{"id":8721,"date":"2021-02-25T15:40:14","date_gmt":"2021-02-25T14:40:14","guid":{"rendered":"https:\/\/dezernat-zukunft.org\/?p=8721"},"modified":"2024-03-26T15:04:49","modified_gmt":"2024-03-26T14:04:49","slug":"kommt-jetzt-die-grose-inflation","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dezernatzukunft.org\/en\/kommt-jetzt-die-grose-inflation\/","title":{"rendered":"Kommt jetzt die gro\u00dfe Inflation?"},"content":{"rendered":"\n<p>Am Mittwoch <a href=\"https:\/\/ec.europa.eu\/eurostat\/documents\/portlet_file_entry\/2995521\/2-23022021-AP-DE.pdf\/fdaaaec8-3dea-584b-2d5a-fc0fa88c513e\">best\u00e4tigte<\/a> Eurostat die Januar-Inflationsmessung f\u00fcr den Euro-Raum. Die Zahlen hatten f\u00fcr Irritation gesorgt: Nach negativen Zahlen im vergangenen Jahr fielen die Teuerungsraten f\u00fcr die Bundesrepublik mit 1,6% und f\u00fcr die Eurozone mit 0,9%<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\"><sup>[1]<\/sup><\/a> h\u00f6her aus als erwartet. In diesem Dezernatsbrief erkl\u00e4ren wir, wieso diese Zahlen kein Grund zur Sorge sind \u2014 solange wir Inflation klug analysieren und bereit sind, angemessen zu reagieren.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"executivesum\" style=\"border-left: 8px solid #ee6174; text-align: left;\">\nZusammengefasst:\n<ul class=\"wp-block-list\"><li>Eine moderate Inflation w\u00e4re ein Zeichen von erw\u00fcnschter Auslastung<\/li><li>Tempor\u00e4rer Inflationsdruck ist nicht gleich anhaltende Inflation<\/li><li>Ein Blick auf L\u00f6hne, Preise und sektorale Unterschiede erlaubt gezielte Intervention<\/li><\/ul>\n<\/div>\n\n\n<p><font color=\"white\"><\/font><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-3284\" src=\"http:\/\/www.dezernatzukunft.de\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/chart09.png\" alt=\"\" width=\"800\" height=\"482\" srcset=\"https:\/\/dezernatzukunft.org\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/chart09.png 800w, https:\/\/dezernatzukunft.org\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/chart09-300x181.png 300w, https:\/\/dezernatzukunft.org\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/chart09-768x463.png 768w, https:\/\/dezernatzukunft.org\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/chart09-100x60.png 100w\" sizes=\"auto, (max-width: 800px) 100vw, 800px\" \/><\/p>\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\"><a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\"><\/a>Neue Zahlen<\/h4>\n\n\n\n<p>Die <a href=\"https:\/\/ec.europa.eu\/eurostat\/documents\/portlet_file_entry\/2995521\/2-03022021-AP-EN.pdf\/62605e0c-22a2-135e-0b3f-5998ab27fd26\">vorl\u00e4ufigen Inflationszahlen<\/a> der europ\u00e4ischen Statistikbeh\u00f6rde Eurostat \u00fcberraschten Anfang Februar nicht nur <a href=\"https:\/\/www.bundesbank.de\/de\/publikationen\/berichte\/monatsberichte\/monatsbericht-februar-2021-859460\">die Bundesbank<\/a>. Auch das Handelsblatt <a href=\"https:\/\/www.handelsblatt.com\/finanzen\/geldpolitik\/inflation-preise-im-euro-raum-ziehen-zum-jahresstart-ueberraschend-kraeftig-an\/26878438.html\">titelte<\/a>: \u201ePreise im Euro-Raum ziehen zum Jahresstart \u00fcberraschend kr\u00e4ftig an.\u201c\n\nInflation bezeichnet den allgemeinen Preisanstieg in einer Wirtschaft \u00fcber einen festgelegten Zeitraum, \u00fcblicherweise ein Jahr. Diesen soll die Geldpolitik auf ein bestimmtes Ziel steuern. Die Europ\u00e4ische Zentralbank visiert beispielsweise eine j\u00e4hrliche Verbraucherpreis-Inflationsrate von \u201e<a href=\"https:\/\/www.ecb.europa.eu\/mopo\/strategy\/pricestab\/html\/index.en.html\">weniger als, aber knapp bei 2%<\/a>\u201c an.\n\nDie praktische Messung von Inflation ist kompliziert. Um aus den Ver\u00e4nderungen vieler Einzelpreise eine Inflationsnummer zu produzieren, muss eine Auswahl von Einzelpreisen gew\u00e4hlt werden, diese m\u00fcssen dann regelm\u00e4\u00dfig gesammelt, gewichtet und aggregiert werden. In der Eurozone geschieht dies \u00fcber den <a href=\"https:\/\/web.archive.org\/web\/20230130183536\/https:\/\/ec.europa.eu\/eurostat\/de\/web\/hicp\/faq\">Harmonisierten Verbraucherpreisindex<\/a>, der aus 12 Produktkategorien einen <a href=\"https:\/\/appsso.eurostat.ec.europa.eu\/nui\/show.do?dataset=prc_hicp_inw&amp;lang=de\">Warenkorb<\/a> erstellt,<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\"><sup>[3]<\/sup><\/a> dessen Gewichtung jedes Jahr angepasst wird. Der Preisanstieg dieses Warenkorbs wird als die allgemeine Inflation in der Eurozone definiert.\n\nIm letzten Jahr, wie auch in <a href=\"https:\/\/fred.stlouisfed.org\/series\/CPHPTT01EZM659N#0\">sechs der sieben Jahren<\/a> zuvor, hat die EZB laut dem HVPI ihre Zielmarke nach unten verfehlt: Noch im <a href=\"https:\/\/ec.europa.eu\/eurostat\/documents\/portlet_file_entry\/2995521\/2-20012021-AP-DE.pdf\/198c4833-87e8-e11c-22cd-3daf2dcbde08\">Dezember 2020<\/a> lag die HVPI-Inflation in der Eurozone bei \u02d70,3%. Daher wirkten die gemessenen 0,9% im Januar wie ein deutlicher Auftrieb.\n\nF\u00fcr den Anstieg der Preise speziell in Deutschland, der mit 1,6 Prozent \u00fcber dem Eurozonenschnitt lag, macht die <a href=\"https:\/\/www.bundesbank.de\/de\/publikationen\/berichte\/monatsberichte\/monatsbericht-februar-2021-859460\">Bundesbank<\/a> drei Faktoren aus: das Auslaufen der Mehrwertsteuerabsenkung; die Einf\u00fchrung der CO<sub>2<\/sub>-Abgabe; und die Berechnungs- und insbesondere Gewichtungsmethode des HVPI.\n\nAnders als beim von Statistischen Bundesamt erhobenen Verbraucherpreisindex (VPI), werden die Produkte des Warenkorbs beim HVPI j\u00e4hrlich neu gewichtet. Der VPI war von Dezember 2020 auf Januar 2021 lediglich um 1,3 Prozentpunkte gestiegen. Der Anstieg im HVPI um 2,3 Prozentpunkte im selben Zeitraum l\u00e4sst sich daher ma\u00dfgeblich auf diese statistische Ver\u00e4nderung zur\u00fcckf\u00fchren (siehe Grafik).<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\"><sup>[4]<\/sup><\/a>\n\nInsbesondere eine massive Neugewichtung von Pauschalreisen schlug zu Buche: \u201eDie im Vergleich zur Dezember-Projektion \u00fcberraschend hohe Januarrate [kann] in Deutschland fast vollst\u00e4ndig durch den Sondereffekt bei Pauschalreisen erkl\u00e4rt werden.\u201c (<a href=\"https:\/\/www.bundesbank.de\/resource\/blob\/859460\/500fa08e4a5af7a6cbd5bfb2aaa72495\/mL\/2021-02-monatsbericht-data.pdf\">Monatsbericht der Bundesbank<\/a>, S. 67).\n\nIm weiteren Jahresverlauf werden sogenannte \u201e<a href=\"https:\/\/www.destatis.de\/DE\/Methoden\/WISTA-Wirtschaft-und-Statistik\/2021\/01\/ansaetze-inflationsmessung-corona-pandemie-012021.pdf?__blob=publicationFile\">Basiseffekte<\/a>\u201c f\u00fcr tempor\u00e4r h\u00f6here Inflationszahlen sorgen: Verglichen mit den Monaten Juli bis Dezember 2020, in denen die Mehrwertsteuer tempor\u00e4r abgesenkt war, werden die Preise in den selben Monaten 2021 aufgrund der normalisierten Mehrwertsteuer wieder ansteigen. Und auch die ungew\u00f6hnlich niedrigen Energiepreise des Vorjahres, bedingt durch Corona-gedrosselten \u00d6l- und Gasverbrauch, werden sich in tempor\u00e4r h\u00f6herer Energiepreisinflation in diesem Jahr wiederfinden.\n\nDie jetzige Inflation geht also auf klar identifizierbare Faktoren zur\u00fcck, die zum Teil Sondereffekte sind (wie das Auslaufen der Mehrwertsteuerabsenkung, der CO<sub>2<\/sub> Preis, oder die Neugewichtung des HVPI in Coronazeiten), zum Teil das Ergebnis volatiler, sich schnell umkehrender Einzelpreise (Energie). Anzeichen daf\u00fcr, dass die Wirtschaft aufgrund von \u00fcberm\u00e4\u00dfiger Nachfrage insgesamt \u00fcberhitzt, gibt es unserer Einsch\u00e4tzung nach kaum.\n\nGanz im Gegenteil: Die Besch\u00e4ftigung in besonders konjunkturabh\u00e4ngigen Sektoren liegt nach wie vor weit unter dem Vorkrisenniveau. Die Leiharbeit (im Fachjargon: Arbeitnehmer\u00fcberlassung) ist beispielsweise von Februar 2020 bis Juni 2020 <a href=\"https:\/\/statistik.arbeitsagentur.de\/SiteGlobals\/Forms\/Suche\/Einzelheftsuche_Formular.html;jsessionid=FB4D9145379BC9FD1D235B9A7157A1ED?nn=1244296&amp;topic_f=beschaeftigung-anue-anue\">untypisch um fast 9%<\/a>&nbsp;gesunken. Zudem nutzen viele Unternehmen weiterhin die Kurzarbeit. Zu Beginn des zweiten Lockdowns im November 2020 waren weiterhin 6,7 Prozent der sozialversicherten Besch\u00e4ftigten (circa 2,3 Mio. Arbeitnehmer:innen) von der Ma\u00dfnahme betroffen.<a href=\"#_ftn5\" name=\"_ftnref5\"><sup>[5]<\/sup><\/a>\n<h4><strong>Das falsche Problem<\/strong><\/h4>\nWir halten einen \u00fcberm\u00e4\u00dfigen Fokus auf die Gefahr steigender Inflation daher f\u00fcr verfehlt. Eine \u00e4hnliche Position vertrat EZB-Direktoriumsmitglied Isabel Schnabel k\u00fcrzlich in einem <a href=\"https:\/\/www.derstandard.at\/story\/2000123209089\/ezb-direktorin-schnabel-die-inflation-ist-nicht-tot\">Interview<\/a>: Die \u00d6konomin sah dort eine <em>Unterschreitung <\/em>des EZB-Inflationsziel als Hauptgefahr.\n\nEine solche Unterschreitung ist problematisch, da sie ein Anzeichen ungenutzter Kapazit\u00e4ten ist. Die Inflationsrate kann als Tacho der Wirtschaft verstanden werden: Ist sie sehr niedrig, zeigt sie eine unterausgelastete Wirtschaft an. Menschen sind unn\u00f6tig arbeitslos, Ladenlokale geraten in Leerstand, Unternehmen finden keine Kunden. Die Nachfrage ist so weit gedrosselt \u2014 durch zu hohe Zinsen, zu sparsame Fiskalpolitik oder durch andere Faktoren, wie eine hohe <a href=\"https:\/\/equitablegrowth.org\/income-inequality-and-aggregate-demand-in-the-united-states\/\">Verm\u00f6gens- und Einkommensungleichheit <\/a>\u2014 dass Ressourcen brachliegen, die bei einer besseren Nachfragesteuerung im Einsatz w\u00e4ren.\n\nBereits seit 2013 liegt die Inflation im Euro-Raum trotz lockerer Geldpolitik unter dem Ziel von 2% teils sogar unter null. Seit einigen Jahren fordern Mitglieder des EZB-Rates daher eine aktivere Fiskalpolitik, um die Wirtschaft wieder besser auszulasten.\n\nSo sprach auch Isabel Schnabel in ihrem Interview von einer \u201eausgepr\u00e4gte[n] Nachfrageschw\u00e4che\u201c. Ohne Nachsteuerung sei daher \u201ezu bef\u00fcrchten, dass die Krise l\u00e4ngerfristige Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt haben wird.\u201c Konkret geht es zum Beispiel darum, ob die <a href=\"https:\/\/www.iab-forum.de\/rueckzug-vom-arbeitsmarkt-das-angebot-an-arbeitskraeften-sinkt-seit-beginn-der-corona-krise-stark\/\">400.000 Menschen<\/a>, die sich in Folge der Krise vom Arbeitsmarkt zur\u00fcckgezogen haben (also in Umfragen antworten, gar nicht mehr nach Besch\u00e4ftigung zu suchen), bald wieder aktiv werden.\n\nIn diesem Kontext erscheint uns ein Fokus auf die Risiken kurzfristiger Inflationssch\u00fcbe als deplatziert. Vielmehr besch\u00e4ftigt uns, dass die seit Jahren sehr niedrige Inflation auf einen strukturellen Nachfragemangel, und damit auf vermeidbare Arbeitslosigkeit und brachliegende Ressourcen, hinweist.\n<h4><strong>Von Sch\u00fcben und Spiralen<\/strong><\/h4>\nAber: Lagen k\u00f6nnen sich \u00e4ndern. Sollten wir uns nicht, im Kontext der Pandemieausgaben und der Januarzahlen, um die Inflation von morgen sorgen? So <a href=\"https:\/\/www.washingtonpost.com\/opinions\/2021\/02\/04\/larry-summers-biden-covid-stimulus\/\">argumentiert<\/a> zum Beispiel Larry Summers, dass Bidens <a href=\"http:\/\/www.dezernatzukunft.de\/zuversicht-statt-angst\/\">Rescue Plan<\/a> bald schwerwiegende inflation\u00e4re Konsequenzen ausl\u00f6sen k\u00f6nnte.<a href=\"#_ftn6\" name=\"_ftnref6\"><sup>[6]<\/sup><\/a>\n\nUm zu wissen, ob ein Inflationsanstieg gef\u00e4hrlich ist oder nicht, muss zwischen vor\u00fcbergehenden und dauerhaften Anstiegen unterschieden werden: zwischen Sch\u00fcben und Spiralen.<a href=\"#_ftn7\" name=\"_ftnref7\"><sup>[7]<\/sup><\/a>\n\n<strong>Inflationssch\u00fcbe<\/strong> gehen vor\u00fcber. Wenn zum Beispiel der \u00d6lpreis ansteigt, steigen Heizkosten, Benzinpreise, Transportkosten und die Kosten der Plastik- und Chemikalienherstellung. Dies hat Folgewirkungen auf hunderte andere Preise in der Wirtschaft; die Inflation steigt. Wenn die Preise jedoch einmal angepasst sind, stabilisiert sich die Preisentwicklung wieder. Die Inflationsrate f\u00e4llt auf ihr normales Niveau zur\u00fcck, auch ohne gr\u00f6\u00dfere fiskal- oder geldpolitische Eingriffe. Angst ist hier unn\u00f6tig, ein Ausbremsen der Wirtschaft verfehlt.<a href=\"#_ftn8\" name=\"_ftnref8\"><sup>[8]<\/sup><\/a>\n\nNeben Preisspr\u00fcngen bei wichtigen Rohstoffen k\u00f6nnen auch Kapazit\u00e4tsengp\u00e4sse f\u00fcr vorr\u00fcbergehende Inflationssch\u00fcbe sorgen. Zur Zeit steigen z.B. die <a href=\"https:\/\/fbx.freightos.com\/\">Preise f\u00fcr Frachttransport<\/a> an, weil auf Grund der Nachfrageverschiebung von Dienstleistungen zu G\u00fctern (zum Beispiel vom Fitnessstudio zum Home-Trainer) <a href=\"https:\/\/www.politico.eu\/article\/shipping-container-shortage-hits-global-trade-freight-prices\/\">nicht ausreichend Container zur Verf\u00fcgung<\/a> stehen.\n\nDoch auch solche Flaschenh\u00e4lse und die mit ihnen verbundenen Preissch\u00fcbe sind selten von Dauer. \u00dcber die Zeit kommt die Produktion der Nachfrage hinterher. Angelockt von hohen Preisen werden ausreichend neue Container (und ggf. Containerfabriken) gebaut, die Preise pendeln sich wieder ein. Angst ist unn\u00f6tig.\n\nBerechtigte Sorgen hingegen gibt es bei <em>dauerhaften<\/em> Inflationsanstiegen. Diese f\u00fchren im schlimmsten Fall zu <strong>Inflationsspiralen<\/strong>\u2014immer weiteren Anstiegen der Inflationsrate\u2014die eine W\u00e4hrung und Wirtschaft ernsthaft besch\u00e4digen k\u00f6nnen.\n\nDie klassische Ursache dauerhafter Inflationsanstiege liegt in einem starken Arbeitsmarkt, gekoppelt mit hoher gesamtwirtschaftlicher Nachfrage. Wo Arbeitnehmer:innen verhandlungsstark sind, z.B. durch starke Gewerkschaften oder verschwindend geringe Arbeitslosigkeit, k\u00f6nnen sie auf Preissteigerungen mit Lohnforderungen reagieren, um ihre Reall\u00f6hne konstant zu halten oder zu steigern. Wenn die gesamtwirtschaftliche Nachfrage gleichzeitig hoch ist, stimmen Firmen diesen Forderungen oft zu, da sie die h\u00f6heren L\u00f6hne durch h\u00f6here Preise ausgleichen k\u00f6nnen (gerade, wenn sie eine Monopol- oder Oligopolstellung innehaben).\n\nWenn die Nachfrage nicht gebremst wird, z.B. durch die Zentralbank, bleiben sowohl Arbeitnehmer:innen als auch Firmen stark. Auf die h\u00f6heren Preise folgen neue Lohnforderungen, auf diese wiederum neue Preissteigerungen. Die angestiegene Inflation ebbt nicht von alleine ab, wie bei rohstoff- oder kapazit\u00e4tsengpassgetriebenen Preissch\u00fcben. Eine Inflationsspirale kann folgen.\n<h4><strong>Keine Anl\u00e4sse zu Angst vor der gro\u00dfen Inflation<\/strong><\/h4>\nZur\u00fcck zu unserem konkreten Fall. Bei genauerer Betrachtung wird klar: vor Spiralen brauchen wir heute keine Angst zu haben. Die Wiederanhebung der Mehrwertsteuer ist ein Einmaleffekt, ebenso die Einf\u00fchrung der CO<sub>2<\/sub>-Abgabe. \u00c4hnlich d\u00fcrfte es sich mit Kapazit\u00e4tsengp\u00e4ssen verhalten, die im Sommer oder Herbst mit dem Ende der Pandemie einhergehen k\u00f6nnten, z.B. im Hotel- oder Gastst\u00e4ttenbereich.\n\nGerade die f\u00fcr ein Spiralszenario n\u00f6tige Verhandlungsmacht der Arbeitnehmer:innen scheint zur Zeit nicht gegeben. Nach Berechnungen des Statistischen Bundesamtes sind die preisbereinigten L\u00f6hne 2020 im Vergleich zum Vorjahr um <a href=\"https:\/\/www.destatis.de\/DE\/Presse\/Pressemitteilungen\/2021\/02\/PD21_070_623.html\">1% gesunken<\/a>. Durch mehr als zwei Mio. Menschen in Kurzarbeit und die 400.000 Personen, die sich im letzten Jahr vom Arbeitsmarkt zur\u00fcckgezogen haben, gibt es au\u00dferdem reichlich Reserven.\n\nAuch f\u00fcr Morgen scheint uns Angst vor Inflation unn\u00f6tig\u2014solange wir zwischen Sch\u00fcben und Spiralen unterscheiden k\u00f6nnen und die Werkzeuge bereithalten, auf beides angemessen zu reagieren.\n\nF\u00fcr die Unterscheidung sind drei Daumenregeln hilfreich:\n<ul>\n \t<li>Preisanstiege ohne Lohnanstiege sind unbedenklich. Fallende Reall\u00f6hne senken die Nachfrage, die Preisinflation bleibt ein vor\u00fcbergehender Schub.<\/li>\n \t<li>Lohnanstiege ohne Preisanstiege sind ebenso unbedenklich. Stabile Preise bedeuten stabile Inflation, das Wachstum der Reall\u00f6hne ist unproblematisch und erfreulich.<\/li>\n \t<li>Kombinierte Lohn- und Preisanstiege bleiben unbedenklich, solange sie in wenigen Sektoren oder Orten konzentriert sind. In diesem Fall handelt es sich um normale Verschiebungsprozesse einer sich wandelnden Wirtschaft, es bleiben lediglich Sch\u00fcbe zu erwarten. Sollten sie sich hingegen progressiv auf die ganze Wirtschaft ausbreiten, droht eine Spirale. Es gilt es die Bremse zu ziehen.<\/li>\n<\/ul>\nIm Werkzeugkasten der Reaktionen gibt es St\u00e4rken und Schw\u00e4chen: Werkzeuge, um gesamtwirtschaftliche Inflationsspiralen im Keim zu ersticken, sind erprobt und einsatzbereit, insbesondere die klassische Zinsanhebung. Diese haben jedoch hohe <a href=\"https:\/\/web.archive.org\/web\/20231204045523\/https:\/\/vorwaerts.de\/artikel\/corona-schulden-vorwaerts-neuen-instrumenten-statt-stillstand-alten-null\">gesellschaftliche Kosten<\/a>.\n\nAlternativ kann man gezielt Flaschenh\u00e4lse angehen: Wenn zum Beispiel Mieten stark steigen, weil das Wohnungsangebot knapp ist, k\u00f6nnte der Bund durch langfristige Investitionen in Wohnungen eine Kapazit\u00e4tsausweitung im Bausektor erwirken. Ebenso kann bei Lohnspitzen gekoppelt mit Personalmangel in einzelnen Sektoren eine gezielte Ausbildungsoffensive aufgelegt werden.\n\nWie uns jedoch sowohl der <a href=\"https:\/\/www.tagesschau.de\/investigativ\/kontraste\/impfstoff-koordinator-101.html\">holprige Impfstoffproduktionsstart<\/a>, als auch der Wohnraummangel in deutschen Gro\u00dfst\u00e4dten zeigt, hat die Bundesrepublik Luft nach oben im gezielten Aufl\u00f6sen von Flaschenh\u00e4lsen. Dies kann dazu f\u00fchren, dass Inflationssch\u00fcbe l\u00e4nger dauern als n\u00f6tig, bis sie sich aufl\u00f6sen.\n\nTrotz Verbesserungspotential im Werkzeugkasten halten wir aber fest: solange wir Inflation klug analysieren und bereit sind, angemessen zu reagieren, brauchen wir keine Angst vor der gro\u00dfen Inflation zu haben\u2014weder heute noch morgen.\n\n<hr>\n\n<h4><strong>Fu\u00dfnoten<\/strong><\/h4>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Die Inflationszahlen im Text beziehen sich immer auf j\u00e4hrliche Raten, also prozentualer Preisanstieg im Januar 2021 im Vergleich zum Januar 2020.<\/p>\n\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> <a href=\"https:\/\/ec.europa.eu\/eurostat\/databrowser\/view\/prc_hicp_manr\/default\/table?lang=de\">Daten Eurostat<\/a>; <a href=\"https:\/\/www.destatis.de\/DE\/Presse\/Pressemitteilungen\/2021\/02\/PD21_057_611.html\">Daten Destatis<\/a><\/p>\n\n<p><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> Die Kategorien sind: Nahrungsmittel; Alkohol und Tabak; Bekleidung; Wohnung; Hausrat; Gesundheitswesen; Verkehr; Postdienste und Telekommunikation; Freizeit, Unterhaltung und Kultur; Bildungswesen; Gastst\u00e4tten- und Beherbergungsdienstleistungen; und Andere.<\/p>\n\n<p><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a> Wer die methodologischen Details besser verstehen m\u00f6chte, dem seien S. 64ff des <a href=\"https:\/\/www.bundesbank.de\/resource\/blob\/859460\/500fa08e4a5af7a6cbd5bfb2aaa72495\/mL\/2021-02-monatsbericht-data.pdf\">Februar Monatsbericht<\/a> der Bundesbank sehr empfohlen.<\/p>\n\n<p><a href=\"#_ftnref5\" name=\"_ftn5\">[5]<\/a> Die November-Daten sind <a href=\"https:\/\/statistik.arbeitsagentur.de\/SiteGlobals\/Forms\/Suche\/Einzelheftsuche_Formular.html?nn=1524090&amp;topic_f=kurzarbeit-hr\">die j\u00fcngsten Hochrechnungen der Bundesagentur f\u00fcr Arbeit<\/a>.<\/p>\n\n<p><a href=\"#_ftnref6\" name=\"_ftn6\">[6]<\/a> \u201cinflationary pressures of a kind we have not seen in a generation\u201d<\/p>\n\n<p><a href=\"#_ftnref7\" name=\"_ftn7\">[7]<\/a> F\u00fcr den US-Amerikanischen Kontext empfehlen wir <a href=\"https:\/\/employamerica.medium.com\/inflation-the-good-the-bad-and-the-transitory-cc289f524c1c\">diese Analyse<\/a> von Skanda Amarnath und Alex Williams, die diese Unterscheidung beleuchtet und erkl\u00e4rt, mit welchen Daten zwischen verschiedenen F\u00e4llen unterschieden werden kann.<\/p>\n\n<p><a href=\"#_ftnref8\" name=\"_ftn8\">[8]<\/a> Ein Beispiel dieses Szenarios ist der \u00d6lpreisanstieg vom Sommer 2007 auf Sommer 2008. Auf diesen <a href=\"https:\/\/www.newyorker.com\/magazine\/2011\/09\/05\/europes-big-mistake\">reagierte die EZB f\u00e4lschlicherweise mit einer Zinserh\u00f6hung<\/a>, welche die folgende Wirtschaftskrise unn\u00f6tig verst\u00e4rkte.<\/p><\/p>\n\n\n<p class=\"executivesum\" style=\"border-left: 8px solid #ee6174; text-align: center;\"><em>Der <strong>Dezernatsbrief<\/strong> ist ein zweiw\u00f6chentlicher Kommentar zu aktuellen Fragen der deutschen und europ\u00e4ischen \u00d6konomie. \u00dcber Feedback und Anregungen freuen wir uns und erbitten deren Zusendung an info[at]dezernatzukunft.org<\/em><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am Mittwoch best\u00e4tigte Eurostat die Januar-Inflationsmessung f\u00fcr den Euro-Raum. Die Zahlen hatten f\u00fcr Irritation gesorgt: Nach negativen Zahlen im vergangenen Jahr fielen die Teuerungsraten f\u00fcr die Bundesrepublik mit 1,6% und f\u00fcr die Eurozone mit 0,9%[1] h\u00f6her aus als erwartet. In diesem Dezernatsbrief erkl\u00e4ren wir, wieso diese Zahlen kein Grund zur Sorge sind \u2014 solange wir Inflation klug analysieren und bereit &#8230; <a href=\"https:\/\/dezernatzukunft.org\/en\/kommt-jetzt-die-grose-inflation\/\" class=\"more-link\">Read More<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":42,"featured_media":4406,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"footnotes":"","_links_to":"","_links_to_target":""},"categories":[161],"tags":[60],"class_list":["post-8721","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-geldbrief-en","tag-monetary-policy"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v26.8 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Kommt jetzt die gro\u00dfe Inflation? - Dezernat Zukunft<\/title>\n<meta name=\"description\" content=\"Institut f\u00fcr Makrofinanzen\" \/>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/dezernatzukunft.org\/kommt-jetzt-die-grosse-inflation-2\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"en_US\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Kommt jetzt die gro\u00dfe Inflation? 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