
Bildungsfinanzchaos: Wer bestellt, bezahlt meist nicht
Hanna Merki, Dr. Florian Schuster-Johnson
Im Wahlkampf wird immer auch bessere Bildung versprochen. In unserem neuesten Papier untersuchen wir die Finanzierungsstrukturen von Kita und Schule. Es zeigt sich: Die größten Finanzbedarfe entstehen ausgerechnet auf der kommunalen Ebene – dort, wo fiskalische Spielräume am geringsten sind. Gute Bildung scheitert damit weniger am politischen Anspruch als an der bestehenden Finanzarchitektur.
Alle Wahljahre wieder: leere Bildungsversprechen
2026 ist das Jahr der Landtagswahlen. Mit fünf Landtagswahlen und drei Kommunalwahlen werden in halb Deutschland neue Parlamente gewählt. Bildungsversprechen gehören dabei zum festen Bestandteil jedes Wahlkampfs. Kaum ein Politikfeld wird so häufig und parteiübergreifend betont wie das Ziel besserer Bildung – und zugleich so beharrlich vernachlässigt. Im jüngsten IQB-Bildungstrend verfehlte mehr als ein Drittel der Neuntklässler:innen die Mindeststandards für die Mittlere Reife – ein neuer Negativrekord.
Bund und Länder reagierten darauf mit neuen Kooperationsprozessen zu Mindeststandards und datengestützter Qualitätsentwicklung – wichtige erste Schritte, doch die konkreten Zuständigkeits- und Finanzierungsfragen sind bisher nicht geklärt.[1]
In unserem neuen Papier haben wir uns mit genau diesen Fragen auseinandergesetzt: Wir haben die Geldflüsse im Bildungs- und Betreuungssystem vermessen – mit Fokus auf Kita und Schule.
Unsere Analyse legt das Bildungsfinanzchaos frei: Wer entscheidet und wer zahlt, ist in einem hochkomplexen System geregelt, bei dem Entscheidungen und Finanzverantwortung häufig auseinanderfallen. Die Achillesferse des deutschen Bildungssystems sind die Kommunen.
Wer entscheidet und wer zahlt?
Bildungspolitik ist Ländersache. Aber doch nicht so ganz. Längst tragen auch die Kommunen erhebliche Verantwortung, insbesondere in der frühkindlichen Bildung. Rechtlich ist sie ein Sonderfall: Als Teil der öffentlichen Fürsorge fällt sie unter die geteilte Verantwortung von Bund und Ländern. Der Bund nutzt diese Kompetenz zwar, um zu entscheiden – etwa durch die Einführung des Rechtsanspruchs auf einen Kitaplatz. Finanziell beteiligt er sich jedoch nur marginal und nicht dauerhaft. Operativ und finanziell tragen die Kommunen die Hauptlast. Damit hängt die Qualität der Kinderbetreuung faktisch von der Finanzkraft der Kommunen ab. Die Länder unterstützen die Kommunen zwar – doch auch dies ist regional sehr unterschiedlich.[2]
In den Schulen finanzieren die Länder den Großteil, da sie die Gehälter der Lehrkräfte zahlen. Investitionen in Gebäude, Ausstattung sowie Schulsozialarbeit werden hingegen maßgeblich von den Kommunen finanziert.
Das Geld fehlt …
Doch das Geld reicht nicht. Wir haben die Mindeststandards der finanziellen Mehrbedarfe für Kitas und Schulen zusammengetragen und den föderalen Ebenen zugeordnet (siehe Abbildung 1).
Abbildung 1

In der frühkindlichen Bildung verschiebt sich die Debatte zunehmend von Quantität zu Qualität.[3] Verbesserte Personalschlüssel, Sprachförderung und Qualifikation sind in der Sache unumstritten, aber teuer. Zusammen mit dem bisher ungedeckten Kitaplatzbedarf fehlen acht Milliarden Euro für Personal und weitere drei für entsprechende Investitionen. Mehr gebaut werden muss auch bei den Schulen. Dafür sind pro Jahr rund sieben Milliarden Euro zusätzlich nötig. Sollen auch die notwendigen Fachkräfte für Ganztagbetreuung, Unterricht und Schulsozialarbeit nicht fehlen, braucht es noch mal fast vier Milliarden Euro mehr pro Jahr für laufende Kosten[4].
… und zwar da, wo der Spielraum klein ist
Der entscheidende Punkt: Die größten Mehrbedarfe liegen ausgerechnet bei den Kommunen – also da, wo die Kassen besonders klamm sind. Kommunale Haushalte stehen durch steigende Pflichtausgaben massiv unter Druck. 2024 erreichten die Kommunen in den Kernhaushalten ein Rekorddefizit in Höhe von 24,3 Milliarden Euro.
Das KfW-Kommunalpanel weist für 2024 einen kommunalen Investitionsrückstand von 216 Milliarden Euro aus. Der größte Einzelposten: Schulen. 31 Prozent des Rückstands – rund 68 Milliarden Euro – entfallen auf den Schulbereich. Im Kita-Bereich liegt der Rückstand bei über elf Milliarden Euro. Selbst bei konservativen Schätzungen fehlen zudem auch 2030 noch knapp 200.000 Kitaplätze. Insgesamt müssten die Kommunen 75 Prozent der von uns berechneten Mehrbedarfe bei der frühkindlichen und schulischen Bildung stemmen. Das ist illusorisch. Das Versprechen guter Bildung scheitert am Bildungsfinanzchaos. Bund und Länder entscheiden, ohne das nötige Geld bereit zu stellen. Vor allem der Bund fällt durch kurzfristige Sondervermögen und Bundesprogramme[5] auf, die komplex zu beantragen sind und keine langfristigen Lösungen schaffen. Diese fiskalische Arbeitsteilung steht im Spannungsverhältnis zum Konnexitätsprinzip („wer bestellt, bezahlt“). Die Folgen zeigen sich im Bildungsalltag. Zu wenige Erzieher:innen in den Kitas und Investitionsstau an den Schulen.
Auf Worte müssen Taten folgen
Aus gesamtstaatlicher Perspektive wirkt diese Entwicklung widersprüchlich. Bildungsausgaben, vor allem in der frühkindlichen Bildung, zählen zu den produktivsten öffentlichen Investitionen. Sie erhöhen das Arbeitskräftepotenzial, steigern Produktivität und stabilisieren langfristig die Staatsfinanzen.
Kurzfristig erscheinen sie jedoch als Kostenfaktor in Haushalten, die bereits stark durch Pflichtausgaben geprägt sind. Treffen langfristig sinnvolle Investitionen auf begrenzte Mittel, dominiert häufig die kurzfristige Logik. Gute Bildung scheitert weniger an fehlender Einsicht als an institutionellen und finanziellen Mechanismen.
Im Wahljahr gilt: Auf bildungspolitische Versprechen müssen auch finanzielle Zusagen folgen. Reformen und neue Standards sind nur glaubwürdig, wenn ebenso klar ist, wie und von wem sie dauerhaft finanziert werden. Bund und Länder machen sich heute einen zu schmalen Fuß.
Unsere Leseempfehlungen:
- Unser neues Hintergrundpapier, in dem wir das Bildungsfinanzgeflecht entwirren, gibt es auf unserer Website.
- Die Bertelsmann Stiftung hat einen neuen Indikator für Kitas entwickelt: die Personalausstattungsquote. Nur 17 Prozent der Betriebe sind demnach ausreichend mit Personal ausgestattet.
- Das IW Köln hat sich in einer kürzlich erschienenen Studie genauer mit dem Bedarf an Ganztagsplätzen auseinandergesetzt.
Medienbericht 26.02.2026
Medienerwähnungen und Auftritte
- Rückblick
- Über die Studie des Dezernat Zukunft zu Europas Trümpfen gegen Trump wurde mehrfach berichtet: am 11.02.2026 bei ZDFheute, am 12.02.2026 in der SZ, am 13.02.2026 im Handelsblatt und in der ZEIT, am 16.02.2026 bei The European Correspondent, am 17.02.2026 in der BILD, am 18.02.2026 bei AOL und news.de und am 22.02.2026 in der Financial Times.
- Am 13.02.2026 erklärte Philippa Sigl-Glöckner bei WELT TV, warum die USA im Bereich Energie von Europa abhängig sind.
- Am 16.02.2026 war Philippa Sigl-Glöckner zu Gast im Podcast von Paul Ronzheimer und sprach über die Münchener Sicherheitskonferenz und die Studie des Dezernat Zukunft zu Europas Trümpfen gegen Trump.
- Am 17.02.2026 wurde Philippa Sigl-Glöckner in einem Beitrag des Deutschlandfunks zur Lage der deutschen Wirtschaft zitiert.
- Am 18.02.2026 erschien beim Deutschlandfunk ein Artikel zur Lage der deutschen Wirtschaft. Auch hier wurde Philippa Sigl-Glöckner zitiert.
- Am 20.02.2026 berichtete Tagesspiegel Background exklusiv über die Studie des Dezernat Zukunft zum Sanierungskostendeckel. Weitere Erwähnungen fand die Studie am 20.02.2026 bei energate messenger und am 23.02 bei Energie & Management.
- Am 20.02.2026 veröffentlichte FOCUS online einen Gastbeitrag von Philippa Sigl-Glöckner zu Europas Machthebeln gegenüber den USA.
- Am 21.02.2026 veröffentlichte Table.Media einen Gastbeitrag von Philippa Sigl-Glöckner zu Europas Machthebeln gegenüber den USA.
- Am 23.02.2026 berief sich Tagesspiegel Background in einem Artikel zum Emissionshandel auf Zahlen des Dezernat Zukunft.
- Ausblick
Fußnoten
[1] In der nächsten Bildungsministerkonferenz am 26. März 2026 werden die konkreten Handlungsfelder der länder- und bundesweiten Bemühungen vorgestellt.
[2] Die Finanzierungsstruktur der Kinderbetreuung variiert erheblich zwischen den Bundesländern, da die Aufteilung zwischen Ländern und Kommunen landesrechtlich geregelt wird. Während das Land in Baden-Württemberg 2024 rund 28 Prozent der öffentlichen Kita-Finanzierung übernahm, lag der Anteil in Mecklenburg-Vorpommern und Nordrhein-Westfalen bei etwa 55 Prozent.
[3] In den letzten Jahren sind die fehlenden Kitaplätze durch den starken Ausbau gesunken. Der Geburtenrückgang führt zudem vor allem in ostdeutschen Bundesländern zu einem punktuellen Überbedarf an Kitaplätzen. Aktuell werden daher teilweise schon Erzieher:innen entlassen und Kitas schließen. Bildungsforscher:innen fordern immer wieder, dass die aktuelle Situation für eine Verbesserung der Qualität der frühkindlichen Bildung genutzt werden sollte. Vor allem in Ostdeutschland sind die Personalschlüssel aktuell unter den bundesweiten Standards.
[4] Über die Finanzbedarfe für Schulsozialarbeit gibt es aktuell noch keine belastbaren quantitativen Belege, da die Schulsozialarbeit kommunal sehr unterschiedlich organisiert ist. Sie ist allerdings essenziell für den Schulalltag. Daher sind unsere Finanzbedarfe als Mindeststandard anzusehen.
[5] Ein Beispiel hierfür sind die Sprach-Kitas, die als Bundesprogramm gestartet wurden, nun aber wieder in der Verantwortung der Länder liegen. Aus finanziellen Gründen haben einige Länder dieses wichtige Programm allerdings beendet.
Der Geldbrief ist unser Newsletter zu aktuellen Fragen der Wirtschafts-, Fiskal- und Geldpolitik. Über Feedback und Anregungen freuen wir uns. Zusendung an hanna.merki[at]dezernatzukunft.org
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