{"id":8710,"date":"2020-11-26T08:42:29","date_gmt":"2020-11-26T07:42:29","guid":{"rendered":"https:\/\/dezernat-zukunft.org\/?p=8710"},"modified":"2023-04-13T13:09:29","modified_gmt":"2023-04-13T11:09:29","slug":"keine-aufregung-bei-grosen-zahlen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dezernatzukunft.org\/en\/keine-aufregung-bei-grosen-zahlen\/","title":{"rendered":"Keine Aufregung bei gro\u00dfen Zahlen"},"content":{"rendered":"<p>Heute Nacht wird im Haushaltsausschuss des Bundestages um den <strong>Bundeshaushalt f\u00fcr 2021<\/strong> gerungen. F\u00fcr Aufregung sorgt, dass Finanzminister Olaf Scholz zu Beginn der Woche die veranschlagte Neuverschuldung f\u00fcr 2021 von 96 Milliarden im September <a href=\"https:\/\/www.spiegel.de\/wirtschaft\/olaf-scholz-plant-offenbar-mit-160-milliarden-euro-neuverschuldung-a-7de50c70-976e-4601-b6b2-750877838ebe\">laut Medienberichten<\/a> auf etwa <strong>160 Mrd. Euro<\/strong> revidiert hat. In diesem Dezernatsbrief erkl\u00e4ren wir, wieso diese Zahl<strong> kein Anlass f\u00fcr Aufregung<\/strong> ist. Denn f\u00fcr sich allein genommen ist sie kontextlos und schafft vor allem erstmal Handlungsspielraum.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-2732\" src=\"http:\/\/www.dezernatzukunft.de\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/Zinssteurlast-1.png\" alt=\"\" width=\"768\" height=\"490\"><\/p>\n<p>Im September hatte das Kabinett <a href=\"https:\/\/www.bundesregierung.de\/breg-de\/aktuelles\/kabinett-bundeshaushalt-2021-1790220\">den Haushaltsentwurf<\/a> f\u00fcr das kommende Jahr im Bundestag eingebracht. Dem <a href=\"https:\/\/www.bundesregierung.de\/breg-de\/aktuelles\/bundeshaushalt-kurz-erklaert-1649006\">g\u00e4ngigen Prozessen nach<\/a> verwies dieser nach der ersten Lesung den Entwurf zur weiteren Beratung an den Haushaltsausschuss. Dort werden seit Oktober kleinere Posten diskutiert. \u00dcber die Beschlussempfehlung der heutigen <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Bereinigungssitzung\">Bereinigungssitzung<\/a> stimmt im Dezember das Plenum ab.<\/p>\n<p>Der <a href=\"https:\/\/www.bundesregierung.de\/breg-de\/aktuelles\/kabinett-bundeshaushalt-2021-1790220\">Entwurf von September<\/a> \u2014 aufgesetzt bevor sich die zweite Corona-Welle abzeichnete \u2014 sah f\u00fcr 2021 noch eine Nettokreditaufnahme von 96 Mrd. Euro vor. Aufgrund der <a href=\"https:\/\/www.reuters.com\/article\/deutschland-haushalt-idDEKBN2830FI\">zus\u00e4tzlichen Hilfsma\u00dfnahmen<\/a>, wie z.B. 37,5 Mrd. f\u00fcr neue Unternehmenshilfen oder knapp 3 Mrd. f\u00fcr die Beschaffung von Impfstoffen, sind nun zus\u00e4tzliche Ausgaben in H\u00f6he von 70 Milliarden Euro eingeplant. Zudem werden Mittel, die in diesem Jahr nicht vergeben wurden ins n\u00e4chste Jahr geschoben. Damit stehen heute Abend etwa 160 Mrd. Euro Neuverschuldung f\u00fcr den Bund 2021 zur Debatte. Nicht nur Rechnungshofpr\u00e4sident Kay Scheller <a href=\"https:\/\/www.spiegel.de\/wirtschaft\/coronakrise-rechnungshof-praesident-warnt-vor-schuldenflut-a-0c9b8c5b-9466-4bed-ad7a-939ed33e1939\">ist irritiert<\/a>.<\/p>\n<h4><strong>Nettoneuverschuldung allein ist kontextlos<\/strong><\/h4>\n<p>Die Summe der Nettoneuverschuldung ist jedoch f\u00fcr sich genommen aussagelos. Sie m\u00fcsste ins Verh\u00e4ltnis zu relevanten Vergleichsgr\u00f6\u00dfen gesetzt werden: Beispielsweise dem Verm\u00f6gen, das damit geschaffen wird, die wirtschaftliche Substanz, die durch die erm\u00f6glichten Ausgaben gesch\u00fctzt wird, oder die Finanzierungskosten, die mit ihr verbunden sind. Nur im Zusammenhang mit einer belastbaren Vergleichsgr\u00f6\u00dfe kann die Nettoneuverschuldung bewertet und eingesch\u00e4tzt werden.<\/p>\n<p>Im <a href=\"http:\/\/www.dezernatzukunft.de\/zinsquoten-statt-schuldenquoten\/\">letzten Dezernatsbrief<\/a> hatten wir daher eine Zinsquote als Ma\u00dfzahl vorgestellt. Eine Zins-Steuer-Quote bildet die Zinsausgaben als Prozentsatz der Steuereinnahmen ab (siehe Abbildung). Der Sachverst\u00e4ndigenrat <a href=\"https:\/\/web.archive.org\/web\/20200808202130\/https:\/\/www.sachverstaendigenrat-wirtschaft.de\/no_cache\/publikationen\/daten-indikatoren.html\">ermittelt diese Gr\u00f6\u00dfe<\/a> seit 1991. Seit ihrem Hoch 1996 ist die Quote von knapp 16% auf ca. 3% in diesem Jahr abgeschmolzen. F\u00fcr 2021 wird ein R\u00fcckgang auf 2,5% prognostiziert.<\/p>\n<p>Im Gegensatz zur Schuldenstandsquote (debt-to-GDP) erf\u00fcllt diese Zinsquote <a href=\"https:\/\/twitter.com\/heimbergecon\/status\/1331136357780119552\">drei Bedingungen<\/a> einer aussagekr\u00e4ftigen Metrik f\u00fcr Schuldentragf\u00e4higkeit. Wo die Schuldenstandsquote Strom- mit Bestandsgr\u00f6\u00dfen vergleicht; r\u00fcckw\u00e4rtsgewandt ist (und damit einen Beitrag zu wirtschaftlich gef\u00e4hrlicher pro-zyklischer Sparpolitik leistet, wie Erik Nielsen von UniCredit <a href=\"https:\/\/www.research.unicredit.eu\/DocsKey\/economics_docs_2020_178554.ashx?EXT=pdf&amp;KEY=C814QI31EjqIm_1zIJDBJAq2DaQTse-ldzWaewShJ7s=&amp;T=1\">diesen Sonntag argumentierte<\/a>, S. 3); und Refinanzierungskosten ignoriert, da vergleicht die Zinsquote zwei Stromgr\u00f6\u00dfen miteinander, ist nicht r\u00fcckw\u00e4rtsgewandt und reflektiert Finanzierungskosten.<\/p>\n<p>Der Kontext der Refinanzierungskosten ist dabei besonders informativ. Die Zinsen, die die Bundesregierung f\u00fcr die Bedienung ihrer Anleihen zahlen muss, fallen seit der Wiedervereinigung stetig. Selbst mit der au\u00dfergew\u00f6hnlich hohen Neuverschuldung in diesem Jahr liegt die <a href=\"https:\/\/fred.stlouisfed.org\/series\/IRLTLT01DEM156N\">durchschnittliche Rendite zehnj\u00e4hriger Bundesanleihen<\/a> derzeit 30 Basispunkte unter dem Wert von Januar 2020 und damit 66 Basispunkte unter seinem F\u00fcnfjahresdurchschnitt. Im Handelsblatt <a href=\"https:\/\/www.handelsblatt.com\/meinung\/kommentare\/der-chefoekonom-corona-hat-das-ende-der-schuldenbremse-eingelaeutet\/26638770.html?ticket=ST-2356505-ytpx5FmXzoVoQX4YDsco-ap6\">meinte Bert R\u00fcrup<\/a> vergangene Woche, dass die Zins-Steuer-Quote auf mittlere Frist kaum steigen wird und somit dem Staat Handlungsf\u00e4higkeit beschere. Der Sachverst\u00e4ndigenrat sieht es \u00e4hnlich: In ihrem <a href=\"https:\/\/www.sachverstaendigenrat-wirtschaft.de\/fileadmin\/dateiablage\/gutachten\/jg202021\/JG202021_Gesamtausgabe.pdf\">diesj\u00e4hrigen Gutachten<\/a> (S. 65) projizieren die Wirtschaftsweisen trotz der Corona-Neuverschuldung einen R\u00fcckgang der Zinsausgaben der Bundesrepublik von 12,8% f\u00fcr 2021. Solange die Zinsen auf Staatsanleihen so niedrig sind, sind auch auf den ersten Blick gro\u00dfe absolute Nettoneuverschuldungszahlen einfach zu verdauen. Sollte die Zins-Steuer-Quote jedoch ma\u00dfgeblich ansteigen, so w\u00e4ren Sorgen berechtigt.<\/p>\n<p>Derweil laufen sich <a href=\"https:\/\/www.bpb.de\/shop\/zeitschriften\/apuz\/319067\/schwarze-null\">polit-\u00f6konomische Analysen<\/a> des Endes der Schuldenbremse warm. Lukas Haffert konstatiert dabei, dass ohne einen \u201e<a href=\"https:\/\/www.bpb.de\/apuz\/schwarze-null-2020\/319054\/die-schwarze-null-ist-geschichte-aber-hat-sie-eine-zukunft#fr-footnode17\">positiv formulierten Entwurfs f\u00fcr ein neues Paradigma<\/a>\u201c die R\u00fcckkehr zur Schwarzen Null vorprogrammiert sei. Daher halten wir fest: In einem neuen und koh\u00e4renten<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\"><sup>[2]<\/sup><\/a> fiskalischen Rahmen k\u00f6nnte die Zins-Steuer-Quote zu einer Art Fr\u00fchwarnsystem werden.<\/p>\n<h4><strong>Bonus-content: Warum klaffen verabschiedeter und genutzter Haushalt so stark auseinander?<\/strong><\/h4>\n<p>Ein gro\u00dfer Teil der zur Bereinigungssitzung eingereichten Neuverschuldung entspringt einer Verschiebung von diesem auf das kommende Jahr. Denn von den im zweiten Nachtragshaushalt von Juni 2020 bewilligten 218,5 Mrd. Euro Kreditaufnahme des Bundes wurden bisher 142 Mrd. gar nicht aufgenommen. Wie kommt es zu dieser gro\u00dfen L\u00fccke zwischen verabschiedetem und tats\u00e4chlich ausgef\u00fchrtem Haushalt?<\/p>\n<p>Der zweite Nachtragshaushalt 2020 entstand in den Unw\u00e4gbarkeiten nach der ersten Pandemiewelle im Juni. Die absoluten Kennzahlen des Budgets spiegeln damit die Planungsunsicherheit des Finanzministeriums (BMF) wider. Mit dem Gesamtvolumen von 508,5 Mrd. Euro \u2014 davon knapp 220 Mrd. Euro in Form von Erlaubnis zur Nettokreditaufnahme \u2014 schuf sich das Finanzministerium vor allem Handlungsspielraum, den es (Stand jetzt) in diesem Jahr nicht voll abrufen wird.<\/p>\n<p>Dies ist per se kein Unding, in Zeiten hoher Unsicherheit sogar begr\u00fc\u00dfenswert. Doch es zeigt besonders klar einen Zielkonflikt auf, der sonst nur leise im Hintergrund schwelt. W\u00e4hrend das BMF prinzipiell daran interessiert ist, mittels des Haushaltsgesetz Handlungsf\u00e4higkeit herzustellen, sind viele andere Wirtschaftsteilnehmer, z.B. Banken, gro\u00dfe Unternehmen, oder B\u00fcrger:innen vor allem daran interessiert, aus dem Haushaltgesetzt die wirtschaftliche Entwicklung des kommenden Jahres abzulesen, um ihre Planung darauf abzustimmen. Dies w\u00e4re beim Nachtragshaushalt 2020 schwierig gewesen, da ein Gro\u00dfteil der prinzipiell m\u00f6glichen Ausgaben in der Ausf\u00fchrung nicht stattfand.<\/p>\n<p>Eine unabh\u00e4ngige Einrichtung zu Fiskalfragen h\u00e4tte eine genauere Prognose liefern k\u00f6nnen. Im Vereinigten K\u00f6nigreich ist z.B. das <a href=\"https:\/\/obr.uk\/\">Office for Budget Responsibility<\/a> seit 2010 als unabh\u00e4ngige Institution mit solchen Aufgaben betraut. In den Vereinigten Staaten leistet das <a href=\"https:\/\/www.cbo.gov\/\">Congressional Budget Office<\/a> schon seit 1974 solche Arbeit. Deutschland fehlt eine solche Institution: Der <a href=\"https:\/\/www.stabilitaetsrat.de\/DE\/Beirat\/Beirat_node.html\">unabh\u00e4ngige Beirat des Stabilit\u00e4tsrats<\/a> von Bund und L\u00e4ndern, der oft dieselbe Kategorie <a href=\"https:\/\/web.archive.org\/web\/20210918135758\/https:\/\/www.euifis.eu\/eng\/fiscal\/120\/members\">gesteckt wird<\/a>, \u00fcberwacht lediglich die Einhaltung der Fiskalregeln. Und das obwohl die EU Fiskalregeln (<a href=\"https:\/\/eur-lex.europa.eu\/legal-content\/DE\/TXT\/PDF\/?uri=CELEX:32011L0085&amp;from=GA\">siehe Punkt 16<\/a> des sogenannten Six Packs von 2011) eine solche Institution stark empfehlen.<\/p>\n<hr>\n<h4><strong> Fu\u00dfnoten <\/strong><\/h4>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> https:\/\/www.sachverstaendigenrat-wirtschaft.de\/no_cache\/publikationen\/daten-indikatoren.html<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Laut Peter Hall ben\u00f6tigt ein Paradigmenwechsel eine \u201ckoh\u00e4rente und weit entwickelte Alternative\u201c, siehe: Peter A. Hall, Policy Paradigms, Social Learning, and the State. The Case of Economic Policymaking in Britain, in: Comparative Politics 3\/1993, S. 275\u2013296, hier S. 286.<\/p>\n<p class=\"executivesum\" style=\"border-left: 8px solid #ee6174; text-align: center;\"><em>Der <strong>Dezernatsbrief<\/strong> ist ein zweiw\u00f6chentlicher Kommentar zu aktuellen Fragen der deutschen und europ\u00e4ischen \u00d6konomie. \u00dcber Feedback und Anregungen freuen wir uns und erbitten deren Zusendung an info[at]dezernatzukunft.org<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Heute Nacht wird im Haushaltsausschuss des Bundestages um den Bundeshaushalt f\u00fcr 2021 gerungen. F\u00fcr Aufregung sorgt, dass Finanzminister Olaf Scholz zu Beginn der Woche die veranschlagte Neuverschuldung f\u00fcr 2021 von 96 Milliarden im September laut Medienberichten auf etwa 160 Mrd. Euro revidiert hat. In diesem Dezernatsbrief erkl\u00e4ren wir, wieso diese Zahl kein Anlass f\u00fcr Aufregung ist. 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