{"id":8998,"date":"2019-05-03T07:30:34","date_gmt":"2019-05-03T05:30:34","guid":{"rendered":"https:\/\/dezernat-zukunft.org\/?p=8998"},"modified":"2023-04-11T15:08:10","modified_gmt":"2023-04-11T13:08:10","slug":"der-staat-und-das-geld-teil-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dezernatzukunft.org\/en\/der-staat-und-das-geld-teil-2\/","title":{"rendered":"Der Staat und das Geld \u2013 Teil 2"},"content":{"rendered":"\n<p style=\"font-size:12px\"><strong>MARCEL DIMKE<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size\"><strong>Post-Keynesianismus<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Dieser Text ist der zweite Teil unserer Reihe zu Theorien der Fiskalpolitik. Der <a href=\"http:\/\/www.dezernatzukunft.de\/der-staat-und-das-geld-teil-1\/\">vorherige Teil <\/a>befasste sich mit der Neoklassik und dem aktuellen Mainstream, dem Neu-Keynesianismus. Im Gegensatz zu diesen beiden Denkschulen argumentiert der Post-Keynesianismus, dass Fiskalpolitik eine zentrale Rolle bei der Stabilisierung der Wirtschaft spielt.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Der Post-Keynesianismus (oder auch: die Fiskalpolitik wird es richten) <\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Anders als die Zentralbank-fokussierten Neu-Keynesianer stellen Post-Keynesianer die Fiskalpolitik in den Mittelpunkt. Der post-Keynesianischen Lehre zufolge kann nur eine aktive Fiskalpolitik f\u00fcr Vollbesch\u00e4ftigung sorgen. Ein ausgeglichener Staatshaushalt wird weder als n\u00f6tig, noch als zielf\u00fchrend angesehen. Die hohe Toleranz der Post-Keynesianer f\u00fcr staatliche Verschuldung (in eigener W\u00e4hrung!) begr\u00fcndet sich in einer eigenen Theorie zur Herkunft und Rolle des Geldes: Laut \u00d6konomen wie Abba Lerner ist Geld keine knappe Ressource, sondern eine &#8216;Kreatur des Staates\u201c und eine soziale Rechnungseinheit, die Schuldner-Gl\u00e4ubiger-Beziehungen festh\u00e4lt<a href=\"#_ftn1\">[1]<\/a>. Da Geld eine Sch\u00f6pfung des Staates selbst ist, kann es ihm selbst nicht ausgehen. Staaten, die sich in ihrer eigenen W\u00e4hrung verschulden, k\u00f6nnen nicht zahlungsunf\u00e4hig werden<a href=\"#_ftn2\">[2]<\/a>. Demnach ist auch die Aussage, dass sich der w\u00e4hrungssouver\u00e4ne Staat \u00fcber Steuern finanziert nicht schl\u00fcssig: Post-Keynesianer vertreten, dass der Staat zuerst Geld in den Umlauf bringt, welches er dann mittels Steuern der Wirtschaft wieder entzieht, um Nachfrage nach Geld zu sichern und Inflation zu verhindern.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Der Post-Keynesianismus argumentiert, dass die Fiskalpolitik die \u00d6konomie an einem Punkt stabilisieren muss, der ein hohes Ma\u00df an Besch\u00e4ftigung gew\u00e4hrleistet, ohne dabei Inflation auszul\u00f6sen: Indem der Staat Geld ausgibt, erh\u00f6ht er die Nachfrage nach Waren und Dienstleistungen. Wenn eine h\u00f6here Nachfrage vorhanden ist, sehen Unternehmen optimistischer in die Zukunft, investieren und stellen neue Arbeitskr\u00e4fte ein, um mehr produzieren und anbieten zu k\u00f6nnen. Aus h\u00f6herer Nachfrage entsteht also mehr Besch\u00e4ftigung. Erh\u00f6hte Nachfrage kann nat\u00fcrlich auch von Haushalten, Unternehmen oder aus dem Ausland kommen. Jedoch ist der Staat der einzige Akteur in einer Volkswirtschaft, der seine Nachfrage unabh\u00e4ngig von anderen Akteuren signifikant und unmittelbar erh\u00f6hen kann. Dies ist auf die Tatsache zur\u00fcckzuf\u00fchren, dass Staaten, die sich in eigener W\u00e4hrung verschulden, nicht zahlungsunf\u00e4hig werden k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Demnach haben Post-Keynesianer eine fundamental andere Vorstellung davon, was ein \u201aschlechtes\u2018 Staatsbudget ist: Abba Lerner definiert schlechte Staatsfinanzen als solche, die entweder f\u00fcr unzureichende Besch\u00e4ftigung oder \u00fcberm\u00e4\u00dfige Inflation sorgen. Da ein \u201aschlechter\u2018 oder \u201aguter\u2018 Haushalt also an seiner <em>Funktion<\/em> und nicht <em>Messgr\u00f6\u00dfen<\/em> festgemacht wird, nennt sich dieses Prinzip Functional Finance. Ob f\u00fcr das Erreichen dieser Ziele ein Budgetsaldo von 1, -2 oder -6 Prozent des BIPs notwendig ist, ist irrelevant. Functional Finance besagt des Weiteren, dass der Staat nicht zwingenderma\u00dfen Staatsanleihen emittieren m\u00fcsse, wenn er neues Geld ausgeben m\u00f6chte. F\u00fcr den Staat sollte lediglich die Abw\u00e4gung von Interesse sein, ob es sinnvoller ist, dass Haushalte und Unternehmen einen liquideren (Bargeld) oder einen weniger liquiden Verm\u00f6gensgegenstand (Staatsanleihen) halten<a href=\"#_ftn3\">[3]<\/a>. Die Grenze f\u00fcr Staatsausgaben ist die Inflation.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00c4hnliche Konzepte werden von Anh\u00e4ngern der Modern Monetary Theory (MMT) vertreten, die durch die US-Kongressabgeordnete Alexandria Ocasio-Cortez und ihrer Forderung nach einem Green New Deal k\u00fcrzlich viel Aufmerksamkeit bekam. Die MMT bewegt sich in der langen Tradition post-Keynesianischer Forschung.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Neu- vs Post-Keynesianismus<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Der zentrale Unterschied zwischen MMTlern wie Stephanie Kelton und Neu-Keynesianern wie Krugman liegt in den unterschiedlichen Sichtweisen \u00fcber die Ausf\u00fchrung von Geld- und Fiskalpolitik. Krugman argumentiert, dass Staat und Privatpersonen um einen limitierten Geldtopf k\u00e4mpfen<a href=\"#_ftn4\">[4]<\/a>. Dahinter liegt die Annahme, dass die Regierung alle Defizitausgaben mit Geldern bestreitet, die sie vorher durch die Ausgabe von Schuldpapieren eingesammelt hat. Will die Regierung mehr Schuldpapiere ausgeben, muss sie daf\u00fcr einen h\u00f6heren Preis zahlen, d.h. der Zins auf Staatsanleihen und damit der Zins auf die meisten Privatkredite steigt. Die \u00c4hnlichkeiten zum oben beschriebenen neoklassischen Kapitalmarkt fallen an dieser Stelle ins Auge. Au\u00dferdem hebt Krugmans Zentralbank die Zinsen an, sobald die Defizitausgaben der Regierung Wirtschaftsaktivit\u00e4t \u00fcber die gesch\u00e4tzte Kapazit\u00e4t hinaus ankurbeln<a href=\"#_ftn5\">[5]<\/a>.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Gegensatz zu Krugman nimmt Kelton<a href=\"#_ftn6\">[6]<\/a> an, dass der Staat Defizitausgaben bestreitet, indem die Zentralbank der Regierung Geld auf ihrem Konto gutschreibt. Das f\u00fchrt dazu, dass Staatsausgaben die Liquidit\u00e4t im Bankensystem erh\u00f6hen, wodurch der Interbankzins f\u00e4llt. Der Zins des Interbankenmarktes ist derjenige, der die Zinsstruktur in der gesamten Wirtschaft sehr stark beeinflusst. Ist der Interbankenzins niedrig ist er es also auch f\u00fcr Unternehmen und Haushalte. Post-Keynesianer und MMTler sehen einen permanent niedrigen Zins nicht als Problem, sondern als w\u00fcnschenswert an. Ein permanent niedriger Zins bietet Unternehmen Investitionsanreize und sorgt zudem f\u00fcr eine stabile Verteilung zwischen Gl\u00e4ubigern und Schuldnern<a href=\"#_ftn7\">[7]<\/a>. Folglich kommt den Zentralbanken im Post-Keynesianismus bei der Maximierung von Wachstum und Besch\u00e4ftigung nur eine unterst\u00fctzende Rolle zu.<\/p>\n\n\n\n<p>Post-Keynesianer sehen also im Gegensatz zu Neu-Keynesianern die Fiskalpolitik in der Pflicht \u2013 die Zentralbank wird auf den R\u00fccksitz verwiesen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Eine Theorie f\u00fcr alle F\u00e4lle? <\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr die Neoklassik verh\u00e4lt es sich mit Staatsausgaben nicht viel anders wie mit einem Haushalt, der langfristig nicht mehr ausgeben kann, als er vorher eingenommen hat. Strukturreformen, nicht Staatsausgaben helfen einer strauchelnden Wirtschaft wieder auf die Beine. Auch die Neu-Keynesianer sind keine Fans aktiver Fiskalpolitik, solange Zentralbanken die Wirtschaft durch niedrige Zinsen ankurbeln k\u00f6nnen. Wenn jedoch die Zinsen schon bei null sind und damit auch die Zinsen auf Staatsanleihen unter der Wachstumsrate der Wirtschaft liegen (es also zu erwarten ist, dass der Schuldenberg quasi automatisch schrumpft), sind f\u00fcr Neu-Keynesianer wie Krugman oder Blanchard staatliche Defizite gerechtfertigt. Im Gegensatz dazu sehen Post-Keynesianer es als zentrale Aufgabe des Staats durch aktive Fiskalpolitik die Nachfrage auf einem Niveau zu stabilisieren, das m\u00f6glichst nah an Vollbesch\u00e4ftigung herankommt, ohne Inflation zu generieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Es f\u00e4llt auf, dass die drei vorgestellten Theorien jeweils zu einer bestimmten wirtschaftlichen Situation passen: Die Neoklassik passt zu einer Wirtschaft mit gro\u00dfen Ineffizienzen und einem Staat, der \u00fcber Ausgaben Ressourcen bindet, ohne daraus Produktivkraft zu sch\u00f6pfen. Der Neu-Keynesianismus passt zu einer Wirtschaft, die in der Regel genug Nachfrage generiert, so dass die Geldpolitik die Betriebstemperatur regeln kann. Der Post-Keynesianismus passt zu einer Wirtschaft, die unausgelastete Produktionskapazit\u00e4ten besitzt, gr\u00f6\u00dfere Arbeitslosenzahlen vorweist und zus\u00e4tzlich einen hohen Grad an W\u00e4hrungssouver\u00e4nit\u00e4t besitzt. <br>Um die Relativit\u00e4t etwas einzuschr\u00e4nken: Es gibt sicherlich eine Berechtigung f\u00fcr verschiedene Theorien, die alle Mehrwert f\u00fcr gewisse Situationen bieten. Es ist jedoch problematisch, wenn Theorien faktische Zusammenh\u00e4nge, wie Geldsch\u00f6pfung ignorieren. Auch aus diesem Grund halten wir die Kollaboration von Forschung und implementierenden Institutionen f\u00fcr zentral.<\/p>\n\n\n\n<p>&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-css-opacity\"\/>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref1\">[1]<\/a> Lerner, A. (1947): Money as a Creature of the State, The American Economic Review, 37 (2), 312 \u2013 317.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref2\">[2]<\/a> Wray, R. (2012): Modern Money Theory \u2013 Primer on Macroeconomics for Sovereign Monetary Systems, London: Palgrave Macmillan. <br>Tcherneva, P. (2007): Chartalism and the tax-driven approach to money, in: Arestis, P.; Sawyer, M. (eds.): A Handbook of Alternative Monetary Economics, Cheltenham: Edward Elgar.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref3\">[3]<\/a> Lerner, A. (1943): Functional Finance and the Federal Debt, Social Research, 10 (1), p. 38 \u2013 51.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref4\">[4]<\/a> <a href=\"https:\/\/www.nytimes.com\/2017\/01\/09\/opinion\/deficits-matter-again.html?rref=collection%2Fcolumn%2Fpaul-krugman&amp;action=click&amp;contentCollection=opinion&amp;region=stream&amp;module=stream_unit&amp;version=latest&amp;contentPlacement=1&amp;pgtype=collection\">https:\/\/www.nytimes.com\/2017\/01\/09\/opinion\/deficits-matter-again.html?rref=collection%2Fcolumn%2Fpaul-krugman&amp;action=click&amp;contentCollection=opinion&amp;region=stream&amp;module=stream_unit&amp;version=latest&amp;contentPlacement=1&amp;pgtype=collection<\/a><\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref5\">[5]<\/a> Das Problem hier ist, dass sich die Kapazit\u00e4t einer Wirtschaft empirisch nicht beobachten l\u00e4sst und Sch\u00e4tzungen dazu sehr problematisch sind. Mehr Hintergrund dazu gibt es im <a href=\"https:\/\/dezernatzukunft.org\/10-fragen-an-philipp-heimberger-oder-auf-den-spuren-der-nairu\/\">Interview mit Philip Heimberger<\/a>.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref6\">[6]<\/a> Jo Michell beschreibt die Unterschiede zwischen Krugman und Keltons Annahmen im Detail in einem <a href=\"https:\/\/criticalfinance.org\/2019\/03\/06\/kelton-and-krugman-on-is-lm-and-mmt\/\">exzellenten Blogpost<\/a>.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref7\">[7]<\/a> Rochon, L.-P.; Setterfield, M. (2007): Interest rates, income distribution and monetary policy dominance: Post-Keynesians and the \u201cfair-rate\u201d of interest, Journal of Post Keynesian Economics, 30 (1), 13 \u2013 42.<\/p>\n\n\n\n<p>Bild: Wikimedia.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>MARCEL DIMKE Post-Keynesianismus Dieser Text ist der zweite Teil unserer Reihe zu Theorien der Fiskalpolitik. Der vorherige Teil befasste sich mit der Neoklassik und dem aktuellen Mainstream, dem Neu-Keynesianismus. 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