{"id":8708,"date":"2021-04-15T12:57:33","date_gmt":"2021-04-15T10:57:33","guid":{"rendered":"https:\/\/dezernat-zukunft.org\/?p=8708"},"modified":"2023-06-29T15:40:31","modified_gmt":"2023-06-29T13:40:31","slug":"deutschland-bekommt-112-millionen-euro-geschenkt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dezernatzukunft.org\/en\/deutschland-bekommt-112-millionen-euro-geschenkt\/","title":{"rendered":"Deutschland bekommt 112 Millionen Euro geschenkt"},"content":{"rendered":"<div class=\"thn_post_wrap\">\n<p>In diesem Dezernatsbrief widmen wir uns einer nur scheinbar einfachen Frage: Was kosten uns eigentlich unsere Schulden? Wir zeigen, dass die beiden klassischen Schuldenindikatoren \u2014 die Defizit- und die Schuldenquote \u2014 diesbez\u00fcglich aussageschwach sind: Sie werfen nur wenig Licht auf die tats\u00e4chlichen Kosten. Anstatt dessen pl\u00e4dieren wir f\u00fcr die Haushalts-Zinsquote und, als Ergebnis unseres <a href=\"http:\/\/www.dezernatzukunft.de\/policy-brief-was-kosten-unsere-schulden\/\">neusten Forschungspapiers<\/a>, den Gegenwartswert von Staatsanleihen.<\/p>\n<div class=\"executivesum\" style=\"border-left: 8px solid #ee6174; text-align: left;\">\n<p>Zusammengefasst:<\/p>\n<ul>\n<li>Deutschland verdient heute durch Schuldenmachen Geld: letzten Mittwoch zum Beispiel 112 Mio. Euro<\/li>\n<li>Die Defizit- und Schuldenquoten werfen wenig Licht auf die tats\u00e4chlichen Kosten unserer Schulden; Zinsquote und Gegenwartswert bieten mehr Einblick<\/li>\n<li>Die Zinsquote ist auf einem historischen Tiefstand; und Stand heute bekommt Deutschland knapp 20% des Gegenwartswerts neuer Anleihen geschenkt<\/li>\n<\/ul>\n<\/div>\n<p><a href=\"http:\/\/www.dezernatzukunft.de\/finanzakrobat-bundeshaushalt\/#_ftn1\" name=\"_ftnref1\"><\/a><\/p>\n<p><strong><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-2693\" src=\"http:\/\/www.dezernatzukunft.de\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/Bild2-1.jpg\" alt=\"\" width=\"800\" height=\"482\"><\/strong><\/p>\n<p>Seit einiger Zeit wird wieder <a href=\"https:\/\/www.handelsblatt.com\/meinung\/gastbeitraege\/gastkommentar-das-ist-der-plan-fuer-deutschland-nach-corona\/26850508.html?ticket=ST-2130969-KRluyOgsSKPid2eO3YBz-ap6\">offener<\/a> <a href=\"https:\/\/www.handelsblatt.com\/politik\/deutschland\/grundgesetzaenderung-tabubruch-von-oben-union-laeuft-sturm-gegen-braun-vorstoss-zur-schuldenbremse\/26854258.html\">diskutiert<\/a>, ob Staatsschulden vielleicht doch nicht so schlecht sind wie ihr Ruf, zumindest dann, wenn sie eine Politik finanzieren, die \u00fcbergeordneten Zwecken dient. Wie eine neue deutsche Finanzpolitik aussehen k\u00f6nnte, die sich prim\u00e4r an gesellschaftlichen Zwecken ausrichtet (wie z.B. guter und produktiver Arbeit f\u00fcr alle und einer raschen und erfolgreichen Nachhaltigkeitswende) und nicht an arbitr\u00e4ren Finanzkennzahlen wie der Schwarzen Null oder an voodoo\u00f6konomischen Gr\u00f6\u00dfen wie der NAWRU \u2014 diese Frage ist das Herz unseres Hauptforschungsvorhabens dieses Jahr: unser Fiskalprojekt .<\/p>\n<p>Um sie zu beantworten, brauchen wir aber ein klares Verst\u00e4ndnis davon, was Staatsschulden sind, woher sie kommen und wie viel sie uns (und damit auch die so oft beschworenen nachfolgenden Generationen) im Laufe der Zeit eigentlich kosten. Nur so kann entschieden werden, wann und ob Schulden sich lohnen.<\/p>\n<h4><strong>Heute gibt es was geschenkt<\/strong><\/h4>\n<p>Fangen wir mit dem Status Quo an: Seit einiger Zeit sind die Renditen auf deutsche Staatsanleihen negativ. Das bedeutet, dass der Bund mit neuen Schulden Geld verdient.<\/p>\n<p>Wie das genau funktioniert, zeigt ein tagesaktuelles Beispiel: Letzte Woche hat die Deutsche Finanzagentur eine Aufstockungsauktion f\u00fcr das Bundeswertpapier <a href=\"https:\/\/www.deutsche-finanzagentur.de\/de\/factsheet\/sheet-detail\/productdata\/sheet\/DE0001141836\/\">DE0001141836<\/a> durchgef\u00fchrt. Gut 3,3 Mrd. Euro des Papiers wurden verkauft, dabei bekam der deutsche Staat circa 112 Mio. Euro geschenkt. Denn f\u00fcr das Versprechen, in f\u00fcnf Jahren 3.307 Mio. Euro zur\u00fcckzuzahlen, haben ihm Investoren letzte Woche 3.419 Mio. Euro bezahlt. Theoretisch k\u00f6nnte der Staat diese 3.419 Mio. nun zur Seite legen, in f\u00fcnf Jahren die 3.307 Mio. an Tilgung zahlen, und h\u00e4tte \u2014 da das Papier mit 0% bezinst ist \u2014 am Ende 112 Mio. Euro als geschenkten \u00dcberschuss \u00fcbrig.<\/p>\n<h4><strong>Real existierende Negativzinsen<\/strong><\/h4>\n<p>Dieses Beispiel demonstriert, wie negative Renditen auf deutsche Staatsanleihen in der Praxis zustandekommen. Dies geschieht n\u00e4mlich nicht, weil der sogenannte Kupon der Anleihe negativ ist und die Besitzer der Anleihe dem Bund jedes Jahr einen kleinen Betrag \u00fcberweisen m\u00fcssen. Sondern dadurch, dass bei der Ausgabe einer Anleihe der Ausgabepreis deutlich \u00fcber ihrem Nominalwert liegt. So haben Investoren letzte Woche 103,39 Euro gezahlt (der tats\u00e4chliche Ausgabepreis der Anleihe), um einen Anspruch auf 100 Euro R\u00fcckzahlung (ihr Nominalwert) in f\u00fcnf Jahren zu erwerben. Zusammen mit einem 0%-Kupon ergibt diese Kombination eine effektive Negativrendite. Genauer gesagt: Die Kosten von Neuverschuldung sind negativ. Der Staat gewinnt.<\/p>\n<h4><strong>Die zwei Irrlichter: Defizit und Schuldenquote<\/strong><\/h4>\n<p>Betrachtet man Staatsschulden im Moment, sieht es also gut aus. Doch wie k\u00f6nnen wir ihre Kosten im Allgemeinen beurteilen?<\/p>\n<p>Heute werden daf\u00fcr vor allem zwei Kennzahlen verwendet, die beide die Gr\u00f6\u00dfe unserer Schulden relativ zum Bruttoinlandsprodukt (BIP) angeben: die Schuldenquote und das Defizit (jeweils als Prozent vom BIP). Doch keine der beiden Zahlen zeigt die tats\u00e4chlichen Kosten unserer Schulden an.<\/p>\n<p>Die fortlaufenden Kosten der Staatsverschuldung bestehen aus den Zinszahlungen, die der Bund den Besitzern der Anleihen zahlen muss. Die Zinsen werden dabei (<a href=\"https:\/\/web.archive.org\/web\/20220801040403\/https:\/\/www.deutsche-finanzagentur.de\/en\/private-anleger\/bundeswertpapiere\/inflationsindexierte-bundeswertpapiere\/\">inflationsindexierte Anleihen<\/a> ausgenommen) vor Ausgabe einer Anleihe festgelegt und bleiben w\u00e4hrend ihrer Laufzeit konstant.<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\"><sup>[2]<\/sup> <\/a><\/p>\n<p>Um die Gr\u00f6\u00dfe dieser Kosten einzusch\u00e4tzen, kann man den Anteil des Haushalts betrachten, der f\u00fcr Zinsausgaben aufgewendet werden muss. Diese Gelder stehen nicht f\u00fcr andere Haushaltsausgaben (wie z.B. Investitionen in Schulen, Stra\u00dfen, Pflegepersonal oder Gesundheit) zur Verf\u00fcgung. Auch wenn sie nicht verschwinden \u2014 die Zinsen flie\u00dfen schlie\u00dflich an die Besitzer der Staatsanleihen, von denen sie ausgegeben, investiert, oder bei denen sie besteuert werden k\u00f6nnen \u2014 haben sie also Opportunit\u00e4tskosten.<\/p>\n<p>Doch bez\u00fcglich dieser Kosten sind sowohl die Defizit- als auch die Schuldenquote aussageschwach. Bei negativen Renditen f\u00fchren h\u00f6here Defizite zu einer Entlastung des Haushaltes: neue Schulden bedeuten \u2014 in diesen Umst\u00e4nden \u2014 geschenktes Geld und daher mehr Platz f\u00fcr andere Ausgaben. Wer nur auf die Defizitquote schaut und die Zinsen ignoriert kann sich also gewaltig irren.<\/p>\n<p>Auch die Schuldenquote kann hier in die Irre f\u00fchren: So mussten z.B. 1992 knapp 14% des Bundeshaushalts f\u00fcr Zinskosten aufgewandt werden, trotz einer eher geringen Schuldenquote von 41% des BIPs. 2020 hingegen entfielen nur circa 3% des Bundeshaushalts auf Zinskosten, trotz einer deutlich h\u00f6heren Schuldenquote von circa 70% des BIPs. Die Korrelation zwischen Schuldenquote und Zinslast ist also lose.<\/p>\n<h4><strong>Indirekte Kosten von Schulden<\/strong><\/h4>\n<p>Neben diesen direkten Kosten k\u00f6nnen Staatsschuld indirekte Kosten haben. Zu hohe Schulden, so die Logik, k\u00f6nnten die Zinsen in die H\u00f6he treiben \u2014 sowohl direkt, da mehr Schulden eine h\u00f6here Nachfrage am Kapitalmarkt bedeuten, als auch indirekt, da es die Zentralbank dazu bewegen k\u00f6nnte, den Leitzins anzuheben. Dies wiederum k\u00f6nnte (kreditfinanzierte) private Investitionen abw\u00fcrgen und damit auch das Wachstum.<\/p>\n<p>Doch auch hier hilft eine reine Betrachtung von Defizit- und die Schuldenquote kaum weiter. Die <a href=\"https:\/\/academic.oup.com\/cje\/article-abstract\/38\/2\/257\/1714018?redirectedFrom=fulltext\">f\u00fchrende Studie<\/a> zum Thema Schuldenquote und Wachstum fand , dass die Beziehung zwischen Schuldenstand und Wachstum von Land zu Land und Zeit zu Zeit sehr unterschiedlich ist. Ein klarer Schwellenwert, ab dem Schulden das Wachstum dramatisch verlangsamen, ist nicht bekannt.<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\"><sup>[3]<\/sup> <\/a><\/p>\n<p>Die Korrelation zwischen Defiziten und Zinsen wiederum hat sich in der j\u00fcngeren Vergangenheit als kontraintuitiv erwiesen: In den USA zum Beispiel waren die <a href=\"https:\/\/fred.stlouisfed.org\/series\/FYFSGDA188S\">ausgeglichenen Haushalte Ende der 1990er<\/a> mit <a href=\"https:\/\/fred.stlouisfed.org\/series\/GS10\">Zinsen zwischen 4% und 6%<\/a> verbunden, w\u00e4hrend in Jahren wie 2009 oder 2020 Rekorddefizite (<a href=\"https:\/\/fred.stlouisfed.org\/series\/FYFSGDA188S\">von 10% bzw. 15% des BIPs<\/a>) mit <a href=\"https:\/\/fred.stlouisfed.org\/series\/GS10\">Zinsen von 1% bis 3%<\/a> einhergingen.<\/p>\n<h4><strong>Kostenrisiken von Schulden<\/strong><\/h4>\n<p>Wenn Defizit und Schuldenquote wenig \u00fcber die tats\u00e4chlichen Kosten der Bundesschuld aussagen, k\u00f6nnen sie uns dann wenigstens \u00fcber deren Kostenrisiken informieren? Insbesondere: k\u00f6nnen uns die Defizit- und Schuldenquoten dabei helfen, die haush\u00e4lterischen Auswirkungen bzw. die Wahrscheinlichkeit von Zinsver\u00e4nderungen besser zu verstehen?<\/p>\n<p>Auf den ersten Blick ja: Ceteris paribus f\u00fchrt ein gr\u00f6\u00dferes Defizit zu h\u00f6heren Zinsen. Und bei einem hohen Schuldenstand hat ein Zinsanstieg tendenziell einen gr\u00f6\u00dferen Effekt auf die Zinskosten, als wenn der Schuldenstand niedrig ist.<\/p>\n<p>Doch auf den zweiten Blick ist auch hier Vorsicht geraten. Ceteris paribus ist eine vereinfachende Annahme, die in der Realit\u00e4t nie der Fall ist. In den letzten Jahren hat sich gezeigt: Gerade in unsicheren Zeiten, in denen tendenziell h\u00f6here Haushaltsdefizite gemacht werden, fallen die Zinsen auf deutsche Staatsanleihen, anstatt zu steigen, da diese als sicherer Hafen gelten. W\u00e4hrend die Rendite auf 10-J\u00e4hrige Bundesanleihen im Januar 2020 zum Beispiel <a href=\"https:\/\/www.bundesbank.de\/de\/statistiken\/geld-und-kapitalmaerkte\/zinssaetze-und-renditen\/taegliche-renditen-der-jeweils-juengsten-bundeswertpapiere-772218\">noch bei circa -0,3% stand, war sie im Dezember 2020 auf -0,6% gefallen<\/a>.<\/p>\n<p>Und was den Schuldenstand angeht, so z\u00e4hlt nicht die absolute Schuldenquote, sondern der Anteil der Bundesschuld, der in den kommenden Jahren zur Refinanzierung ansteht. Denn nur auf diesen Anteil werden die \u201eneuen\u201c Zinsen f\u00e4llig. Der Rest der Bundesschuld l\u00e4uft, auch wenn die Renditen am Markt sich ge\u00e4ndert haben, zu den Zinskosten weiter, zu denen die urspr\u00fcnglichen Anleihen ausgegeben wurden. Wo nur ein geringes Volumen pro Jahr f\u00e4llig wird, w\u00fcrde ein Zinsanstieg auch bei einem hohen Schuldenstand nur einen geringen Effekt auf den Haushalt haben.<\/p>\n<h4><strong>Die bessere Alternative: Zinskosten<\/strong><\/h4>\n<p>Wir pl\u00e4dieren also daf\u00fcr, von Schuldenquote und Defizit als Kennzahlen f\u00fcr die Kosten deutscher Staatsschulden Abstand zu nehmen. <a href=\"http:\/\/www.dezernatzukunft.de\/zinsquoten-statt-schuldenquoten\/\">Anstatt dessen halten wir einen direkten Blick auf <strong>Zinskosten als Prozent des Haushalts<\/strong> f\u00fcr produktiver<\/a>. Dies sagt direkt aus, wie viel Druck auf andere Ausgabekategorien \u2014 z.B. Investitionen, Rentenzusch\u00fcsse, oder Bildungsausgaben \u2014 durch Staatsschulden verursacht wird. Durch diese Metrik betrachtet wird schnell klar, dass die Kosten unserer Schulden heute auf einem historischen Tiefpunkt liegen (siehe Abbildung).<\/p>\n<h4><strong>Time after time<\/strong><\/h4>\n<p>Aber: Nobody is perfect. Auch dieser Indikator hat eine Schw\u00e4che. Er hat lediglich die heutige Lage im Blick, die zeitliche Dimension von Zinsen (und Tilgung) l\u00e4sst er au\u00dfen vor. Dabei werden Bundesanleihen erst \u00fcber einen gewissen Zeitraum zur\u00fcckgezahlt oder refinanziert, oft nach zehn Jahren, teils erst nach drei\u00dfig.<\/p>\n<p>Ob die reale Last der Schulden zu diesem Zeitpunkt noch genauso hoch ist wie heute, h\u00e4ngt dabei von Faktoren wie dem BIP-Wachstum, der Inflation und der Zinsentwicklung ab.<\/p>\n<p>Wenn sich z.B. das BIP zwischen Ausgabe und R\u00fcckzahlung einer Anleihe verdoppelt,<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\"><sup>[4]<\/sup><\/a> Zinsen und Inflation aber bei 0% bleiben, dann muss der Bund, gemessen am BIP, am F\u00e4lligkeitstag nur die H\u00e4lfte zur\u00fcckzahlen. F\u00fcr die Tilgung von Anleihen, die zum Ausgabezeitpunkt 3% des BIPs entsprachen, br\u00e4uchte der Bund dann zum R\u00fcckzahlungszeitpunkt nur Einnahmen in H\u00f6he von 1,5% des (dann doppelt so gro\u00dfen) BIPs. Die zuk\u00fcnftige Last der heutigen Schulden w\u00e4re dann deutlich geringer als sie heute auf den ersten Blick scheinen w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Um diese Faktoren miteinzubeziehen ist jedoch ein bisschen mehr Mathematik erforderlich, als diesem Dezernatsbrief gut stehen w\u00fcrde. Daher seien neugierige LeserInnen auf unser <a href=\"http:\/\/www.dezernatzukunft.de\/policy-brief-was-kosten-unsere-schulden\/\">neuestes Papier<\/a> verwiesen, das sich genau diesem Thema widmet. Dort empfehlen wir den <strong>Gegenwartswert<\/strong> von Staatsanleihen als n\u00fctzlichen Indikator.<\/p>\n<p>Was so sichtbar wird: bei einer um die Zeitdimension erweiterten Betrachtung erh\u00e4lt Deutschland heute nicht nur 3% geschenkt (wie bei der Auktion letzte Woche geschehen), sondern, falls Zinsen und Inflation circa bei ihren heutigen Werten bleiben, knapp 20%. So betrachtet erscheint die Kosten-Nutzen Abw\u00e4gung in Sachen Staatsschulden in einem neuen Licht.<\/p>\n<p>Abschlie\u00dfend sei dabei gesagt, dass auch diese Indikatoren (alleine genommen) keine abschlie\u00dfende Beurteilung \u00fcber die Kosten und Risiken von Staatsschulden geben k\u00f6nnen. Um zum Beispiel die direkten Konsequenzen h\u00f6herer Zinsen auf den Haushalt abzusch\u00e4tzen \u2014 sprich die Schwere des Zins\u00e4nderungsrisikos \u2014 muss ein Blick darauf geworfen werden, welcher Anteil des ausstehenden Portfolios im kommenden Jahr f\u00e4llig wird. Um zu verstehen, was h\u00f6here oder niedrigere Staatsschulden f\u00fcr Ungleichheit oder internationale Kapitalfl\u00fcsse bedeuten, muss \u2014 neben vielen anderen Dingen \u2014 die Halterstruktur deutscher Anleihen bekannt sein. Das Inflationsrisiko, welches mit neuen Schulden einhergehen kann, erfordert wiederum eine gesamtwirtschaftliche Betrachtungsweise, und kann selbst dann (beim heutigen Stand der Forschung) nur sehr grob gesch\u00e4tzt werden.<\/p>\n<p>Ebenso wenig wie man also von anderen Einzelindikatoren ein holistisches Bild erwarten kann, kann man es von der Zinsquote und dem Gegenwartswert erwarten. Auch wenn diese zwei Schritte in die richtige Richtung darstellen gilt: Um einer zweckorientierten Finanzpolitik zu dienen, m\u00fcssen Staatsschulden deutlich differenzierter betrachtet werden als dies heute der Fall ist.<\/p>\n<hr>\n<h4><strong> Fu\u00dfnoten <\/strong><\/h4>\n<p><a href=\"http:\/\/www.dezernatzukunft.de\/finanzakrobat-bundeshaushalt\/#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">1<\/a> Datengrundlage: IWF Government Finance Statistics database: <a href=\"https:\/\/data.imf.org\/?sk=a0867067-d23c-4ebc-ad23-d3b015045405\">https:\/\/data.imf.org\/?sk=a0867067-d23c-4ebc-ad23-d3b015045405<\/a><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.dezernatzukunft.de\/finanzakrobat-bundeshaushalt\/#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">2<\/a> Am Ende der Laufzeit einer Anleihe wird zwar zus\u00e4tzlich ihre Tilgung f\u00e4llig. Doch diese wird in der Regel durch die Ausgabe neuer Staatsanleihen finanziert, so dass es hier zwar Zahlungsstr\u00f6me aber keine zus\u00e4tzlichen Kosten gibt, au\u00dfer den bereits oben erw\u00e4hnten Zinskosten. Diese k\u00f6nnen nach einer Refinanzierung nat\u00fcrlich h\u00f6her oder niedriger sein, in Abh\u00e4ngigkeit von dem Zinssatz, zu dem die Anschlussanleihe ausgegeben wird mit der die Tilgung der auslaufenden Anleihe finanziert wird.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.dezernatzukunft.de\/finanzakrobat-bundeshaushalt\/#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">3<\/a> Im ersten Papier zu diesem Datensatz,<a href=\"https:\/\/scholar.harvard.edu\/files\/rogoff\/files\/growth_in_time_debt_aer.pdf\"> Reinhart &amp; Rogoff 2010<\/a>, wurde noch von einem Schwellenwert von 90% des BIPs gesprochen, ab dem die Staatsverschuldung das Wachstum schlagartig ausbremse. Dieser Schwellenwert hat sich als falsch herausgestellt und verschwand, nachdem<a href=\"https:\/\/www.nybooks.com\/articles\/2013\/06\/06\/how-case-austerity-has-crumbled\/?pagination=false\"> einige Methodenfehler<\/a> korrigiert waren.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.dezernatzukunft.de\/finanzakrobat-bundeshaushalt\/#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">4<\/a> Bei 30-j\u00e4hrigen Anleihen ein durchaus realistisches Szenario: Bei 2% Wachstum (pro Jahr) hat sich nach 35 Jahren das BIP verdoppelt.<\/p>\n<p class=\"executivesum\" style=\"border-left: 8px solid #ee6174; text-align: center;\"><em>Der <strong>Dezernatsbrief<\/strong> ist ein zweiw\u00f6chentlicher Kommentar zu aktuellen Fragen der deutschen und europ\u00e4ischen \u00d6konomie. \u00dcber Feedback und Anregungen freuen wir uns und erbitten deren Zusendung an info[at]dezernatzukunft.org<\/em><\/p>\n<\/div>\n<hr>\n\n\n<p><strong>Dar\u00fcber hinaus:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\"><li>Haben wir unsere <a href=\"https:\/\/dezernatzukunft.us18.list-manage.com\/track\/click?u=e80f99448e2133d2d0099e4cb&amp;id=e833ccd920&amp;e=d24e0606f6\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">neue Webseite<\/a> gelaunched; wir freuen uns \u00fcber jegliches <a href=\"mailto:info@dezernatzukunft.org?subject=Feedback%20Webseite\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Feedback<\/a>.<\/li><li>Bietet unser <a href=\"https:\/\/dezernatzukunft.us18.list-manage.com\/track\/click?u=e80f99448e2133d2d0099e4cb&amp;id=1fdc82f789&amp;e=d24e0606f6\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Schuldenbremse 101<\/a> einen \u00dcberblick zu allen relevanten und technischen Begriffen.<\/li><li>Skizziert Ren\u00e9 Gei\u00dfler ein <a href=\"https:\/\/dezernatzukunft.us18.list-manage.com\/track\/click?u=e80f99448e2133d2d0099e4cb&amp;id=fc281099f6&amp;e=d24e0606f6\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">kommunales Investitionsprogramm f\u00fcr das n\u00e4chste Jahrzehnt<\/a>.<\/li><\/ul>\n\n\n\n<p><strong>F\u00fcr den Ausblick:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\"><li>Am 19.04. diskutiert Philippa bei der <a href=\"https:\/\/dezernatzukunft.us18.list-manage.com\/track\/click?u=e80f99448e2133d2d0099e4cb&amp;id=bd347524b7&amp;e=d24e0606f6\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">digitalen Europaserie der Hans Boeckler Stiftung<\/a> zum Thema &#8220;Vereinigte Staaten von Europa&#8221;.<\/li><li>Sind wir Partner des diesj\u00e4hrigen <a href=\"https:\/\/dezernatzukunft.us18.list-manage.com\/track\/click?u=e80f99448e2133d2d0099e4cb&amp;id=e008ea80af&amp;e=d24e0606f6\">Tag der Progressiven Wirtschaftspolitik<\/a> der Friedrich Ebert Stiftung, mit der wir am 29.4. ein Panel zu&nbsp;sozial-\u00f6kologischer Transformation und Vollbesch\u00e4ftigung organisieren.<\/li><li>Dar\u00fcber hinaus findet ebenfalls am <a href=\"https:\/\/dezernatzukunft.us18.list-manage.com\/track\/click?u=e80f99448e2133d2d0099e4cb&amp;id=9b94ce86d3&amp;e=d24e0606f6\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">29. April ab 19 Uhr unser Stammtisch<\/a> statt. Mit unserem Gast Julia Friedrichs sprechen wir \u00fcber ihr Buch &#8220;Working Class&#8221; und den Wert der Arbeit.<\/li><\/ul>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In diesem Dezernatsbrief widmen wir uns einer nur scheinbar einfachen Frage: Was kosten uns eigentlich unsere Schulden? Wir zeigen, dass die beiden klassischen Schuldenindikatoren \u2014 die Defizit- und die Schuldenquote \u2014 diesbez\u00fcglich aussageschwach sind: Sie werfen nur wenig Licht auf die tats\u00e4chlichen Kosten. 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