{"id":13457,"date":"2022-09-15T17:00:00","date_gmt":"2022-09-15T15:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/dezernat-zukunft.org\/?p=13457"},"modified":"2024-12-19T17:35:53","modified_gmt":"2024-12-19T16:35:53","slug":"wie-weiter-mit-dem-gas","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dezernatzukunft.org\/en\/wie-weiter-mit-dem-gas\/","title":{"rendered":"Wie weiter mit dem Gas?"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-normal-font-size\"><strong><a href=\"mailto:Philippa.Sigl-Gloeckner@dezernatzukunft.org\">Philippa Sigl-Gl\u00f6ckner<\/a><\/strong>, Janek Steitz, Max Krah\u00e9<\/p>\n\n\n<p class=\"executivesum\" style=\"border-left: 8px solid #ee6174; text-align: left;\">Bereits vor dem russischen Lieferstopp stellten die hohen Gaspreise eine besondere Herausforderung f\u00fcr die Finanz- und Wirtschaftspolitik dar. Angesichts sich vervielfachender Preise ist klar, dass Verbraucher und Unternehmen staatliche Unterst\u00fctzung ben\u00f6tigen werden und dass diese in jedem Fall betr\u00e4chtliche Volumina umfassen wird. Daher halten wir es allein aus finanzieller Perspektive f\u00fcr essenziell, sich damit zu befassen, wie m\u00f6glichst zeitnah eine zuverl\u00e4ssige Gasversorgung mit \u00fcberschaubaren Kostenrisiken sichergestellt werden kann \u2013 ohne fossile Lock-in Effekte zu kreieren, die die Klimapolitik konterkarieren. &nbsp;Im Folgenden skizzieren wir unser Verst\u00e4ndnis der Situation sowie die unserer Meinung nach plausibelsten L\u00f6sungsans\u00e4tze. Ob diese aber tats\u00e4chlich beide Ziele \u2013 zuverl\u00e4ssige und bezahlbare Gasversorgung einerseits, keine Gef\u00e4hrdung der Klimaziele andererseits \u2013 erreichen k\u00f6nnen, finden wir schwer einzusch\u00e4tzen. Wir freuen uns daher diese Woche besonders \u00fcber Input und Feedback der Expertinnen und Experten in unserer Leserschaft.<\/p>\n<h4><strong>Teure Ausgangslage<\/strong><\/h4>\n<p>Bereits vor dem Ende russischer Gaslieferungen war klar, dass die steigenden Gaspreise auch den Staat finanziell stark fordern werden. Schlie\u00dflich machen Heizkosten einen wesentlich gr\u00f6\u00dferen Anteil der Mehrkosten f\u00fcr Haushalte aus als Strom und auch Unternehmen werden die steigenden Gaspreise nicht vollends absorbieren k\u00f6nnen. Das <a href=\"https:\/\/www.diw.de\/documents\/publikationen\/73\/diw_01.c.851987.de\/22-36-1.pdf\">DIW<\/a> sch\u00e4tzt, dass selbst ein eher klein dimensionierter Gaspreisdeckel ca. 20 Mrd. Euro pro Jahr kostet.<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\"><sup>[1]<\/sup><\/a> Es kommen also potenziell sehr gro\u00dfe Ausgaben auf den deutschen Staat zu. Die ben\u00f6tigten Gelder flie\u00dfen in das Ausland, tragen also auch nichts dazu bei, die deutsche Wirtschaft zu unterst\u00fctzen. Das Leben wird schlicht teurer.<\/p>\n<h4><strong>Das Ende russischer Gaslieferungen<\/strong><\/h4>\n<p>Vor zwei Wochen hat nun Russland die Gaslieferungen nach Deutschland komplett eingestellt. Das bedeutet nicht nur, dass Deutschland mit weniger Gas klarkommen muss. Es versch\u00e4rft auch die Lage bei den Preisen: Pipelinegas wie das russische wird mittels langfristiger Vertr\u00e4ge verkauft. Diese langfristigen Vertr\u00e4ge enthalten zwar keine fixen Preise, sondern Preisformeln, die sich zum Beispiel am \u00d6lpreis oder am Gas-Spotmarkt \u2013 also den t\u00e4glich neu verhandelten Marktpreisen \u2013 orientieren. Trotzdem ver\u00e4ndern sich die Preise in den Langfristvertr\u00e4gen wesentlich langsamer als der Preis am Spotmarkt.<\/p>\n<p>Wie genau die Preisformeln aussehen ist nicht \u00f6ffentlich. Man vermutet aber, dass die vertraglich geregelten Preise einen Durchschnitt historischer Werte abbilden oder es D\u00e4mpfungsklauseln gibt, die verhindern, dass au\u00dfergew\u00f6hnlich gro\u00dfe Preisschwankungen am Spotmarkt voll durchschlagen. Das erkl\u00e4rt, wieso die deutschen Importpreise in letzter Zeit viel langsamer anstiegen als der TTF, der f\u00fcr Deutschland relevante Spotmarktpreis in den Niederlanden (siehe Abbildung 1). Stattdessen hatten wir fast japanische Verh\u00e4ltnisse. Japan importiert fast ausschlie\u00dflich \u00fcber langfristige Vertr\u00e4ge und hatte daher vergleichsweise geringe Preisanstiege zu verkraften.<\/p>\n<p><strong>Abbildung 1<\/strong><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter wp-image-13425\" src=\"https:\/\/dezernatzukunft.org\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/Abbildung-1_Geldbrief-27-300x243.png\" alt=\"\" width=\"750\" height=\"607\" srcset=\"https:\/\/dezernatzukunft.org\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/Abbildung-1_Geldbrief-27-300x243.png 300w, https:\/\/dezernatzukunft.org\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/Abbildung-1_Geldbrief-27-1024x829.png 1024w, https:\/\/dezernatzukunft.org\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/Abbildung-1_Geldbrief-27-768x622.png 768w, https:\/\/dezernatzukunft.org\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/Abbildung-1_Geldbrief-27-1536x1243.png 1536w, https:\/\/dezernatzukunft.org\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/Abbildung-1_Geldbrief-27-100x81.png 100w, https:\/\/dezernatzukunft.org\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/Abbildung-1_Geldbrief-27-1184x958.png 1184w, https:\/\/dezernatzukunft.org\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/Abbildung-1_Geldbrief-27.png 1600w\" sizes=\"auto, (max-width: 750px) 100vw, 750px\" \/><\/p>\n<h4><strong>Ritt auf der Kanonenkugel<\/strong><\/h4>\n<p>Mit dem Wegfall des russischen Gases werden deutsche Gasimporteure jedoch zuk\u00fcnftig mehr direkt am Spotmarkt einkaufen m\u00fcssen. Das Beispiel Vereinigtes K\u00f6nigreich zeigt, was f\u00fcr Auswirkung das auf die Importpreise haben k\u00f6nnte. Dort stiegen die Preise bisher wesentlich schneller und mehr oder weniger synchron mit dem Spotmarktpreis an (eine Ausnahme bildet der Juni 2022, da das Vereinigte K\u00f6nigreich in dem Monat insgesamt sehr wenig Gas und kaum Fl\u00fcssiggas kaufte).&nbsp;<\/p>\n<p>Eine Verschiebung des Handels hin zum Spotmarkt ist f\u00fcr Konsumenten und Unternehmen aus zwei Gr\u00fcnden ein Problem: Erstens k\u00f6nnten so die Gaspreise noch sehr viel schneller steigen als bisher. Allein von Juni bis Mitte September \u2013 also in <em>ca. 3,5 Monaten<\/em> \u2013 hat der europ\u00e4ische Spotmarkt TTF wieder gut 75 Euro oder gut 50% zugelegt. Zuletzt stiegen die Verbraucherpreise f\u00fcr Gas um 40% <em>pro Jahr<\/em>. Zweitens w\u00fcrde die Unsicherheit f\u00fcr Gasabnehmer signifikant zunehmen, da Preise in dem kurzfristigen und knappen Gasmarkt massiv schwanken. Es w\u00e4re wie der \u00d6lpreis auf Stereoiden, der Realit\u00e4t gewordene Albtraum von Zentralbanken, ein kleiner Ritt auf der Kanonenkugel.<\/p>\n<p>Dabei ist insbesondere unklar, ob (und falls ja, wie gut) bei derart volatilen Preisen die Absicherung \u00fcber Terminm\u00e4rkte und eine Vebraucherpreisgl\u00e4ttung \u00fcber Gro\u00dfh\u00e4ndler funktionieren w\u00fcrde. Sollten diese Preisschwankungen in erh\u00f6htem Ma\u00df auf industrielle und private Endverbraucher durchschlagen, m\u00fcssten die deutschen und europ\u00e4ischen Energie- und energieintensiven Industrien (z.B. die Chemie) in Zukunft mit einer wesentlich volatileren Kostenbasis umgehen. Haushalte m\u00fcssten sich auf hohe und massiv schwankende Energiekosten einstellen. Und selbst wenn eine Gl\u00e4ttung der Preise in Zukunft wieder funktioniert, so w\u00fcrde das erh\u00f6hte Einkaufsrisiko zu h\u00f6heren Absicherungskosten bzw. Risikomargen f\u00fchren. Das T\u00e4tigen langfristiger Investitionsentscheidungen w\u00e4re so oder so erschwert.<\/p>\n<h4><strong>Der Markt und die 50\u20ac<\/strong><\/h4>\n<p>Eine Handlungsoption f\u00fcr die Regierung w\u00e4re nun zu versuchen, den Spotmarkt unter Kontrolle zu bekommen indem man ein K\u00e4uferkartell gr\u00fcndet oder gar die EU den Gaseinkauf f\u00fcr die Unternehmen der Mitgliedsstaaten \u00fcbernimmt (so schl\u00e4gt es der <a href=\"https:\/\/www.bruegel.org\/sites\/default\/files\/2022-06\/PC-10-2022%20%281%29.pdf\">Think Tank Bruegel<\/a> vor). Ein solches K\u00e4uferkartell soll verhindern, dass mehr als n\u00f6tig gezahlt wird, damit alles frei verf\u00fcgbare Fl\u00fcssiggas nach Europa anstatt nach Asien geht.<\/p>\n<p>Das ist insbesondere dann interessant, falls am europ\u00e4ischen Markt heute weit mehr gezahlt wird als n\u00f6tig, um alles verf\u00fcgbare Fl\u00fcssiggas zu erhalten. Karsten Neuhoff, Energieexperte des DIWs, <a href=\"https:\/\/web.archive.org\/web\/20240613200936\/https:\/\/www.eprg.group.cam.ac.uk\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/combinepdf-10.pdf\">argumentiert zum Beispiel<\/a>, dass bereits bei einem Preis von 50 Euro\/MWh fast alles verf\u00fcgbare Fl\u00fcssiggas nach Europa verkauft wird und h\u00f6here Preise das Angebot kurzfristig (innerhalb der n\u00e4chsten zwei Jahre) nicht erh\u00f6hen. Zahlt man 300 Euro\/MWh, bek\u00e4me man lediglich 6% des Vorkrisenbedarfs an Gas mehr, da die Nachfrage aufgrund der extrem hohen Preise in Asien zur\u00fcckgeht.<\/p>\n<p>Wir finden es herausfordernd zu verstehen, wie belastbar diese Zahlen sind. Viel spricht daf\u00fcr, dass 50 Euro\/MWh die Kosten so gut wie aller aktiven LNG-Projekte decken, so dass h\u00f6here Preise kurzfristig, also in den n\u00e4chsten ein bis zwei Jahren, kein neues Angebot schaffen. Aus der Angebotsperspektive sind h\u00f6here Preise also kurzfristig nicht geeignet, um zus\u00e4tzliches Gas zu gewinnen.<\/p>\n<p>Unsicher ist jedoch, wie viel dieser fixen Menge an Gas Europa durch Preise oberhalb von 50 Euro\/MWh zus\u00e4tzlich anziehen kann. W\u00e4hrend Japan existentiell auf LNG-Importe angewiesen ist und sich einen Bieterwettkampf mit Europa leisten kann, wurde in anderen asiatischen Abnehmerl\u00e4ndern bereits beobachtet, dass <a href=\"https:\/\/www.reuters.com\/business\/energy\/us-lng-exports-europe-track-surpass-biden-promise-2022-07-26\/#:~:text=HIGHER%20PROFITS%20IN,profit%2C%20analysts%20said.\">bestehende Langfristvertr\u00e4ge gebrochen wurden<\/a> und \u2013 unter in Kauf nehmen der Strafzahlungen \u2013 Lieferungen kurzfristig nach Europa umgelenkt wurden. Die h\u00f6heren Preise haben hier anscheinend gezogen. Gleichzeitig war die chinesische Nachfrage nach LNG Importen, die traditionell zu 70% \u00fcber den Spotmarkt gedeckt wurde (<a href=\"https:\/\/www.diw.de\/documents\/publikationen\/73\/diw_01.c.840663.de\/diwkompakt_2022-178.pdf\">Karplus et al. 2022, S. 6<\/a>), durch Corona-Lockdowns schw\u00e4cher als \u00fcblich. Wie und ob ein Hochfahren der chinesischen Wirtschaft die Preisschwelle beeinflusst, ab der Europa den Gro\u00dfteil des verf\u00fcgbaren LNGs anziehen kann, ist unklar. Zu guter Letzt gibt es eine <a href=\"https:\/\/finance.yahoo.com\/news\/australias-viva-energy-defers-decision-090416736.html\">Reihe<\/a> <a href=\"https:\/\/www.energyintel.com\/0000017f-6da3-df49-abff-eff714760000\">LNG-Importprojekte<\/a>, die aufgrund der hohen Preise kurzfristig pausiert wurden. Ob und zu welchen Preisen (zum Beispiel bereits ab 100 oder 80 Euro\/MWh, oder erst unterhalb von 50 Euro) diese wieder aktiviert werden w\u00fcrden, welche Preise also notwendig sind, um den Wettbewerb mit ihnen um Volumina zu gewinnen, scheint uns ebenfalls unsicher.<\/p>\n<h4><strong>Langfristige Vertr\u00e4ge<\/strong><\/h4>\n<p>Neben der politischen Herausforderung, die ein gemeinsamer oder zumindest koordinierter Einkauf darstellt, ist also unklar, wie weit er den Preis tats\u00e4chlich dr\u00fccken kann. Dar\u00fcber hinaus stellen wir uns aber auch die Frage, ob hier der exklusive Fokus der Politik liegen sollte. Es w\u00e4re zwar w\u00fcnschenswert, durch ein K\u00e4uferkartell zumindest die gr\u00f6\u00dften Preisspitzen zu verhindern, doch auch mit weniger K\u00e4ufern bleibt es ein kurzfristiger Markt, der unter Knappheit stark reagieren kann und wenig Preissicherheit bietet. Sowohl f\u00fcr Verbraucher als Unternehmen ist das problematisch, da man sich nicht auf Preise einstellen kann.<\/p>\n<p>Die Crux ist folgende: Europa muss russisches Gas durch planbare und bezahlbare Alternativen ersetzen. Das geht auch bei schnellstm\u00f6glichen Fortschritten bei erneuerbarer W\u00e4rme- und Stromerzeugung und Effizienzma\u00dfnahmen vermutlich nicht ohne eine Ausweitung des f\u00fcr Europa verf\u00fcgbaren LNG-Volumens, was Investitionen in Produktion und Transportinfrastruktur, vor allem LNG-Verfl\u00fcssigungsterminals, erfordert. Diese Investitionen wiederum sind so risikobehaftet, dass sie nur von Langfristvertr\u00e4gen ausgel\u00f6st werden, nicht durch h\u00f6here aber volatilere Spotmarktpreise. Unsere Klimaziele sagen aber gleichzeitig, dass der globale Gasverbrauch durch die Verschiebung des europ\u00e4ischen Gasverbrauchs von Pipeline- zu Fl\u00fcssiggas nicht ansteigen darf. Dies spricht gegen Investitionen im gro\u00dfen Stil, insbesondere im Produktionsbereich.<\/p>\n<p>Wir sehen trotzdem drei gute Gr\u00fcnde daf\u00fcr, langfristige Vertr\u00e4ge mit amerikanischen und anderen Fl\u00fcssiggasproduzenten abzuschlie\u00dfen: Erstens reduzieren langfristige Vertr\u00e4ge die Preisvolatilit\u00e4t; zweitens kostet US-Fl\u00fcssiggas aktuell ein F\u00fcnftel des TTFs (siehe \u201eHenry Hub\u201c, der Benchmark-Preis f\u00fcr US-Fl\u00fcssiggas, in Abbildung 2).<\/p>\n<p><strong>Abbildung 2<\/strong><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter wp-image-13427\" src=\"https:\/\/dezernatzukunft.org\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/Abbildung-2_Geldbrief-27-300x200.png\" alt=\"\" width=\"750\" height=\"499\" srcset=\"https:\/\/dezernatzukunft.org\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/Abbildung-2_Geldbrief-27-300x200.png 300w, https:\/\/dezernatzukunft.org\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/Abbildung-2_Geldbrief-27-1024x682.png 1024w, https:\/\/dezernatzukunft.org\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/Abbildung-2_Geldbrief-27-768x511.png 768w, https:\/\/dezernatzukunft.org\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/Abbildung-2_Geldbrief-27-391x260.png 391w, https:\/\/dezernatzukunft.org\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/Abbildung-2_Geldbrief-27-1536x1022.png 1536w, https:\/\/dezernatzukunft.org\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/Abbildung-2_Geldbrief-27-100x67.png 100w, https:\/\/dezernatzukunft.org\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/Abbildung-2_Geldbrief-27-1184x788.png 1184w, https:\/\/dezernatzukunft.org\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/Abbildung-2_Geldbrief-27.png 1600w\" sizes=\"auto, (max-width: 750px) 100vw, 750px\" \/><\/p>\n<p>Drittens m\u00fcsste das erworbene Fl\u00fcssiggas nicht zwangsweise \u00fcber 20 Jahre \u2013 die \u00fcbliche Laufzeit dieser Vertr\u00e4ge \u2013 in Deutschland konsumiert werden. Falls die russischen Gasvolumina \u00fcber neue Kan\u00e4le auch mittel- und langfristig nicht ihr Vorkriegsniveau erreichen, weil zum Beispiel sowohl Pipeline- als auch LNG-Projekte sich ohne westliche Firmen nur schleppend realisieren lassen, k\u00f6nnte in Deutschland nicht gebrauchtes Fl\u00fcssiggas (wom\u00f6glich zu einem Abschlag) an Schwellenl\u00e4nder weiterverkauft werden, die Gas als \u00dcbergangstechnologie auch in den 2040er Jahren noch ben\u00f6tigen. Die zus\u00e4tzlichen Investitionen w\u00fcrden dann zwar eine globale Verschiebung von (russischem) Pipeline-Gas zu LNG ausl\u00f6sen, aber das Gesamtvolumen an Gas nicht erh\u00f6hen. Falls die russischen Volumina ihre Vorkriegsh\u00f6he wiedererreichen, w\u00e4re es aus Klimagesichtspunkten erforderlich, dass das \u00fcber die Langfristvertr\u00e4ge erworbene Fl\u00fcssiggas im Boden bleibt. Die T\u00e4tigung der Investition erfordert, dass auch in diesem Fall f\u00fcr das Gas gezahlt wird; dies w\u00e4re der Preis f\u00fcr Energieunabh\u00e4ngigkeit von Russland bei planbaren Preisen und ohne die Klimaziele zu verletzen. Eine solche Vertragsstruktur w\u00fcrde wiederum sehr wahrscheinlich nur mit staatlichen Garantien funktionieren.<\/p>\n<p>Wenn man eine \u00dcberwindung der Abh\u00e4ngigkeit von russischem Gas als geopolitische Notwendigkeit setzt, dann scheinen uns Langfristvertr\u00e4ge mit amerikanischen und anderen Fl\u00fcssiggasproduzenten als der Weg des geringsten \u00dcbels. Sie reduzieren die Volatilit\u00e4t und erm\u00f6glichen Investitionen insbesondere in neue Transportinfrastruktur. Wenn dies ohne die Verletzung der Klimaziele geschehen soll, dann muss die M\u00f6glichkeit in Kauf (und in die Vertr\u00e4ge) genommen werden, dass gewisse Teile des gekauften Gases am Ende im Boden bleiben. Das ist nicht unbedingt g\u00fcnstig, aber planbar. Dauerhafte Eink\u00e4ufe am Spotmarkt w\u00e4ren keins von beiden.<\/p>\n<p><em>Wir danken Alex Froley von ICIS f\u00fcr den spannenden Austausch zu LNG-M\u00e4rkten. Alle hier skizzierten Positionen, Ungenauigkeiten oder Fehler sind unsere.<\/em><\/p>\n<hr>\n<h4><strong> Fu\u00dfnoten<\/strong><\/h4>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Gedeckelt w\u00fcrden hier die ersten 8000 kWh Verbrauch pro Haushalt (der durchschnittliche Verbrauch einer <a href=\"https:\/\/www.gasag.de\/magazin\/neudenken\/gasverbrauch-jahr\">60m<sup>2<\/sup> Wohnung<\/a>) bei 7,5, Cent\/kWh. Es wird ein Marktpreis von 150 Euro\/MWh angenommen, seit Juli liegt der Preis dar\u00fcber, zuletzt bei 220 Euro\/MWh. 50% der deutschen Haushalte heizt mit Gas, es m\u00fcssten dazu noch L\u00f6sungen f\u00fcr Haushalte mit Heiz\u00f6l und Fernw\u00e4rme gefunden werden.<\/p>\n<hr>\n<h4><strong>Medien- und Veranstaltungsbericht 01.09.2022<\/strong><\/h4>\n<ul>\n<li>Ver\u00f6ffentlichungen:\n<ul>\n<li>Am 07.09. gab es eine Premiere: Der erste <a href=\"https:\/\/dezernatzukunft.org\/der-fluch-der-geldmengensteuerung-wie-eine-ideologie-erst-politik-und-dann-nebelschleier-wurde\/\">Dezernats-Comic<\/a> ist erschienen! Florian Kern hat zusammen mit dem Zeichner <a href=\"https:\/\/timbrackmann.de\/\">Tim Brackmann<\/a> die Geschichte erz\u00e4hlt, wie die Theorie der Geldmengensteuerung sich in den 1970er Jahren bei Zentralbanken durchsetzen konnte und wie sie noch lange propagiert wurde, als bereits klar war, dass sie falsch ist. Sollten wir dieses Format in Zukunft weiterverfolgen? \u00dcber Feedback zum Comic freuen wir uns besonders!<\/li>\n<li>Am 08.09. hat Chatham House einen <a href=\"https:\/\/www.chathamhouse.org\/2022\/09\/economic-basis-democracy-europe\">Bericht<\/a> \u00fcber die Zukunft der Demokratie und ihrer Beziehung zur Marktwirtschaft ver\u00f6ffentlicht, bei dem Max ein Koautor ist. Der Bericht identifiziert rapiden wirtschaftlichen Strukturwandel, wachsende Ungleichheit sowie die Entpolitisierung von Wirtschafts-, Geld- und Finanzpolitik als Mechanismen, die das Fundament der Demokratie in Europa schw\u00e4chen, und macht Vorschl\u00e4ge, wie diesen Bedrohungen begegnet werden k\u00f6nnte.<\/li>\n<li>Am 09.09. erschien ein Artikel von Philippa in der Wirtschaftswoche. Unter der \u00dcberschrift \u201eDringend gesucht: ein politischer CFO, der jetzt alle Hebel in Bewegung setzt!\u201c argumentierte Philippa, dass es gerade in unseren heutigen, unsicheren Zeiten fatal w\u00e4re, sich auf die zwei alten S\u00e4ulen deutscher Finanz- und Geldpolitik zu verlassen: Weder eine restriktive Geldpolitik noch ein dogmatisches Festhalten an der Schuldenbremse sind geeignet, um die vor uns liegenden Aufgaben zu l\u00f6sen.<\/li>\n<\/ul>\n<\/li>\n<li>Medien, Erw\u00e4hnungen und Zitate:\n<ul>\n<li>Philippa war zu Gast bei dem <a href=\"https:\/\/tearing-down-walls.podigee.io\/15-inflation-climate-environmental-justice\">Podcast \u201eTearing Down Walls\u201c<\/a> und hat dar\u00fcber gesprochen, wie eine gute und klimagerechte Zukunft finanziert werden kann.<\/li>\n<li>Martin Greive, Julian Olk und Frank Specht zitierten Philippa in <a href=\"https:\/\/www.handelsblatt.com\/politik\/deutschland\/kampf-gegen-die-inflation-arbeitgeber-ausweitung-des-sozialstaates-kann-keine-antwort-auf-steigende-energiepreise-sein\/28657020.html\">einem Artikel im Handelsblatt<\/a> vom 04.09. zum dritten Entlastungspaket der Bundesregierung.<\/li>\n<li>Florian Kern wurde am 07.09. vom <a href=\"https:\/\/www.sat1.de\/serien\/sat1-fruehstuecksfernsehen\/videos\/heizkosten-verdreifacht\">1 Fr\u00fchst\u00fccksfernsehen<\/a> zum Thema steigender Heizkosten und ihrer Bedeutung f\u00fcr private Haushalte befragt.<\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/www-stern-de.cdn.ampproject.org\/c\/s\/www.stern.de\/amp\/wirtschaft\/news\/frank-thelen-bekraeftigt-seine-thesen---oekonomen-widersprechen-32714008.html\">Der Stern berichtete am 10.09.<\/a> \u00fcber Florians <a href=\"https:\/\/twitter.com\/FlorianMKern\/status\/1568264828099198979\">Twitter-Thread<\/a> zum Zusammenhang von Geldmenge und Inflation. Florians Thread griff den Disput zwischen Frank Thelen und Ulrike Herrmann zu diesem Thema bei <a href=\"https:\/\/web.archive.org\/web\/20231129151944\/https:\/\/www.zdf.de\/nachrichten\/politik\/inflation-frank-thelen-markus-lanz-100.html\">Markus Lanz auf<\/a> und stellte fest \u2013 wie in <a href=\"https:\/\/dezernatzukunft.org\/geldpolitische-implementierung-im-wandel\/\">unserem Papier<\/a> und dem <a href=\"https:\/\/dezernatzukunft.org\/der-fluch-der-geldmengensteuerung-wie-eine-ideologie-erst-politik-und-dann-nebelschleier-wurde\/\">k\u00fcrzlich ver\u00f6ffentlichten Comic<\/a> herausgearbeitet \u2013 dass Thelens Aussagen zum Zusammenhang von Geldmenge und Preisen falsch waren.<\/li>\n<li>Am 14.09. erschien ein <a href=\"https:\/\/www.klimabuendnis.org\/newsroom\/news\/news-detail\/kommunen-fordern-verankerung-von-klimaschutz-und-klimaanpassung-als-kommunale-pflichtaufgaben.html\">Papier des Klima-B\u00fcndnis<\/a> zum Thema kommunaler Klimaschutz, in dem <a href=\"https:\/\/dezernatzukunft.org\/kommunale-klimaschutzinvestitionen-und-deren-finanzierung\/\">unser Papier zu diesem Thema<\/a> zitiert wurde.<\/li>\n<li>In ihrer <a href=\"https:\/\/www.fr.de\/wirtschaft\/gastwirtschaft\/zu-kurz-gedacht-91775976.html\">Kolumne \u201eGastwirtschaft\u201c vom 08.09.<\/a> in der Frankfurter Rundschau hat Friederike Reimer uns mit freundlichen Worten erw\u00e4hnt und festgestellt, dass \u201eThinktanks wie das Dezernat Zukunft und die Initiative Finanzwende ihr Wissen um komplexe Fragen der Finanzpolitik auf zug\u00e4ngliche Weise\u201c teilen. Es freut uns, dass unsere Arbeit gut (und verst\u00e4ndlich) ankommt!<\/li>\n<\/ul>\n<\/li>\n<li>Veranstaltungen:\n<ul>\n<li>Am 06.09. diskutierte Philippa in der Landesvertretung Baden-W\u00fcrttemberg mit Minister Danyal Bayaz, Prof. Lars Feld und Jens Spahn MdB dar\u00fcber, wie die Zeitenwende das Verh\u00e4ltnis von Staat, Wirtschaft und Gesellschaft ver\u00e4ndert.<\/li>\n<li>Am 07.09. hat Philippa bei der AG Steuerpolitik der SPD Bundestagsfraktion einen Vortrag zum Umgang mit der aktuellen Inflation gegeben.<\/li>\n<li>Am 08.09. hat Philippa einen Impuls gegeben beim Roundtable \u201eThe Political Economy of the Green Transition\u201c, organisiert vom ZOE Institut in Zusammenarbeit mit der Heinrich-B\u00f6ll-Stiftung und Adam Tooze.<\/li>\n<li>Am 13.09. haben Philippa und Kristina im Rahmen des Mercator Kollegs ein Seminar gegeben, in dem sie mit jungen \u00d6konom:innen \u00fcber aktuelle finanzpolitische Fragen gesprochen haben.<\/li>\n<li>Am 22.09. wird Philippa auf der <a href=\"https:\/\/web.archive.org\/web\/20231203015148\/https:\/\/ahg.db.com\/assets\/ahg-magazin-jubilaum-de.pdf\">Konferenz der Alfred Herrhausen Gesellschaft<\/a> Unter der \u00dcberschrift \u201eWohin wandeln wir (uns)?\u201c wird sie mit Paulina Fr\u00f6hlich, Zarah Bruhn und Dr. Wolf Heinrich Reuter \u00fcber die wirtschaftlichen Herausforderungen in Deutschland und ihre Folgen f\u00fcr die Demokratie diskutieren.<\/li>\n<li>Am 23.09. wird Philippa an der Science Movie Night der VW-Stiftung im Schloss Herrenhausen in Hannover teilnehmen. Es wird der Film \u201eMargin Call\u201c vorgef\u00fchrt, Philippa wird anschlie\u00dfend auf einem Podium das Thema \u201cZukunft der Finanzwirtschaft\u201d<\/li>\n<li>Der <a href=\"https:\/\/fiscalfuture.de\/de\/veranstaltungen\/finanzpolitischer-jugenddialog-2022\">finanzpolitische Jugenddialog<\/a> von FiscalFuture, eine unserer Partnerorganisationen im Rahmen des <a href=\"https:\/\/dezernatzukunft.org\/empn\/\">European Macro Policy Networks<\/a>, r\u00fcckt n\u00e4her: Am 24.09.22 findet er in Berlin statt! Philippa wird dort zum Thema \u201eWas hilft gegen die Inflation?\u201c sprechen.<\/li>\n<li>Am 27.09. wird Philippa beim Webtalk \u201eZukunft der Finanzpolitik in Krisenzeiten\u201c des BDI mit Lars Feld, Armand Zorn MdB und Prof. Christian Kaeser dar\u00fcber diskutieren, wie die Herausforderungen der Finanzierung der Staatsverschuldung und die Sicherung von Wohlstand und einem attraktiven Wirtschaftsstandort Deutschland bew\u00e4ltigt werden k\u00f6nnen.<\/li>\n<li>Am 28.09. wird Philippa beim <a href=\"https:\/\/www.atlanticcouncil.org\/event\/2022-frankfurt-forum\/\">Frankfurt Forum on US-European GeoEconomics<\/a> mit Maria Demertzis, Andreas Dombret und Geoffrey Okamoto \u00fcber die internationale Rolle des Euros und des Dollars sprechen.<\/li>\n<li>Am 29.09. stellt Philippa im Rahmen des <a href=\"https:\/\/www.stiftungstag.org\/veranstaltungsuebersicht\/29.09.22\">Deutschen Stiftungstags<\/a> die Arbeit des Dezernat Zukunft vor und teilt ihre Erfahrungen als Direktorin und Gesch\u00e4ftsf\u00fchrerin.<\/li>\n<\/ul>\n<\/li>\n<\/ul>\n<p class=\"executivesum\" style=\"border-left: 8px solid #ee6174; text-align: center;\"><em>Der&nbsp;<strong>Geldbrief<\/strong> ist unser Newsletter zu aktuellen Fragen der Geldpolitik und der Finanzm\u00e4rkte. \u00dcber Feedback und Anregungen freuen wir uns und erbitten deren Zusendung an philippa.sigl-gloeckner[a<\/em><em>t]dezernatzukunft.org<\/em><\/p>\n<hr>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Daher halten wir es allein aus finanzieller Perspektive f\u00fcr essenziell, sich damit zu befassen, wie m\u00f6glichst zeitnah eine zuverl\u00e4ssige Gasversorgung mit \u00fcberschaubaren Kostenrisiken sichergestellt werden kann \u2013 ohne fossile Lock-in Effekte zu kreieren, die die Klimapolitik konterkarieren. \u00a0Im Folgenden skizzieren wir unser Verst\u00e4ndnis der Situation sowie die unserer Meinung nach plausibelsten L\u00f6sungsans\u00e4tze. 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