{"id":8685,"date":"2020-06-16T18:00:51","date_gmt":"2020-06-16T16:00:51","guid":{"rendered":"https:\/\/dezernat-zukunft.org\/?p=8685"},"modified":"2022-05-30T19:58:23","modified_gmt":"2022-05-30T17:58:23","slug":"14-ideen-fur-die-zeit-nach-corona-teil-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dezernatzukunft.org\/en\/14-ideen-fur-die-zeit-nach-corona-teil-2\/","title":{"rendered":"14 Ideen f\u00fcr die Zeit nach Corona: Teil 2"},"content":{"rendered":"\n<p style=\"font-size:12px\"><strong><a href=\"mailto:info@dezernatzukunft.org\" data-type=\"mailto\" data-id=\"mailto:info@dezernatzukunft.org\">DEZERNAT ZUKUNFT<\/a><\/strong><\/p>\n\n\n<p><em>Teil 1 der \u00dcbersetzung finden Sie <a href=\"http:\/\/www.dezernatzukunft.de\/14-ideen-fuer-die-zeit-nach-corona-teil-1\/\">hier<\/a><\/em><\/p>\n<div class=\"executivesum\" style=\"border-left: 8px solid #ee6174;\">\n<p>Im zweiten Teil der deutschen \u00dcbersetzung pr\u00e4sentieren wir vier Vorschl\u00e4ge, wie man das Zentralbankwesen in Europa demokratischer gestalten k\u00f6nnte:<\/p>\n<ol>\n<li>Das Sekund\u00e4r-Mandat der EZB st\u00e4rken<\/li>\n<li>Preisstabilit\u00e4t neu definieren<\/li>\n<li>Der Geldpolitik neuen Schub verleihen<\/li>\n<li>Vertrags\u00e4nderungen f\u00fcr eine demokratisch legitimierte Geldpolitik<\/li>\n<\/ol>\n<\/div>\n<h4>1. Das Sekund\u00e4r-Mandat der EZB st\u00e4rken<\/h4>\n<p>Rasche und gezielte Interventionen der Europ\u00e4ischen Zentralbank (EZB) haben zu Beginn der aktuellen Krise eine Panik auf den Finanzm\u00e4rkten verhindert. Damit wurde eine Kreditklemme abgewendet und ein m\u00f6glicher finanzieller Fl\u00e4chenbrand im Keim erstickt. Doch trotz ihrer erfolgreichen Finanzbrandbek\u00e4mpfung ber\u00fccksichtigte und ber\u00fccksichtigt die Geldpolitik der EZB nicht ausreichend die sozialen und \u00f6kologischen Krisen, denen Europa und die Welt im Moment ausgesetzt sind. Denn in ihrem <a href=\"https:\/\/eur-lex.europa.eu\/legal-content\/DE\/TXT\/HTML\/?uri=CELEX:12008E127&amp;from=EN\">Mandat<\/a> ist die EZB neben der Preisniveaustabilit\u00e4t dazu verpflichtet, die \u201eallgemeine Wirtschaftspolitik der Union\u201c zu unterst\u00fctzen und \u201ezur Verwirklichung der in <a href=\"https:\/\/eur-lex.europa.eu\/legal-content\/DE\/TXT\/HTML\/?uri=CELEX:12008M003\">Artikel 3<\/a> des Vertrags \u00fcber die Europ\u00e4ische Union festgelegten Ziele der Union beizutragen\u201c. Dies tut sie bisher kaum.<\/p>\n<p>Um die EZB anzuregen, diese Teile ihres Mandates ernster zu nehmen, w\u00e4re es den Institutionen der Eurozone sowie der EU m\u00f6glich, die \u201eallgemeine Wirtschaftspolitik der Union\u201c klarer zu definieren sowie die verschiedenen Ziele aus Artikel 3 zu priorisieren. Bisher wurde von dieser M\u00f6glichkeit nicht Gebrauch gemacht. Dabei k\u00f6nnte eine solche Konkretisierung einen gro\u00dfen Beitrag zur Demokratisierung von Zentralbankpolitik leisten, indem der EZB klarer gesagt wird, was laut ihrem Mandat von ihr erwartet wird.<\/p>\n<p>Die Eurozone k\u00f6nnte einen offenen und regelm\u00e4\u00dfig stattfindenden Prozess auf h\u00f6chster politischer Ebene einleiten, um eine solche Konkretisierung vorzunehmen. Art. 11 (AEUV) verlangt bereits jetzt, dass s\u00e4mtliche Politik der Union den Umweltschutz im Blick beh\u00e4lt. Eine weitere Pr\u00e4zisierung dessen, was Umweltschutz in Bezug auf das Portfolio der Zentralbank \u2013 das wesentlich gr\u00f6\u00dfer ist als Zinspolitik \u2013 bedeutet, st\u00fcnde daher klar im Einklang mit dem Geist der Vertr\u00e4ge.<\/p>\n<p>Obgleich dieser Vorschlag vor allem auf die Konkretisierung des Sekund\u00e4rmandates als demokratischen Prozess abzielt, k\u00f6nnte ein erster Schritt seiner Umsetzung darin bestehen, die EZB zur Unterst\u00fctzung einer Europ\u00e4ischen Investitionsbeh\u00f6rde, z.B. der EIB oder einer neuen Institution nach dem Vorbild der US-Amerikanischen <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Reconstruction_Finance_Corporation\">Reconstruction Finance Corporation<\/a> aus dem New Deal, zu verpflichten. Konkret w\u00fcrde dies bedeuten, dass die EZB die Anleihen einer solchen Institution als Sicherheiten annimmt, gegen die sich Banken bei der EZB Geld leihen k\u00f6nnten, um die Institution so vom Druck privater Marktakteure wie Rating-Agenturen oder Investoren abzuschirmen. Dies erfordert keine K\u00e4ufe auf dem Prim\u00e4rmarkt, sondern lediglich das Aufrechthalten einer Zinsobergrenze auf dem Sekund\u00e4rmarkt.<\/p>\n<p>Dar\u00fcber hinaus sollte die EZB den <a href=\"https:\/\/www.tandfonline.com\/doi\/full\/10.1080\/13563467.2019.1657077\">Mythos der Marktneutralit\u00e4t<\/a> aufgeben und die Umsetzung der Geldpolitik so ausrichten, dass nachhaltige Investitionen gef\u00f6rdert werden. So k\u00f6nnte sie ihre Wertpapierk\u00e4ufe und bestehende Portfolios \u201evergr\u00fcnen\u201c, <a href=\"https:\/\/www.positivemoney.eu\/2020\/09\/green-tltros\/\">gr\u00fcne TLTROs<\/a> vergeben und, sobald die Taxonomie der Europ\u00e4ischen Kommission zur nachhaltigen Finanzwirtschaft um eine negativ Liste erweitert wurde, klimasch\u00e4dliche Investitionen als h\u00f6her- oder Hochrisikopositionen beurteilen.<\/p>\n<h4>2. Preisstabilit\u00e4t neu definieren<\/h4>\n<p>Die von der Corona-Pandemie verursachte Unsicherheit auf den Geld- und Kapitalm\u00e4rkten hat zu immensen Zentralbankenank\u00e4ufen und anderen Interventionen auf ebendiesen gef\u00fchrt. W\u00e4hrend an bestimmten Instrumenten quantitative und qualitative \u00c4nderungen vorgenommen wurden, haben die Zentralbanken dabei im Gro\u00dfen und Ganzen \u201edas Drehbuch von 2008\u201c angewandt. Doch genau dieses Drehbuch hat dazu beigetragen, im Laufe des letzten Jahrzehnts die Verschuldung im Finanzsystem insgesamt zu erh\u00f6hen und Klima- und Ungleichheitsrisiken zu versch\u00e4rfen, weil Zentralbanken diesen Aspekten nur wenig Bedeutung beima\u00dfen.<\/p>\n<p>Ein Weg, diese Probleme ohne Vertrags\u00e4nderung anzugehen, ist der folgende: der Maastricht-Vertrag verpflichtet die Europ\u00e4ische Zentralbank, Preisstabilit\u00e4t in der gesamten Eurozone zu erreichen. Zu definieren, was dies in der Praxis bedeutet, bleibt allerdings der Zentralbank selbst \u00fcberlassen. Zur Zeit interpretiert die EZB Preisstabilit\u00e4t als einen j\u00e4hrlichen Anstieg des <a href=\"https:\/\/ec.europa.eu\/eurostat\/de\/web\/hicp\">Harmonisierten Verbraucherpreisindex<\/a> (HVPI) von nahe, aber unter zwei Prozent. Die EZB kann und sollte diese Festlegung \u2014 die sie selber einf\u00fchrte \u2014 grunds\u00e4tzlich \u00fcberdenken, um eine einschneidende Austerit\u00e4tspolitik in Europa zu verhindern, die Verteuerung klimasch\u00e4dlicher Produkte zuzulassen und Einkommensungleichheiten zu bek\u00e4mpfen.<\/p>\n<p>Neben Steuern, Wachstum und der Monetarisierung von Staatsschulden ist eine moderat h\u00f6here Inflation z.B. eine effektive M\u00f6glichkeit, um \u00f6ffentliche Schuldenlast nach dem Ende Corona-Krise zu reduzieren. Auch wenn Verm\u00f6genssteuern, der Kampf gegen Steuerhinterziehung oder der Aufkauf von Staatsanleihen vern\u00fcnftige Instrumente sind, so w\u00e4re es naiv anzunehmen, dass solche Ma\u00dfnahmen im notwendigen Umfang und in vertretbarer Zeit umgesetzt werden. Dar\u00fcber hinaus kann die Verwendung eines durchschnittlichen Inflationsziels langfristig das Produktivit\u00e4tswachstum erh\u00f6hen ohne Preisstabilit\u00e4t zu gef\u00e4hrden, indem ein verfr\u00fchtes Anheben der Zinsen wie im Jahr 2011 verhindert wird.<\/p>\n<p>Weiterhin ber\u00fccksichtigt der HVPI in seiner aktuellen Version nicht den \u00f6kologischen Fu\u00dfabdruck seiner G\u00fcter. Angesichts der Tatsache, dass h\u00f6here Preise f\u00fcr umweltsch\u00e4dliche Produkte und Dienstleistungen wie Benzin, Flugreisen oder Fleisch w\u00fcnschenswert sind, d\u00fcrfte eine \u00d6kologisierung des HVPI das Preisstabilit\u00e4tsmandat entsch\u00e4rfen und es gleichzeitig besser mit dem sekund\u00e4ren Ziel der EZB in Einklang bringen. Dabei ist es wichtig mit anderen Mitteln sicherzustellen, dass die zu erwartende Verteuerung des Lebens im l\u00e4ndlichen Raum sowie f\u00fcr \u00e4rmere Haushalte abgefedert wird.<\/p>\n<p>Mit Blick auf die St\u00e4rkung der Einkommen privater Haushalte und ihrer k\u00fcnftigen wirtschaftlichen Resilienz erscheint es au\u00dferdem sinnvoll, neben oder anstatt der Verbraucherpreise eine Lohnsummenuntergrenze in Betracht zu ziehen \u2013 im Einklang mit <a href=\"https:\/\/www.epi.org\/blog\/wage-growth-targets-are-good-economics-if-you-get-the-details-right-epi-macroeconomics-newsletter\/\">derartigen Vorschl\u00e4gen aus den USA<\/a>.<\/p>\n<h4>3. Der Geldpolitik neuen Schub verleihen<\/h4>\n<p>Staatliche Notfallkreditprogramme geh\u00f6rten zu den wichtigsten Instrumenten zur Unterst\u00fctzung kleiner und mittlerer Unternehmen w\u00e4hrend der Corona-Krise. Beispiele sind das <a href=\"https:\/\/www.sba.gov\/funding-programs\/loans\/coronavirus-relief-options\/paycheck-protection-program#:~:text=The%20Paycheck%20Protection%20Program%20is,more%20about%20PPP%20loan%20forgiveness.\">PPP<\/a> in den USA, <a href=\"https:\/\/www.gov.uk\/guidance\/apply-for-the-coronavirus-business-interruption-loan-scheme\">CBILS<\/a> im Vereinigten K\u00f6nigreich, KfW-garantierte Darlehen in Deutschland oder BPI-gesicherte Kredite in Frankreich. Doch obwohl die meisten Staaten schnell dazu \u00fcbergingen, 100% der f\u00f6rderf\u00e4higen Kredite zu garantieren, blieben die Banken bei der Darlehensvergabe oft z\u00f6gerlich.<\/p>\n<p>\u00c4hnliche Probleme w\u00e4hrend der Finanzkrise ab 2008 wurden durch gezielte l\u00e4ngerfristige Refinanzierungsprogramme (<a href=\"https:\/\/www.ecb.europa.eu\/mopo\/implement\/omo\/tltro\/html\/index.en.html\">TLTROs<\/a>) in der Eurozone und das Funding for Lending Scheme (<a href=\"https:\/\/www.bbc.com\/news\/business-18460302\">FLS<\/a>) in Gro\u00dfbritannien adressiert. Diese Programme machten die Bereitstellung von frischem Geld f\u00fcr Banken davon abh\u00e4ngig, wie aktiv sich diese in der Kreditvergabe zeigten. Dieser Ansatz erzielte seine Wirkung, aber er st\u00fctzt sich auf die Funktion von Banken als (offensichtlich fehleranf\u00e4lligen) Treibern monet\u00e4rer Transmission. Aus diesem Grund konnten Kreditklemmen im M\u00e4rz und April 2020 nicht g\u00e4nzlich verhindert werden.<\/p>\n<p>Eine m\u00f6gliche L\u00f6sung dieses Problems f\u00fcr die Zeit nach Corona k\u00f6nnte wie folgt aussehen. Die EZB und andere Zentralbanken stellen allen interessierten B\u00fcrger:innen, Einwohner:innen, Unternehmen und Gebietsk\u00f6rperschaften (z.B. Kommunen) ein einfaches Einlagenkonto zur Verf\u00fcgung, das analog zu normalen Bankkonten bei Gesch\u00e4ftsbanken funktioniert. Bedenken hinsichtlich des Datenschutzes k\u00f6nnen durch geeignetes Design und sichere Datenspeicherung gel\u00f6st werden. Zusammen mit einer App und Debitkarten, die Zahlungen auf und \u00dcberweisungen von diesen Konten erm\u00f6glicht, w\u00e4re dies ein Schritt in Richtung einer universell zug\u00e4nglichen, digitalen Zentralbankw\u00e4hrung (CBDC).<\/p>\n<p>In der Krise kann diese Infrastruktur genutzt werden, um Unternehmen und Haushalten direkt Mittel bereitzustellen, ohne dabei auf Banken als Vermittler angewiesen zu sein. Obwohl eine direkte Vergabe von Krediten durch die Zentralbank \u2013 eine technisch anspruchsvollere Aufgabe \u2013 in gro\u00dfem Umfang und in normalen Zeiten nicht realistisch ist, k\u00f6nnte diese Infrastruktur kurzfristig zur Notfallkaufkraftunterst\u00fctzung eingesetzt werden. Umgekehrt k\u00f6nnten bei einer Straffung der Geldpolitik die Zinss\u00e4tze f\u00fcr diese Konten erh\u00f6ht werden, um das Sparen gegen\u00fcber dem Konsum zu f\u00f6rdern, ohne dass die Gefahr besteht, dass h\u00f6here Zinss\u00e4tze nicht an die Sparer weitergegeben werden.<\/p>\n<p>Dieser Vorschlag w\u00fcrde nicht nur die Transmission der Geldpolitik verbessern, sondern auch die Stabilit\u00e4t und Widerstandsf\u00e4higkeit des Zahlungssystems erh\u00f6hen. Denn Haushalte und nichtfinanzielle Unternehmen w\u00e4ren nicht l\u00e4nger exklusiv auf Gesch\u00e4ftsbanken als Liquidit\u00e4tsversorger und Zahlungsabwickler angewiesen. In k\u00fcnftigen Krisen, \u00e4hnlich der Covid-19-Pandemie oder der Finanzkrise von 2008, k\u00f6nnten dann gro\u00dfe Teile des Zahlungssystems isoliert und ihre Funktionsf\u00e4higkeit erhalten werden, ohne dass daf\u00fcr zwangsl\u00e4ufig insolvente Banken gerettet werden m\u00fcssten.<\/p>\n<h4>4. Vertrags\u00e4nderungen f\u00fcr eine demokratisch legitimierte Geldpolitik<\/h4>\n<p>Zu Beginn der Corona-Krise zeigte sich die Europ\u00e4ische Zentralbank f\u00e4hig und entschlossen schnell zu handeln um Finanzm\u00e4rkte zu stabilisieren, insbesondere den Markt f\u00fcr Staatsanleihen. Als rechtlich unabh\u00e4ngige Institution war sie in der Lage, schneller zu reagieren als die anderen, durch mehr oder weniger demokratische Entscheidungsprozesse bestimmten EU-Institution. Doch bleibt Geldpolitik von Natur aus politisch und hat eine elementare, verteilungs- und machtpolitische Wirkung, wie das <a href=\"https:\/\/www.bundesverfassungsgericht.de\/SharedDocs\/Entscheidungen\/DE\/2020\/05\/rs20200505_2bvr085915.html\">PSPP Urteil des Bundesverfassungsgerichts aus dem Mai 2020<\/a> verdeutlichte. Es ist daher problematisch, dass die EZB <a href=\"https:\/\/eur-lex.europa.eu\/legal-content\/DE\/TXT\/HTML\/?uri=CELEX:12016E130&amp;from=EN\">keinem gew\u00e4hlten oder anderweitig direkt demokratisch legitimierten Organ gegen\u00fcber rechenschaftspflichtig ist<\/a>.<\/p>\n<p>Nach Corona k\u00f6nnten \u00fcber eine Vertrags\u00e4nderung drei Reformen eingef\u00fchrt werden, um dieses Demokratiedefizit zu beheben, ohne die operative und technische Expertise, die die EZB in den letzten Jahrzehnten aufgebaut hat, zu schm\u00e4lern.<\/p>\n<p>Erstens k\u00f6nnte das Mandat der EZB mit einer Verfallsdatumsklausel versehen werden, laut der das jeweilige Mandat nach zehn Jahren automatisch ausl\u00e4uft. Zwar sind schriftliche Mandate entscheidend, um operationelle Unabh\u00e4ngigkeit mit demokratischer Legitimit\u00e4t zu verbinden. Aber die Zeiten \u00e4ndern sich, Volkswirtschaften wandeln sich, und schriftliche Mandate werden im Laufe der Zeit von Expert:innen und Richtern neu ausgelegt. Infolgedessen ist es nicht \u00fcberraschend, dass sich das de facto geltende Mandat im Laufe der Zeit von dem Mandat entfernt, das sich der Souver\u00e4n der Zentralbank \u2014 sprich die Bev\u00f6lkerung \u2014 w\u00fcnscht. Gegenw\u00e4rtig erfordert eine \u00c4nderung des EZB-Mandats die Zustimmung von 68 verschiedenen politischen Organen, darunter alle Mitgliedstaaten der W\u00e4hrungsunion. Angesichts der teils widerstreitenden Interessen dieser L\u00e4nder wird eine Vertrags\u00e4nderung nur schwer zu erreichen sein. Eine Verfallsklausel w\u00fcrde die M\u00f6glichkeit bieten, einmal pro Jahrzehnt dar\u00fcber zu beraten, ob das bestehende Mandat nach wie vor gew\u00fcnscht ist.<\/p>\n<p>Zweitens sind nicht nur die im Mandat der EZB festgeschriebenen Ziele der Geldpolitik politisch, sondern auch ihre Instrumente. Der Werkzeugkasten der EZB, einschlie\u00dflich ihrer operationellen Ziele und der Vorgaben, wie sie erreicht werden sollen, ist formbarer als das Mandat und k\u00f6nnte in einem F\u00fcnfjahresrhythmus \u00fcberpr\u00fcft werden. Da die Zentralbank weiterhin in der Lage sein muss, schnell auf Krisen zu reagieren, muss sie weiterhin neue Instrumente einf\u00fchren d\u00fcrfen, wenn dies angebracht erscheint. Diese k\u00f6nnten jedoch ein Verfallsdatum besitzen, das zwei Jahre nach ihrer ersten Einf\u00fchrung eintritt, sofern sie nicht innerhalb dieses Zeitraums ratifiziert wurden.<\/p>\n<p>Drittens muss die \u00dcberarbeitung sowohl des Mandats als auch des Instrumentariums von einem Gremium \u00fcberwacht werden. Zu diesem Zweck k\u00f6nnte ein Europarlament geschaffen, gew\u00e4hlt oder nach dem Lotterieprinzip ausgew\u00e4hlt werden, entweder aus dem Volk selbst oder aus den Reihen der nationalen Parlamentarier. Dieses Parlament, das von einem Beamtenapparat unterst\u00fctzt werden m\u00fcsste, der den Parlamentariern fachlichen Input liefern w\u00fcrde, w\u00fcrde die Eurogruppe ersetzen, den EZB-Rat ernennen sowie die zehn- bzw. f\u00fcnfj\u00e4hrigen Revisionen des EZB-Mandats und des Toolkits durchf\u00fchren. Es k\u00f6nnte auch den Platz der Eurogruppe in Entscheidungen \u00fcber Memoranden, Vertr\u00e4ge, Rettungsaktionen und Bail-Ins einnehmen. Um sicherzustellen, dass ein Europarlament alle Europ\u00e4er:innen vertritt, k\u00f6nnten bei der Auswahl seiner Mitglieder Quotenregelungen angewandt werden.<\/p>\n<hr>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>DEZERNAT ZUKUNFT Teil 1 der \u00dcbersetzung finden Sie hier Im zweiten Teil der deutschen \u00dcbersetzung pr\u00e4sentieren wir vier Vorschl\u00e4ge, wie man das Zentralbankwesen in Europa demokratischer gestalten k\u00f6nnte: Das Sekund\u00e4r-Mandat der EZB st\u00e4rken Preisstabilit\u00e4t neu definieren Der Geldpolitik neuen Schub verleihen Vertrags\u00e4nderungen f\u00fcr eine demokratisch legitimierte Geldpolitik 1. 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