{"id":2653,"date":"2021-03-25T15:07:00","date_gmt":"2021-03-25T14:07:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.dezernatzukunft.de\/?p=2653"},"modified":"2023-11-28T10:51:26","modified_gmt":"2023-11-28T09:51:26","slug":"finanzakrobat-bundeshaushalt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dezernatzukunft.org\/en\/finanzakrobat-bundeshaushalt\/","title":{"rendered":"Finanzakrobat Bundeshaushalt"},"content":{"rendered":"<div class=\"thn_post_wrap\">\n<p>Eine turbulente Woche. Wir blicken an Ministerpr\u00e4sidentenkonferenzen und Corona-Geschehen vorbei und fokussieren uns auf das, was wir am besten verstehen: \u00f6ffentliche Finanzen. Gestern diskutierte das Bundeskabinett einen Nachtragshaushalt f\u00fcr 2021, die Eckwerte des Haushaltsregierungsentwurf 2022 sowie die mittelfristige Finanzplanung bis 2025. Unsere Analyse zeigt, dass sie viel Finanzakrobatik enthalten. Nicht, weil das f\u00fcr Wirtschaft und Land richtig und wichtig w\u00e4re, sondern weil es durch die einengenden Beschr\u00e4nkungen der Schuldenbremse n\u00f6tig gemacht wird. Anstatt eine Konzentration auf das Wesentlich zu f\u00f6rdern, zwingt diese die Haushaltspolitik, sich zwischen Verrenkungen und schlechter Finanzpolitik zu entscheiden. Wir freuen uns zwar, dass gestern Ersteres gew\u00e4hlt wurde aber sorgen uns, dass daf\u00fcr transparenzsch\u00e4digende Akrobatik n\u00f6tig war.<\/p>\n<div class=\"executivesum\" style=\"border-left: 8px solid #ee6174; text-align: left;\">\n<p>Zusammengefasst:<\/p>\n<ul>\n<li>2021 wird nochmal ein kr\u00e4ftiger Puffer aufgebaut<\/li>\n<li>2022 wird die Notlagenargumentation bis aufs \u00c4u\u00dferste gedehnt, um die Schuldenbremse ein weiteres Mal auszusetzen<\/li>\n<li>2023 und 2024 werden Klippen vermieden durch Aufbrauchen der R\u00fccklage<\/li>\n<li>Und 2025 ist dann so weit weg, dass die Einsparbedarfe unter der Schuldenbremse jemands anderes Problem sind<\/li>\n<\/ul>\n<\/div>\n<p><strong><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-2693\" src=\"http:\/\/www.dezernatzukunft.de\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/chart-hh-CD-1.png\" alt=\"\" width=\"800\" height=\"482\" srcset=\"https:\/\/dezernatzukunft.org\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/chart-hh-CD-1.png 800w, https:\/\/dezernatzukunft.org\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/chart-hh-CD-1-300x181.png 300w, https:\/\/dezernatzukunft.org\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/chart-hh-CD-1-768x463.png 768w, https:\/\/dezernatzukunft.org\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/chart-hh-CD-1-100x60.png 100w\" sizes=\"auto, (max-width: 800px) 100vw, 800px\" \/><\/strong><\/p>\n<h4><strong>Um was ging es?<\/strong><\/h4>\n<p>Gestern <a href=\"https:\/\/bundesfinanzministerium.de\/Content\/DE\/Pressemitteilungen\/Finanzpolitik\/2021\/03\/2021-03-24-bundeshaushalt-2022.html\">legte das Bundesfinanzministerium dem Bundeskabinett<\/a> einen Nachtragshaushalt im Umfang von 50 Mrd. Euro f\u00fcr 2021 vor. &nbsp;Rund die H\u00e4lfte davon entf\u00e4llt auf Unternehmenshilfen. Zus\u00e4tzlich werden weitere Gelder f\u00fcr die Beschaffung von Impfstoffen eingeplant, sowie f\u00fcr noch nicht bekannte weitere Kosten der Coronakrise.<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\"><sup>[2]<\/sup><\/a> Mit diesem Nachtraghaushalt liegt die geplante Neuverschuldung f\u00fcr 2021 nun bei 240 Mrd. Euro, weit \u00fcber den 130 Mrd. Euro, die 2020 schlussendlich gebraucht wurden. Tendenziell ist hier mit Puffer geplant. Die Aussetzung der Schuldenbremse wird also voll genutzt: Wenn schon die Gelegenheit besteht, sich Beinfreiheit zu schaffen, dann richtig. Angesichts der unsicheren Lage ist dies absolut sinnvoll.<\/p>\n<p>Der ebenso vorgelegte Haushaltsentwurf 2022 ist eine schwierigere Aufgabe: Es sei denn die Impfkampagne verz\u00f6gert sich weiter, wird man kaum noch argumentieren k\u00f6nnen, dass sich Deutschland in einer Notlage befindet. Der Patient mag noch angeschlagen sein, aber f\u00fcr diese Lage gibt es unter der Schuldenbremse keine spezielle Vorkehrung.<\/p>\n<p>W\u00fcrde man zur Schuldenbremse zur\u00fcckkehren, m\u00fcsste die Neuverschuldung dramatisch heruntergefahren werden. Laut unseren Berechnungen w\u00e4re eine Reduzierung der Neuverschuldung um mindestens 80% bis 85% gegen\u00fcber 2021 notwendig, mit schweren Auswirkungen auf die Nachfrage und damit auf die wirtschaftliche Erholung.<\/p>\n<p>Um diese Vollbremsung zu vermeiden, gibt es eine Dosis juristischer Denkakrobatik, die aus einem Nachkrisenjahr schnell ein Krisenjahr macht. Olaf Scholz rechtfertigte den Schritt gestern mit dem weiterhin unsicheren Pandemie-Verlauf. So kann die Schuldenbremse ein weiteres Jahr ausgesetzt bleiben und eine Neuverschuldung von 80 Mrd. Euro eingegangen werden.<\/p>\n<h4><strong>Blick \u00fcber die Klippe 2023<\/strong><\/h4>\n<p>Mit den Eckpunkten des Haushalts 2022 macht der Bundesfinanzminister klar, dass mit der anhaltenden Pandemie und der unsicheren Wirtschaftslage im kommenden Jahr kein ausgeglichener Haushalt m\u00f6glich ist. Damit kann der zus\u00e4tzliche fiskalische Spielraum 2022 genutzt werden, um die Folgen der Pandemie abzufedern. Auch wenn wir skeptisch auf die daf\u00fcr n\u00f6tige Begriffsakrobatik blicken, so liegt der Minister in der Sache v\u00f6llig richtig. Eigentlich interessant ist, wie sich die Bundesregierung die Zeit der wirtschaftlichen Erholung danach vorstellt.<\/p>\n<p>Denn ab 2023 soll die Schuldenbremse wieder voll greifen. Einen \u201eRecovery\u201c Modus gibt es nicht. Zus\u00e4tzlich m\u00fcssen dann <a href=\"https:\/\/www.bundestag.de\/dokumente\/textarchiv\/2020\/kw27-de-nachtragshaushaltsgesetz-701728\">bis 2042 j\u00e4hrlich<\/a> knapp 2 Mrd. Euro der Corona-Schulden von 2020 getilgt werden.<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\"><sup>[3] <\/sup><\/a> Da damit die Nettokreditaufnahme eingeschr\u00e4nkt wird, haben wir uns die Finanzierung der zuk\u00fcnftigen Haushalte genau angesehen (siehe Grafik oben).<\/p>\n<p>Was dabei ins Auge springt: Selbst bei steigenden Steuereinnahmen, Geldern aus dem Krisenbew\u00e4ltigungsfonds der EU (<a href=\"https:\/\/ec.europa.eu\/info\/strategy\/recovery-plan-europe_de#nextgenerationeu\">NextGenerationEU<\/a>) und 20 Mrd. Euro geringeren Ausgaben fehlen f\u00fcr die Jahre 2023\u201325 70 Mrd. Euro. Allein 2023 m\u00fcssen 32,2 Mrd. Euro gefunden oder gek\u00fcrzt werden.<\/p>\n<h4><strong>Umschiffung dank R\u00fccklagen<\/strong><\/h4>\n<p>In ihrer Planung umschifft die Bundesregierung diese Klippe durch einen R\u00fcckgriff auf ihre R\u00fccklagen. 2023 soll die gesamte L\u00fccke auf diesem Weg geschlossen werden, 2024 sollen weitere 16 Mrd. aus der R\u00fccklage verwendet werden. Damit w\u00e4re die R\u00fccklage ersch\u00f6pft, die \u00fcbrige L\u00fccke bis zu den 70 Mrd. wird daher als \u201eHandlungsbedarf\u201c ausgewiesen (4,9 Mrd. Euro 2024, 15,2 Mrd. Euro 2025).<\/p>\n<p>Auf diese Art und Weise kann 2023 die Schuldenbremse auf dem Papier eingehalten werden, ohne dass die Wirtschaft durch eine Austerit\u00e4tswende wie 2010-11 in der Erholungsphase ausgebremst wird. Auch das begr\u00fc\u00dfen wir; drei Dinge machen uns trotzdem Bauchschmerzen.<\/p>\n<ul>\n<li>\n<h5><strong>Intransparenz dank R\u00fccklagen<\/strong><\/h5>\n<\/li>\n<\/ul>\n<p>\u201eR\u00fccklagen\u201c klingt so, als h\u00e4tte der Staat in fr\u00fcheren Jahren Geld auf das Sparkonto gelegt, das er nun abrufen und so eine weitere Aufnahme von Schulden verhindern k\u00f6nnte.<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\"><sup>[4]<\/sup><\/a> Das stimmt jedoch nicht. Eine R\u00fccklage ist nicht mehr, als die in fr\u00fcheren Jahren vom Parlament erteilte Befugnis f\u00fcr die Regierung Geld auszugeben, die bis jetzt schlicht noch nicht genutzt wurde. Wenn die Regierung dieses Geld 2023 wirklich ausgeben will, dann muss sie es zu diesem Zeitpunkt aufbringen, indem sie eine Anleihe am Markt begibt, also sich verschuldet. Auch 2023 wird also die Verschuldung zunehmen, selbst wenn das nicht in der im Haushalt berechneten Nettoneuverschuldung auftaucht.<\/p>\n<p>Ist das problematisch? <em>Finanziell <\/em>ist es aus unserer Sicht v\u00f6llig unproblematisch: Der deutsche Staat verdient zurzeit mit Verschuldung Geld und er hat \u2014 wie das Jahr 2020 eindrucksvoll gezeigt hat \u2014 keine Probleme damit, in nahezu beliebigen Gr\u00f6\u00dfenordnungen selbst kurzfristig Liquidit\u00e4t zu bekommen.<\/p>\n<p><em>Transparenz- <\/em>und damit demokratietechnisch gesehen sieht es anders aus. Die Haushaltsakrobatik der Schuldenbremse \u00e4ndert wenig an der Realit\u00e4t, dass in einer Situation wie der heutigen die Unterst\u00fctzung des Staats ben\u00f6tigt wird und auch nicht ruckartig wieder abgedreht werden sollte. Sie macht es aber sehr viel schwerer zu verstehen, was eigentlich mit dem Bundeshaushalt passiert: 2023 wird es nun <em>eine<\/em> Verschuldung geben, die im Haushalt steht, die unter der Schuldenbremse abgerechnet wird, und die mit ca. 8 Mrd. Euro sehr gering ausfallen wird. Zus\u00e4tzlich wird es eine <em>andere<\/em> Verschuldung geben, die tats\u00e4chlich an den Finanzm\u00e4rkten 2023 aufgenommen werden wird, und die wahrscheinlich n\u00e4her an 40 als an 10 Mrd. Euro liegen wird. Im Zentrum der mittelfristigen Finanzplanung stehen so nicht etwa die Bedarfe der Realwirtschaft, sondern akrobatische Verrenkungen mit Buchungsvorg\u00e4ngen, die die Haushaltstransparenz reduzieren und es f\u00fcr die Bev\u00f6lkerung schwieriger machen nachzuvollziehen, wann, warum und in welchem Umfang nun Schulden aufgenommen werden.<\/p>\n<ul>\n<li>\n<h5><strong>Zielschie\u00dfen im Nebel<\/strong><\/h5>\n<\/li>\n<\/ul>\n<p>Ein zweites Problem ist wirtschaftlicher Natur. Es ist vollkommen unklar, ob die veranschlagten Ausgaben f\u00fcr 2023-25 ausreichen, um die deutsche und die europ\u00e4ische Wirtschaft wieder zur Vollauslastung zu bringen. Der Eurozone ist es z.B. nie gelungen, nach 2008 wieder auf ihren vor-Krisenpfad zur\u00fcckzukehren (siehe Abbildung). Ein \u00e4hnliches Szenario kann f\u00fcr die Nachcoronazeit nicht ausgeschlossen werden.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-3287\" src=\"http:\/\/www.dezernatzukunft.de\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/chart1-2.png\" alt=\"\" width=\"800\" height=\"482\" srcset=\"https:\/\/dezernatzukunft.org\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/chart1-2.png 800w, https:\/\/dezernatzukunft.org\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/chart1-2-300x181.png 300w, https:\/\/dezernatzukunft.org\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/chart1-2-768x463.png 768w, https:\/\/dezernatzukunft.org\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/chart1-2-100x60.png 100w\" sizes=\"auto, (max-width: 800px) 100vw, 800px\" \/><\/p>\n<p>Wie <a href=\"http:\/\/www.dezernatzukunft.de\/die-schuldenbremse-erklaert\/\">hier geschildert<\/a>, erlaubt die Schuldenbremse dem Bund zwar gewisse konjunkturabh\u00e4ngige, kreditfinanzierte Mehrausgaben, die theoretisch genau eine solche Vollauslastung erm\u00f6glichen sollten. Doch die <em>Berechnung<\/em> dieser zul\u00e4ssigen Mehrausgaben \u2014 die sogenannte Konjunkturkomponente \u2014 gleicht einem Zielschie\u00dfen im Nebel. Ihr Kernst\u00fcck ist das sogenannte Produktionspotential, welches nicht direkt beobachtet werden kann und daher mittels komplizierter statistischer Modelle gesch\u00e4tzt werden muss.<\/p>\n<p>Zwei Dinge gibt es hier auszusetzen: Erstens sind die Sch\u00e4tzmethoden bekannterma\u00dfen <a href=\"https:\/\/makronom.de\/wie-ein-makrooekonomisches-modell-der-eu-kommission-die-spaltung-der-eurozone-befoerdert-22816\">prozyklisch<\/a>. Wenn es in der Realit\u00e4t schon schlecht l\u00e4uft, rechnen sie auch das Potential schnell kleiner. Damit vertiefen sie Abschw\u00fcnge, indem sie auch in schlechten Zeiten noch Sparen verordnen, und erschweren eine rasche R\u00fcckkehr zur Vollauslastung.<a href=\"#_ftn6\" name=\"_ftnref6\"><sup>[6]<\/sup><\/a><\/p>\n<p>Zweitens ist der gesamte Ansatz realit\u00e4tsfern. Das Produktionspotential einer Wirtschaft ist stets ungewiss \u2014 noch in der <a href=\"https:\/\/www.bmwi.de\/Redaktion\/DE\/Artikel\/Wirtschaft\/Projektionen-der-Bundesregierung\/projektionen-der-bundesregierung-jahresprojektion-2021.html\">Januar-Prognose<\/a> waren die \u00d6konom:innen von einem raschen Ende der Pandemie ausgegangen und hatten eine dritte Welle nicht mitbeachtet \u2014 und h\u00e4ngt stark von fiskalpolitischen Entscheidungen ab. Wenn kr\u00e4ftig und kompetent investiert wird, kann es deutlich nach oben schnellen. Wenn verfr\u00fcht gespart wird, kann es verrosten und vergehen. Als nicht-beobachtbares Konzept mag es vielleicht in der R\u00fcckschau Sinn ergeben; aber es als vorrausschauenden Kompass zu verwenden ist Unsinn.<\/p>\n<p>Daher hat z.B. die Biden-Regierung das Produktionspotential aus ihren fiskalpolitischen Entscheidungen <a href=\"https:\/\/twitter.com\/maxkrahe\/status\/1372861859133542401\">entfernt<\/a>: Der 1,9 Bio. Dollar umfassende <em>American Rescue Plan<\/em> hat eine Gr\u00f6\u00dfe von 9% des US-BIPs, fast viermal so gro\u00df wie die <a href=\"https:\/\/www.cbo.gov\/system\/files\/2021-02\/56965-Economic-Outlook.pdf\">gesch\u00e4tzte L\u00fccke zwischen BIP und Produktionspotential<\/a> (S. 3). Zus\u00e4tzlich <a href=\"https:\/\/www.nytimes.com\/2021\/03\/22\/business\/biden-infrastructure-spending.html\">diskutiert<\/a> die Regierung nun ein 3 Bio. Dollar Infrastrukturpaket (14% des BIP).<\/p>\n<p>W\u00e4hrend die Schuldenbremse uns also zu sch\u00fcchternem Zielschie\u00dfen im Nebel zwingt, tastet die amerikanische Regierung mit <a href=\"http:\/\/www.dezernatzukunft.de\/zuversicht-statt-angst\/\">Mut und Zuversicht<\/a> die Grenzen des M\u00f6glichen ab. In Zeiten von Corona und Dekarbonisierungszwang scheint uns offensichtlich, welcher dieser zwei Ans\u00e4tze der richtige ist.<\/p>\n<ul>\n<li>\n<h5><strong> Unn\u00f6tige Gefahrensituation<\/strong><\/h5>\n<\/li>\n<\/ul>\n<p>Doch selbst falls die geplanten Ausgaben f\u00fcr 2023-25 ausreichen sollten, um unsere Wirtschaft voll auszusch\u00f6pfen, gibt noch ein drittes Problem, das uns Bauchschmerzen macht. Wie oben angesprochen, ist eine schuldenbremsenkonforme Aufstellung des Haushalt 2023 nur m\u00f6glich, indem mehr als 30 Mrd. Euro aus der R\u00fccklage entnommen werden. W\u00e4re diese leer, g\u00e4be es 2023 eine gewaltige Klippe, an der entweder der nachcorona Aufschwung oder die Einhaltung der Schuldenbremse Schiffbruch erleiden w\u00fcrden.<\/p>\n<p>Diese Gefahrensituation bleibt uns in diesem Fall nur erspart, da \u2014 entgegen der <a href=\"https:\/\/www.fdp.de\/_buerger-dauerhaft-entlasten-statt-mehrwehrsteuersenkung-finanzieren\">Forderungen<\/a> <a href=\"https:\/\/web.archive.org\/web\/20230321134958\/https:\/\/www.judid.de\/bdst-nachtragshaushalt-nicht-verfassungskonform\/\">Mancher <\/a>\u2014 die R\u00fccklagen in den Jahren 2020 und 2021 <em>nicht<\/em> angetastet wurden. Wie bei unserem ersten Punkt halten wir auch dies f\u00fcr die sachlich absolut korrekte Entscheidung. H\u00e4tte man dieses und letztes Jahr nicht das Aussetzen der Schuldenbremse maximal ausgenutzt, um neue Haushaltspuffer zu schaffen und die alten unangetastet zu lassen, s\u00e4he es 2023 noch viel d\u00fcsterer aus.<\/p>\n<p>Doch auch hier gilt: was sachlich richtig war, ist transparenz-, demokratie- und verfahrensm\u00e4\u00dfig problematisch. Unter der Schuldenbremse muss sich die Fiskalpolitik aller legal m\u00f6glichen Kniffe bedienen \u2014 darunter der Aufbau von R\u00fccklagen, die explizit in h\u00f6chster Not <em>nicht <\/em>genutzt werden sollten \u2014 um die n\u00f6tigen Spielr\u00e4ume aufzubauen, mit denen fiskalische Klippen und Gefahrensituationen dann sp\u00e4ter umschifft werden k\u00f6nnen. Tut sie dies nicht, bringt sie uns in Gefahr; tut sie es, stellt sich die Frage, warum daf\u00fcr transparenzreduzierende Finanzakrobatik n\u00f6tig sein sollte.<\/p>\n<p>Unser Blick auf die Beratungen des Bundeskabinetts gestern l\u00e4sst sich also wie folgt zusammenfassen: Sie machen das Beste aus einer schwierigen Situation. Aber die Situation ist vor allem deshalb so schwierig, <em>weil wir sie uns durch die Schuldenbremse selbst schwierig gemacht haben<\/em>. Diese Schwierigkeit k\u00f6nnten und sollten wir aufl\u00f6sen.<\/p>\n<hr>\n<h4><strong> Fu\u00dfnoten <\/strong><\/h4>\n<p><a href=\"http:\/\/www.dezernatzukunft.de\/finanzakrobat-bundeshaushalt\/#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">1<\/a> Datengrundlage: BMF <a href=\"https:\/\/www.bundesfinanzministerium.de\/Content\/DE\/Standardartikel\/Themen\/Oeffentliche_Finanzen\/Bundeshaushalt\/2022\/bundeshaushalt-2022-und-finanzplan-bis-2025.html\">hier<\/a> und <a href=\"https:\/\/bundesfinanzministerium.de\/Content\/DE\/Pressemitteilungen\/Finanzpolitik\/2021\/03\/2021-03-24-bundeshaushalt-2022.html\">hier<\/a><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.dezernatzukunft.de\/finanzakrobat-bundeshaushalt\/#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">2<\/a> F\u00fcr letzteres stehen nun 43 Mrd. Euro zur Verf\u00fcgung, das ist fast so viel wie der gesamte <a href=\"https:\/\/www.bundeshaushalt.de\/#\/2021\/soll\/ausgaben\/einzelplan.html\">Verteidigungshaushalt 2021<\/a>.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.dezernatzukunft.de\/finanzakrobat-bundeshaushalt\/#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">3<\/a> Die zus\u00e4tzlichen Corona-Schulden von 2021 werden laut Tilgungsplan <a href=\"https:\/\/www.bundesfinanzministerium.de\/Monatsberichte\/2021\/02\/Inhalte\/Kapitel-3-Analysen\/3-2-sollbericht-2021-pdf.pdf?__blob=publicationFile&amp;v=4\">von 2026 bis 2042 getilgt<\/a>.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.dezernatzukunft.de\/finanzakrobat-bundeshaushalt\/#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">4<\/a> Konkret geht es um die so genannte \u201eAsyl-R\u00fccklage\u201c, die zur Finanzierung von Aufgaben im Zusammenhang mit der Aufnahme und Unterbringung von Asylbewerbern und Fl\u00fcchtlingen geschaffen wurde. Mit den Nachtragshaushalten 2020 wurde die Zweckbindung aufgehoben, die Mittel aber nie ausgegeben. Somit k\u00f6nnen diese bewilligten Gelder nun anderweitig verwendet werden.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.dezernatzukunft.de\/finanzakrobat-bundeshaushalt\/#_ftnref5\" name=\"_ftn5\">5<\/a> Datengrundlage: Fred <a href=\"https:\/\/fred.stlouisfed.org\/series\/CLVMEURSCAB1GQEA19\">hier.<\/a><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.dezernatzukunft.de\/finanzakrobat-bundeshaushalt\/#_ftnref6\" name=\"_ftn6\">6<\/a> Die Berechnungsmethoden, die der Schuldenbremse zugrunde liegen, sehen z.B. die spanische Wirtschaft bereits bei einer Arbeitslosigkeit von 14% als vollausgelastet an. Das bedeutet, dass die spanische Regierung bereits bei einer Arbeitslosenquote von leicht unter 14% anfangen m\u00fcsste zu sparen, da sie, laut Berechnungsmethoden, ab dann in einem \u201eBoom\u201c ist.<\/p>\n<p class=\"executivesum\" style=\"border-left: 8px solid #ee6174; text-align: center;\"><em>Der <strong>Dezernatsbrief<\/strong> ist ein zweiw\u00f6chentlicher Kommentar zu aktuellen Fragen der deutschen und europ\u00e4ischen \u00d6konomie. \u00dcber Feedback und Anregungen freuen wir uns und erbitten deren Zusendung an info[at]dezernatzukunft.org<\/em><\/p>\n<hr>\n<\/div>\n<p><strong>Dar\u00fcber hinaus:<\/strong><\/p>\n<ul>\n<li>Unser Dezernatsbrief zum Weltfrauentag wurde <a href=\"https:\/\/dezernatzukunft.us18.list-manage.com\/track\/click?u=e80f99448e2133d2d0099e4cb&amp;id=46bc2a595c&amp;e=d24e0606f6\">bei Makronom ver\u00f6ffentlicht<\/a>.<\/li>\n<li>Philippa hat beim <a href=\"https:\/\/dezernatzukunft.us18.list-manage.com\/track\/click?u=e80f99448e2133d2d0099e4cb&amp;id=7632ca52a2&amp;e=d24e0606f6\">Podcast The Talking Red<\/a> mit Norbert Walter-Borjans, Sebastian Dullien, Achim Truger, Michael Schrodi und Gustav Horn diskutiert.<\/li>\n<li>Max und Philippa haben bei der Oddo Bank \u00fcber \u201e<a href=\"https:\/\/dezernatzukunft.us18.list-manage.com\/track\/click?u=e80f99448e2133d2d0099e4cb&amp;id=4a614e33c7&amp;e=d24e0606f6\">National Debt\u2014threat or opportunity<\/a>\u201c gesprochen.<\/li>\n<\/ul>\n<p><strong>F\u00fcr den Ausblick:<\/strong><br \/>\nWir sind beim <a href=\"https:\/\/dezernatzukunft.us18.list-manage.com\/track\/click?u=e80f99448e2133d2d0099e4cb&amp;id=f444b95085&amp;e=d24e0606f6\">Tag der Progressiven Wirtschaftspolitik<\/a> dabei und organisieren f\u00fcr den 29. April ein Panel zu sozial-\u00f6kologischer Transformation und Vollbesch\u00e4ftigung.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine turbulente Woche. Wir blicken an Ministerpr\u00e4sidentenkonferenzen und Corona-Geschehen vorbei und fokussieren uns auf das, was wir am besten verstehen: \u00f6ffentliche Finanzen. Gestern diskutierte das Bundeskabinett einen Nachtragshaushalt f\u00fcr 2021, die Eckwerte des Haushaltsregierungsentwurf 2022 sowie die mittelfristige Finanzplanung bis 2025. Unsere Analyse zeigt, dass sie viel Finanzakrobatik enthalten. Nicht, weil das f\u00fcr Wirtschaft und Land richtig und wichtig w\u00e4re, &#8230; <a href=\"https:\/\/dezernatzukunft.org\/en\/finanzakrobat-bundeshaushalt\/\" class=\"more-link\">Read More<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":42,"featured_media":4418,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"footnotes":"","_links_to":"","_links_to_target":""},"categories":[161],"tags":[55,183],"class_list":["post-2653","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-geldbrief-en","tag-fiscal-policy","tag-government-bonds"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v26.8 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Finanzakrobat Bundeshaushalt - Dezernat Zukunft<\/title>\n<meta name=\"description\" content=\"Institut f\u00fcr Makrofinanzen\" \/>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/dezernatzukunft.org\/finanzakrobat-bundeshaushalt\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"en_US\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Finanzakrobat Bundeshaushalt - 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