Welt seit nunmehr zehn Jahren allesamt in einer Lage, in der das Wirtschaftswachstum trotz permanenter Nullzinsen nicht anziehen will:&nbsp; Die Wirtschaft der Eurozone wuchs in den letzten zehn Jahren durchschnittlich gerade einmal 0,7 Prozent pro Jahr. Die Arbeitslosenquote lag auch 2018 noch bei 8,4 Prozent. Das ist deutlich h\u00f6her als in den USA (3,9 Prozent) oder Japan (2,7 Prozent). Trotz der Nullzinsen will auch die Inflationsrate nicht so recht anziehen: Zwischen 2014 und 2016 schrammte die Eurozone als Ganzes nur knapp an einer Deflation vorbei. Unternehmen kommen aktuell zwar g\u00fcnstig an Geld, wollen es aber gar nicht haben. Bildlich gesprochen sind die Pferde an die Tr\u00e4nke gef\u00fchrt worden, wollen aber nicht trinken. Der Kreislauf kommt also durch niedrige Zinsen nicht in Fahrt. Dieses Ph\u00e4nomen wird als <em>Zero Lower Bound<\/em> bezeichnet. In einer solchen Situation argumentieren prominente Neu-Keynesianer wie Paul Krugman f\u00fcr eine Erh\u00f6hung der Staatsausgaben<a href=\"#_ftn5\">[5]<\/a>. Simon Wren-Lewis aus Oxford hat daher vorgeschlagen, Fiskalregeln mit einer \u201aKnock Out\u2018 Klausel zu versehen: Sobald Zinsen bei null sind, sollten staatliche Defizitregeln ausgesetzt werden, damit die Fiskalpolitik die Wirtschaft wieder ankurbeln kann. Sobald die Zinsen steigen, gelten die Fiskalregeln wieder<a href=\"#_ftn6\">[6]<\/a>.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Traditionell fiskal lieber zugekn\u00f6pft<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Neoklassische Wirtschaftsmodelle sehen in der Erh\u00f6hung der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage kein Potential f\u00fcr Wachstums- und Besch\u00e4ftigungssteigerungen. Der Neu-Keynesianismus sieht die Geldpolitik als den Primus der Konjunkturpolitik an. Durch die Steuerung des Zinsniveaus sollen Inflation und Besch\u00e4ftigung angeregt bzw. ausgebremst werden. Im Falle einer <em>Zero Lower Bound <\/em>schreibt der Neu-Keynesianismus der Fiskalpolitik jedoch eine wichtige Rolle zu, um der \u00d6konomie wieder auf die Beine zu helfen. Im kommenden Artikel wird die Fiskalpolitk aus den Augen der Post-Keynesianer betrachtet. <\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-css-opacity\"\/>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref1\">[1]<\/a> Heine, M.; Herr, H. (2013): Volkswirtschaftslehre \u2013 Paradigmenorientierte Einf\u00fchrung in die Mikro- und Makro\u00f6konomie, 4. Auflage, M\u00fcnchen: Oldenbourg.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref2\">[2]<\/a> Barro, R. (1974): Are Government Bonds Net Wealth?, Journal of Political Economy, 82, S. 1095 \u2013 1117.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref3\">[3]<\/a> Arestis, P. (2011): Keynesian economics and the New Consensus in macroeconomics, in: Hein, E.; Stockhammer, E. (Hrsg.): A Modern Guide to Keynesian Macroeconomics and Economic Policies, Cheltenham: Edward Elgar.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref4\">[4]<\/a> In den Standardmodellen des Neu-Keynesianismus wirken expansive Staatsausgaben zuerst einmal positiv, denn sie stimulieren Wachstum und Inflation. Sobald diese Inflation jedoch das von der Zentralbank gesetzte Ziel \u00fcberschreitet, wird letztere im Regelfall eingreifen. Auf eine zu hohe Inflation antwortet die Zentralbank mit h\u00f6heren Zinsen, um Investitionen, Besch\u00e4ftigung und Konsum auf ein Ma\u00df zu reduzieren, das die gew\u00fcnschte Inflation nun erneut generiert (siehe: Christiano, L.; Eichenbaum, M.; Trabandt, M. (2018): On DSGE Models, Journal of Economic Perspectives, 32 (3), 113 &#8211; 140).<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref5\">[5]<\/a> Krugman, P. (2018): Good enough for government work? Macroeconomics since the crisis, Oxford Review of Economic Policy, 34 (1 \u2013 2), 156 \u2013 168.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref6\">[6]<\/a> <a href=\"https:\/\/web.archive.org\/web\/20201127223802\/https:\/\/www.economics.ox.ac.uk\/materials\/papers\/13342\/paper704.pdf\">https:\/\/www.economics.ox.ac.uk\/materials\/papers\/13342\/paper704.pdf<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>MARCEL DIMKE Neoklassik und Neu-Keynesianismus Im Januar diesen Jahres hielt Olivier Blanchard, ehemaliger Chef\u00f6konom des IWFs, eine viel beachtete Rede, die im Kern besagte, dass die Kosten von Staatsschulden in Zeiten niedriger Zinsen ein zu vernachl\u00e4ssigendes Problem seien. Zudem hat auch die Debatte um Modern Monetary Theory (MMT) den Atlantik \u00fcberquert. 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