{"id":8635,"date":"2020-06-21T12:01:50","date_gmt":"2020-06-21T10:01:50","guid":{"rendered":"https:\/\/dezernat-zukunft.org\/?p=8635"},"modified":"2022-05-30T23:08:44","modified_gmt":"2022-05-30T21:08:44","slug":"stark-in-den-kulturkampf-die-geldpolitische-debatte-hat-einen-anderen-ton-verdient","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dezernatzukunft.org\/en\/stark-in-den-kulturkampf-die-geldpolitische-debatte-hat-einen-anderen-ton-verdient\/","title":{"rendered":"Stark in den Kulturkampf: die geldpolitische Debatte hat einen anderen Ton verdient"},"content":{"rendered":"\n<p style=\"font-size:12px\"><strong>FLORIAN KERN<\/strong><\/p>\n\n\n<p>Die <em>Welt<\/em> ver\u00f6ffentlichte am 20. Juni einen <a href=\"https:\/\/www.welt.de\/wirtschaft\/article209926391\/Ex-Chefvolkswirt-Stark-wirft-EZB-offene-Staatsfinanzierung-vor.html\">Brandbrief dreier deutscher \u00d6konomen<\/a> gegen die Politik und die Leitlinien der Europ\u00e4ischen Zentralbank. Doch dieser Brandbrief ist eher Symptom eines f\u00fcr unsere Zeit typischen Kulturkampfes als eine an offenem Diskurs interessierte Kritik. Unsere \u00f6ffentliche Debatte hat einen anderen Ton verdient.<\/p>\n<p>J\u00fcrgen Stark, Thomas Mayer und Gunther Schnabl werfen der EZB in aggressivem Ton \u201eunverhohlene Industriepolitik\u201c und \u201everbotene Staatsfinanzierung\u201c vor. F\u00fcr eine unabh\u00e4ngige Zentralbank gibt es keinen schlimmeren Vorwurf, als den ihr gesetzlich vorgeschriebenen Rahmen zu verlassen und willk\u00fcrlich zu agieren. Wie kommen die Autoren zu diesem Schluss?<\/p>\n<p>Stark &amp; Co bauen einen Vergleich auf zwischen der EZB heute und einem Idealtyp der Bundesbank der 90er Jahre.<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a> Der letztere ist dabei der Ma\u00dfstab alles Hehren und Guten. Im Vergleich sei die heutige EZB auf Irrwegen unterwegs. Sp\u00e4testens seit die fr\u00fcher von Stark hoch beschworene monet\u00e4re- oder Geldmengenanalyse kaum mehr in Politikempfehlungen einflie\u00dft, w\u00fcrde die EZB \u201edirekt in die nationalen Wirtschaftspolitiken\u201c eingreifen.<\/p>\n<p><strong>Geldmengenanalyse resurrexit?<\/strong><\/p>\n<p>Wenn das Mandat der Zentralbank aber Preisstabilit\u00e4t lautet, warum soll die Geldmenge dann \u00fcberhaupt f\u00fcr die Inflationssteuerung relevant sein? Der theoretische Hintergrund ist die sogenannten Quantit\u00e4tsgleichung des Geldes. Nach ihr entspricht die preisgewichtete (Y) Wirtschaftsleistung (P) dem Produkt aus Geldmenge (M) und der sogenannten Umlaufgeschwindigkeit (V) \u2013 ausgeschrieben: Y * P=M * V.<\/p>\n<p>Die Quantit\u00e4tsgleichung des Geldes ist dabei kein Ergebnis empirischer Wissenschaft, sondern ist per Definition immer richtig. Wenn also die Geldmenge (M) steigt, dann muss entweder Y oder P steigen oder V sinken. Alte Lehrb\u00fccher erkl\u00e4ren h\u00e4ufig, dass bei der Annahme eines konstanten V (sic!) die Preise P steigen m\u00fcssen, wenn die Geldmenge M steigt, siehe z. B. <a href=\"https:\/\/www.uni-muenster.de\/Geschichte\/SWG-Online\/wirtschaftswachstum\/glossar_fisher.htm\">hier<\/a>.<\/p>\n<p>Surprise: V ist aber nicht konstant. Das V in der Gleichung ist eine Art Zaubervariable, die sich immer so anpasst, dass die Identit\u00e4t gilt: Aber V ist eben an sich nicht beobachtbar. Und so wurde die Quantit\u00e4tsgleichung \u00fcber die Jahre in der Volkswirtschaftslehre immer weniger relevant, w\u00e4hrend empirisch besser zu beobachtende Zusammenh\u00e4nge mehr Beobachtung erfuhren. Charles Goodhart <a href=\"https:\/\/journals.sagepub.com\/doi\/abs\/10.1177\/0027950107080389?journalCode=nera\">fragte zum Beispiel schon 2007<\/a> \u201ewas passierte mit der Geldmengenanalyse?\u201c und stellte fest, dass kaum eine Zentralbank der Welt sie noch nutzt. Sp\u00e4testens wenn die Inflationssteuerung eine andere Geldpolitik verlangt als die monet\u00e4re Analyse, spricht sehr viel daf\u00fcr, dass die Zentralbank die monet\u00e4re Analyse zun\u00e4chst ignoriert: Sie muss die Geldpolitik w\u00e4hlen, die im Hinblick auf die Erreichung ihres Mandats am vielversprechendsten ist.<\/p>\n<p>Im Jahr 2020 gibt es weltweit keine Zentralbank mehr, die der monet\u00e4ren Analyse Gewicht zuschl\u00e4gt: Alleine das l\u00e4sst die These von Stark &amp; Co fragw\u00fcrdig erscheinen, dass die Abkehr von der Geldmengenanalyse Zeichen einer Politisierung oder gar Mandatsverletzung der EZB w\u00e4re. Die Autoren stehen damit allein auf weiter Flur.<\/p>\n<p><strong>Cui bono?<\/strong><\/p>\n<p>Wieso diese theoretische Abenteuerfahrt, um das Relikt der Geldmengenanalyse aus dem Grab zu holen? J\u00fcrgen Stark war einer ihrer gr\u00f6\u00dften Bef\u00fcrworter nachdem sein Vorg\u00e4nger als Chefvolkswirt der EZB Otmar Issing sie in den 90er Jahren bei der Gr\u00fcndung der Zentralbank als gleichberechtigten Pfeiler der Geldpolitik durchsetze.<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a><\/p>\n<p>Die 90er Jahre waren war eine Zeit, in der Zentralbanker \u00fcber wesentlich weniger Daten und noch viel geringere Rechenkapazit\u00e4t verf\u00fcgten. Es war eine Zeit, in der Geldpolitk als \u201eKunst\u201c und nicht als \u201eWissenschaft\u201c verstanden wurde.<\/p>\n<p>Bis in die 90er Jahre dachten Zentralbanker, es sei wichtig, dass sie m\u00f6glichst konservativ erscheinen m\u00fcssen um mit strenger Miene die zu immer h\u00f6herer Verschuldung neigenden Parlamentarier zu tadeln (eine fundamentale Kritik an der geldpolitischen Theorie dieser Zeit findet sich z. B. bei <a href=\"https:\/\/academic.oup.com\/cje\/article-abstract\/28\/4\/549\/1698044\">Bibow<\/a>). Gleich doppelt verlangen Stark &amp; Co in ihrem Aufsatz, man m\u00fcsse Geldpolitik wieder als \u201eKunst\u201c und weniger als Wissenschaft verstehen.<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a> W\u00e4hrend die Geldpolitik der letzten Jahre m\u00f6glichst transparent und auf wissenschaftlichen Grundlagen entscheiden wollte um antizipierbar zu sein, scheinen die Autoren in der <em>Welt<\/em> wieder zu einer Welt zur\u00fcck zu wollen, in der das Vertrauen auf konservative und integre Zentralbanker ausreichen sollte, um die Inflationserwartungen auf der H\u00f6he des Inflationsziels zu verankern.<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">[4]<\/a> Es geht Stark &amp; Co also um einen Kulturkampf um die Hegemonie in der geldpolitischen Debatte und darum, wie ein \u201eguter\u201c Notenbanker aufzutreten und zu handeln hat: Der ideale Notenbanker der 90er war ein autorit\u00e4r auftretender, streng dreinblickender Mann, der noch im Schlaf dar\u00fcber nachdachte, wo er die n\u00e4chste Inflationsgefahr noch im Keim ersticken k\u00f6nnte. Im Jahr 2020 laufen Nerds teilweise kaugummikauend in Jeans durch die heiligen Hallen der Zentralbank und entwerfen Modelle zur Inflationssteuerung, die die Wirkung geldpolitischer Ankaufprogramme belegen (z. B. <a href=\"https:\/\/www.bundesbank.de\/resource\/blob\/831222\/0af6c789c33e546673b3b845ddc7b1c5\/mL\/2020-04-portfolioanpassungen-data.pdf\">hier<\/a> und <a href=\"https:\/\/www.federalreserve.gov\/econres\/feds\/macroeconomic-effects-of-large-scale-asset-purchases-new-evidence.htm\">hier<\/a>).<\/p>\n<p>Dieser Kulturkampf zeigt sich nicht nur in der Geldpolitik, sondern es gibt ihn \u00fcberall. Im Fu\u00dfball wurde Ralf Rangnick in den 90ern noch als Fu\u00dfballprofessor bel\u00e4chelt: Heute nutzt jedes Bundesligateam wissenschaftliche Methoden und Datenanalyse. Die CEOs der m\u00e4chtigsten Unternehmen sa\u00dfen in den 90ern in Anzug und Krawatte vor riesigen Holzschreibtischen\u2014heute tragen sie insbesondere in den USA Rollkragenpullover, Hoodies und T-Shirts.<\/p>\n<p>Nun sind Kulturk\u00e4mpfe um die Hegemonie in Machtpositionen nicht ungew\u00f6hnlich und \u00fcberaus menschlich\u2014aber wer so vehement wie Stark &amp; Co darauf pocht, man m\u00fcsse doch jetzt mal aufh\u00f6ren mit der Datenanalyse und wieder zur\u00fcck in die 90er, der muss sich auch vorhalten lassen, hier Partikularinteressen zu vertreten. Wer den Text von Stark &amp; Co liest, der merkt sofort, in welcher Stimmungslage er verfasst wurde: Der Text verspr\u00fcht die Emp\u00f6rung von M\u00e4nnern, die viel f\u00fcr Deutschland geleistet haben und die sich nun abgewertet f\u00fchlen, weil sich die Welt ver\u00e4ndert hat; er ist kein Debattenbeitrag f\u00fcr zivilisierte Kamingespr\u00e4che \u00fcber optimale Politikempfehlungen bei einem Glas Rotwein, sondern eine w\u00fctende Kampfansage voller Vorw\u00fcrfe, die den Handelnden in der EZB unlautere Motive unterstellt.<\/p>\n<p>Dieser Weg darf nicht weiter verfolgt werden. Jeder Beziehungsratgeber erkl\u00e4rt, dass wir bei Konflikten auf keinen Fall anderen unlautere Motive vorwerfen sollten, wenn wir die Beziehung retten wollen\u2014und die gro\u00dfe Mehrheit der Deutschen m\u00f6chte gerne eine gute Beziehung zur Europ\u00e4ischen Union und zur Europ\u00e4ischen Zentralbank. Wenn die Meinung der Anderen nicht mehr als legitim gilt, bleibt nur noch der Bruch mit dem Status Quo und das Ende der Beziehung: Stark &amp; Co\u2019s Forderung nach einer Neufassung des Grundgesetzes als angebliche rechtliche Notwendigkeit f\u00fcr eine Fortf\u00fchrung bereits bestehender Politikma\u00dfnahmen ist letztlich nichts als die Forderung nach einem Austritt Deutschlands aus der W\u00e4hrungsunion. Allen Beteiligten ist daher zu raten, wieder zu zivilisierten Formen des Diskurses zur\u00fcckzukehren: Dazu geh\u00f6rt, sich mindestens vorstellen zu k\u00f6nnen, dass man durch gute Argumente \u00fcberzeugt werden k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Stark, Meyer und Schnabl sind kluge \u00d6konomen, deren Energie und Erfahrung im Interesse Deutschlands und Europa besser eingesetzt werden k\u00f6nnen als f\u00fcr einen aussichtslosen Kulturkampf gegen empirische Geldpolitik. Denn eines haben Geldpolitik, Unternehmensf\u00fchrung und Fu\u00dfballmanagement gemeinsam: Wer sie evidenzbasiert betreibt und stetig seine Datenanalyse verbessert, erzielt die besseren Ergebnisse. Genau wie ein Blick \u00fcber den Atlantik hilft um zu sehen, dass die fr\u00fchzeitigen Einschr\u00e4nkungen w\u00e4hrend der Pandemie in Deutschland uns vor Todeszahlen wie in New York bewahrt haben, so ist ein Blick \u00fcber den Atlanktik auch in geld- und wirtschaftspolitischen Fragen sinnvoll. So hat Fed-Pr\u00e4sident Powell den US-Kongress k\u00fcrzlich nicht etwa vor einer angeblichem Zombifizierung der Wirtschaft durch niedrige Zinsen <a href=\"https:\/\/www.nytimes.com\/2020\/04\/29\/upshot\/fed-powell-economy-pandemic.html\">gewarnt<\/a>, sondern vor den negativen Effekten f\u00fcr den Wohlstand der Menschen in den USA, der durch unn\u00f6tige Insolvenzen bei vorschnellen Zinserh\u00f6hungen ausgel\u00f6st w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Auch hier gilt: Wenn alle Zentralbanken weltweit mit niedrigen Zinsen und Ankaufprogrammen operieren, dann ist es schlicht unlauter zu behaupten, die EZB w\u00fcrde dies nicht aus geldpolitischen Motiven tun, sondern um Staaten zu finanzieren.<\/p>\n<p>Kritik ist wichtig und Politik nicht alternativlos. Aber wer wie Stark &amp; Co das Vertrauen in die moralische Integrit\u00e4t seiner Diskurspartner verloren hat, darf kein Ratgeber f\u00fcr die weitere Zusammenarbeit in Europa sein.<\/p>\n<hr>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Insbesondere, so die Autoren, galt f\u00fcr die Geldpolitik der Bundesbank der 90er Jahre die monet\u00e4re Analyse\u2014also der Blick auf verschiedene Geldmengengr\u00f6\u00dfen\u2014formell noch als gleichberechtigt zur Inflationsanalyse. Ob sie das auch tats\u00e4chlich \u00fcberhaupt war, wird wissenschaftlich debattiert. Federal Reserve Vize-Pr\u00e4sident Clarida <a href=\"https:\/\/www.nber.org\/chapters\/c8890.pdf\">meint nein<\/a>, Bundesbank-Volkswirte <a href=\"https:\/\/www.sciencedirect.com\/science\/article\/abs\/pii\/S1062940805000240\">meinen ja<\/a>.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Unabh\u00e4ngig von der Frage, ob die monet\u00e4re Analyse wieder mehr Bedeutung erfahren sollte, erscheint J\u00fcrgen Stark in dieser Frage \u00e4hnlich unabh\u00e4ngig wie ein Essay von Margarete Thatcher zum Thema \u201ePrivatisierungen Pro &amp; Contra\u201c oder von Joe Exotic zum Thema \u201eoptimales Umfeld f\u00fcr Wildkatzen\u201c.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> Dabei ignorieren die Autoren, dass gerade das Verst\u00e4ndnis der Geldpolitik als Wissenschaft zentral f\u00fcr die Frage ist, ob die Zentralbank unabh\u00e4ngig sein sollte\u2014w\u00e4re Geldpolitik keine Wissenschaft, dann spr\u00e4che wenig daf\u00fcr, sie durch nicht demokratisch legitimierte Technokraten bestimmen zu lassen.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a> Auf die Frage hin, auf welche Indikatoren er denn besonders achten w\u00fcrde in der Frage, ob sie die Zinsen anpassen m\u00f6chte, antworte der damalige Fed-Pr\u00e4sident Greenspan 1995 vor dem Senate Banking Committee leicht ironisch: \u201eIf I say something which you understand fully in this regard, I probably made a mistake.\u201c Zentralbanken heute versuchen indes, ihre Entscheidungsgrundlagen so transparent wie nur m\u00f6glich zu machen und halten dies als Grundvoraussetzung f\u00fcr die Unabh\u00e4ngigkeit der Geldpolitik: Wer ohne demokratische Kontrolle agiert, der muss mindestens seine Entscheidungen ausf\u00fchrlich erkl\u00e4ren und alle Einflussfaktoren offenlegen, die zu seiner Entscheidung f\u00fchrten.<\/p>\n<p><em>Picture credit: <a href=\"https:\/\/www.flickr.com\/people\/66019457@N08\">Kiefer<\/a><\/em><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>FLORIAN KERN Die Welt ver\u00f6ffentlichte am 20. 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