
Zinserhöhungen wirken weniger als erwartet
Matthias Enzinger, Sebastian Gechert, Philipp Heimberger, Franz Prante und Dani F. Romero
Konventionelle Geldpolitik wird von der EZB weiterhin als das primäre Instrument zur Preisstabilisierung verwendet. Gleichzeitig verändern sich Preisdynamiken, angebotsseitige Schocks gewinnen an Bedeutung. Die Meta-Studie von Enzinger et al. (2025)[1] wertet über 400 Studien zur Effektivität konventioneller Geldpolitik aus und korrigiert systematische Verzerrungen, insbesondere den sogenannten Publication Bias. Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass konventionelle Geldpolitik weniger effektiv ist, als der Durchschnitt bisheriger Schätzungen suggeriert. In diesem Artikel[2] stellen Enzinger, Gechert, Heimberger, Prante und Romero die Ergebnisse ihrer Studie vor. Als mögliche Implikationen schlagen sie unter anderem einen breiteren Instrumentenmix zur Preisstabilisierung vor.
Warum haben wir dieses Papier geschrieben?
Im Sommer 2025 veröffentlichte die EZB die Ergebnisse ihrer Überprüfung der geldpolitischen Strategie. Sie wird weiter primär auf konventionelle Geldpolitik setzen, also auf die Stabilisierung der Preise über die Steuerung der Leitzinsen. Zugleich erkennt sie an, dass sich die Preisdynamiken verändert haben. Unter anderem Klimawandel und zunehmende geopolitische Spannungen erhöhen die Wahrscheinlichkeit angebotsseitiger Inflationsschocks. Im Gegensatz zu nachfrageseitigen Schocks, bei denen Output und Preise sich in die gleiche Richtung bewegen, sinkt bei einem angebotsseitigen Schock die Wirtschaftsleistung, während die Preise steigen. Leitzinserhöhungen, die nach der traditionellen Lehre Wirtschaftsleistung und Preise dämpfen, erzeugen bei angebotsseitigen Schocks somit einen Zielkonflikt, weil zur Stabilisierung der Preise eine weitere Senkung der Wirtschaftsleistung in Kauf genommen werden muss.
Um besser zu verstehen, ob konventionelle Geldpolitik im Kontext zunehmend angebotsseitig getriebener Inflation weiterhin das geeignetste Instrument ist, braucht es ein möglichst grundlegendes Verständnis der tatsächlichen Effekte von Zinsänderungen auf Wirtschaftsleistung und Preise. Enzinger et al. (2025), Fellows des Dezernat Zukunft, haben hierzu eine Meta-Studie veröffentlicht, welche die Effektivität konventioneller Geldpolitik untersucht. Die Studie sammelt bisherige quantitative Schätzungen und untersucht sie auf mögliche systematische Verzerrungen, etwa durch Publication Bias. Dafür stellen die Autoren den bislang größten Datensatz zur Schätzung der Effekte konventioneller Geldpolitik zusammen, der mehr als 400 Primärstudien umfasst. Dieser Artikel, ebenfalls geschrieben von Enzinger et al. (2025), stellt die Meta-Studie vor und diskutiert die Implikationen der Ergebnisse.
Was haben wir gelernt?
Die Ergebnisse von Enzinger et al. (2025) deuten darauf hin, dass die empirische Literatur die Wirksamkeit von Zinserhöhungen überschätzt. Basierend auf dem Durchschnitt existierender Studien scheinen Leitzinsschritte von 100 Basispunkten die Wirtschaftsleistung um rund 1 Prozent und das Preisniveau um etwa 0,75 Prozent zu senken. Durch die Publication-Bias-Korrektur der Meta-Studie schrumpfen diese Effekte deutlich. Die Wirtschaftsleistung geht um etwa 0,25 bis 0,5 Prozent zurück, die Preise nur um rund 0,15 bis 0,25 Prozent.
Konventionelle Geldpolitik erscheint damit nicht nur weniger wirksam, als es der Durchschnitt bisheriger Schätzungen nahelegt, sondern ist auch mit einem schärferen Zielkonflikt zwischen Preisstabilisierung und realwirtschaftlichen Kosten verbunden. Die sogenannte Sacrifice Ratio, also die Verringerung von Wirtschaftsleistung im Verhältnis zur Reduktion der Inflation, steigt in den bias-korrigierten Schätzungen von 1,3 auf 1,7.
Eine realistische Einschätzung der Grenzen konventioneller Geldpolitik ist daher zentral. Gerade im Kontext von zunehmend angebotsseitig getriebenen Preisdynamiken sprechen die Ergebnisse der Studie dafür, stärker auf einen breiteren wirtschaftspolitischen Instrumentenmix zurückzugreifen, statt sich exklusiv oder primär auf Leitzinsanpassungen zu verlassen.
Fußnoten
[1] Enzinger, M., Gechert, S., Heimberger, P., Prante, F., & Romero, D. F. (2025). The overstated effects of conventional monetary policy on output and prices (No. 264). I4R Discussion Paper Series.
[2] Bei dem Artikel handelt es sich um eine Übersetzung von „Interest rate hikes are less powerful in reducing Inflation than conventional wisdom suggests“, veröffentlicht auf SUERF (https://www.suerf.org/publications/suerf-policy-notes-and-briefs/interest-rate-hikes-are-less-powerful-in-reducing-inflation-than-conventional-wisdom-suggests/)
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